Kritische Steiner Ausgabe

Es ist wieder einmal das Bild eines aufgeschreckten Hühnerhaufens, das Teile der anthroposophischen Szene derzeit bieten. Erregte Artikel im Internet, verunsicherte Anfragen an „Vorstände“, provokative Anrufe und Briefe. Erinnerungen an das Steiner-Geburtstags-Jahr 2011 werden wach, als das Werk des Anthroposophie-Gründers unerwartet in großen Ausstellungen und in Gestalt auflagenstarker Biographien präsentiert wurde: Eigentlich erfreulich, allerdings nicht für manche Anthroposophen, da Steiner hier nicht von „ihren“ gewohnten Vortragsrednern und Autoren dargestellt wurde, sondern von Kunstfachleuten, Historikern und Journalisten der großen Medien. Dass diese „unseren“ Steiner anders als „wir“ angingen, sorgte für Irritationen – und manche peinliche Szene.

Das gleiche Bild zeigt sich nun, seit der angesehene philosophische Fachverlag frommann-holzboog daran geht, eine achtbändige Werkausgabe von Steiner herauszugeben. Während man noch vereinzelt Mühe damit hat zu begreifen, was überhaupt eine historisch-kritische Ausgabe ist („Kritisch? Da wird wohl Kritik an Steiner geübt!“), wird so manches Fassungsvermögen inzwischen vollends von dem Faktum überfordert, dass der verantwortliche Wissenschaftler für diese achtbändige „Schriften Kritische Ausgabe“ (abgekürzt SKA) nicht nur kein Anthroposoph ist, sondern Germanist an einer US-amerikanischen Universität, die dazu noch in Trägerschaft der mormonischen Kirche liegt. Das muss doch ein Komplott gegen die Anthroposophie sein! – selbst wenn die Mormonen im verschwörungstheoretischen Repertoire der Anthroposophie bisher gar nicht vorkamen.

Nun aber ernsthaft: Die Aufregung wäre verständlich, wenn es an der in Rede stehenden Ausgabe, die zwei wichtige Werke Steiners minuziös in ihrer Textgenese transparent macht und ausführlich kommentiert, sachlich etwas auszusetzen gäbe, wenn Verzerrungen an Wortlauten oder Fehler in der Darstellung des Textgehalts aufgetreten wären. Das aber behaupten nicht einmal die schärfsten Kritiker dieses Projekts (anthroposophische Rezensenten, die etwas von einer solchen Arbeit verstehen, haben sie ohnehin – bis hin zum Leiter des Steiner-Archivs! – differenziert und mit Zustimmung begrüßt); die Kritiker finden also keine Fehler in der Edition selbst, sondern schießen sich auf die Tatsache der Herausgabe als solche und den Herausgeber Christian Clement persönlich ein. Angeführt wird dieser Windmühlenkampf von Thomas Meyer, Herausgeber der in Basel erscheinenden Zeitschrift „Der Europäer“. Mit geradezu diebischer Freude tat Meyer in der vorletzten Ausgabe seines Blattes die Entdeckung kund, dass Clement in seiner Einleitung offenbar ein Detail übersehen hat: Steiner habe zwar kein – wie für Fachleute der antiken Philosophie üblich – akademisches Griechisch-Studium absolviert (das hatte Clement angemerkt), sich aber immerhin das Griechische im Selbststudium angeeignet, wie Steiner in seiner Autobiographie schreibt. Diese Unstimmigkeit, die weiterer Diskussion bedürfte, genügt Thomas Meyer, über das gesamte Herausgeberwerk von Clement den Stab zu brechen und ihm vollmundig das nötige „Rüstzeug“ für „normal-wissenschaftliches Arbeiten“ (!) abzusprechen.

Noch einfacher machte es sich jüngst eine andere Publikation aus der Schweiz: In der anthroposophischen Programmzeitung „Agora“ wird  zum Projekt dieser wissenschaftlich edierten Steiner-Ausgabe schlicht konstatiert, eine solche Ausgabe sei gänzlich unnötig, da Steiner schließlich „die Wissenschaft“ als solche „überwunden“ habe.

Wer geglaubt hat, solcher Hochmut sei nicht zu überbieten, weiß nicht, wozu Anthroposophen in der Lage sind. Er wird eines Besseren belehrt durch den Arzt und Medizin-Autor Olaf Koob, der in einem Leserbrief des besagten „Europäers“ Thomas Meyer für seine Aufklärungsarbeit in Sachen SKA dankt (das Buch selbst scheint er, soviel Wissenschaft muss sein, nicht zu lesen für nötig befunden zu haben) und dann noch eins drauf setzt: Die Tatsache, dass ein nicht-anthroposophischer, „verlogener“ Wissenschaftler wie Clement daran gehe, Steiners Werk herauszugeben, sei ein Angriff auf das „Immunsystem“ der Anthroposophie. „Erreger können nur dann in einen Organismus eindringen und ihn zerstören, wenn sie sich tarnen, um das ohnehin schon geschwächte Immunsystem zu umgehen“, so Koob wörtlich über den für ihn „skandalösen“ Vorgang, da das Steiner Archiv durch seine positive Beurteilung der SKA noch helfe, „die Waffen zu schmieden“, die sich gegen Steiner richteten.

Man muss Koob eigentlich dankbar sein für diese symptomatische Formulierung: Denn kaum ein Bild könnte mehr die Neigung zu Isolation, zu Abgeschlossenheit und Gruppengeist zum Ausdruck bringen als jenes, das den anthroposophischen Impuls mit etwas vergleicht, was durch ein Immunsystem vor schädlichen Einflüssen geschützt werden müsste. Exakt so hat sich die anthroposophische Bewegung und die gleichnamige Gesellschaft nur allzu lange dargelebt: als abgeschottete Insel gegenüber einer als „Außenwelt“ definierten, bedrohlichen und stets nur zum Untergang führen könnenden Kultur.

Menschen, die in dieser Weise glauben, „ihre“ Anthroposophie „immunisiert“ halten zu müssen, haben Anthroposophie offensichtlich nie als lebendiges Wesen, nie als metamorphosenfähige Kraft erlebt und selbst gelebt. Sie wollen nicht, dass Steiners Werk und die Anthroposophie sich anders entwickeln könnten – unbekannter, neuartiger, weiter als sie es gewohnt sind. In Wirklichkeit geht es ihnen in ihrer Angst vor „Gegnerschaft“ gar nicht um Steiner und sein Werk, sondern um den Verlust einer Anthroposophie-Identität, in der sie sich sicher fühlen. Es handelt sich dabei im übrigen um die gleichen Anthroposophen, die gleichzeitig stets darüber klagen, dass die „Außenwelt“ Rudolf Steiner nicht verstehe, ihn nicht ernst nähme und sich nicht mit ihm beschäftige. Sie wollen aber in Wirklichkeit gar nicht, dass man sich mit Steiner beschäftigt, sondern mit ihnen, da sie es ja sind, die jene  Vorträge oder Texte über Medizin, Kunst, Kultur, Christus, die Geschichte usw. liefern können, die den Untergang aufhalten sollen.

Ungewollt wohl hat Koob den Nagel auf den Kopf getroffen: Genau diese Art von Isolation wird in Zukunft immer weniger werden. Viele Anthroposophen haben den Panzer der Selbstimmunisierung gegen Kritik und Befruchtung durch außer-anthroposophische Impulse inzwischen abgelegt und beginnen ihr Denken dialogisch auszurichten. Anthroposophische Veranstaltungen und anthroposophisch geprägte Medien zeigen immer öfter einen Charakter von Integration statt Polarisierung. Die Zeichen stehen in Richtung eines offenen Austauschs mit der Welt. Und am Ende wird das auch den aufgeschreckten Hühnerhof beruhigen.