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Andrew Cohen ist in den vergangenen 30 Jahren ein einflussreicher spiritueller Lehrer gewesen – und ein umstrittener. Er setzte in seinem Wirken zunächst die östliche Guru-Tradition fort und gab ihr durch strenge Maßnahmen, die das Ego seiner Schüler brechen sollten, eine oftmals radikale Form. Im Laufe der Jahre und mit zunehmender Öffentlichkeit milderte sich dieses Vorgehen jedoch ab. In mehr westliche Bahnen rückte Cohen Ende der 90-er Jahre dadurch, dass er den östlichen Erleuchtungsgedanken um eine weltzugewandte evolutionäre Praxis ergänzte. Die berühmten Dialoge mit Ken Wilber entstanden und Cohens in Lennox/Masachusetts ansässige Organisation EnlightenNext bildete beinahe ein Dutzend Niederlassungen weltweit. Durch das Magazin EnlightenNext trat seine Bewegung  ins Gespräch mit der spirituellen Szene. So entstanden auch intensive Kontakte zu Anthroposophen, gerade  im Zusammenhang mit der Zeitschrift Info3.

Nun hat Andrew Cohen am 26. Juni auf seinem Blog eine Entschuldigung für sein oftmals hartes Vorgehen als Lehrer veröffentlicht und ein Sabbatical angekündigt, das der Reflexion auf seine Rolle als spiritueller Lehrer dienen soll. Insbesondere bedauert er gegenüber seinen Schülern Fehler, bei denen er sein eigenes Ego nicht in ausreichendem Maße im Blick hatte.

Der Erklärung waren lange Gespräche mit engen Schülern vorausgegangen, die sich um die zukünftige Ausrichtung und die Führung von EnlightenNext drehten. Schnell war im Internet die Rede davon, Cohen würde für immer zurücktreten, auch triumphierende Töne von Kritikern waren zu hören. Zwar kam es zu manchen Brüchen innerhalb der Schülerschaft, mittlerweile aber hat sich die Lage beruhigt und es zeigt sich, dass insbesondere in den europäischen, von der Zentrale in den USA schon immer unabhängigeren Zentren unerschüttert weitergearbeitet wird. Auch wird Cohens Schritt zunehmend in seiner inneren Konsequenz erkannt: die Verbindung östlicher Erleuchtung, die stets streng hierarchisch an einzelnen Personen ausgerichtet war, mit westlicher Weltzugewandtheit erfordert ein anderes, breiter aufgestelltes Verständnis von geistiger Führung.

Dass Andrew Cohen sich diesen Fragen nun radikal stellt und seine eigene Rolle reflektieren möchte, erscheint in diesem Zusammenhang nur konsequent. Auf der letzten Veranstaltung mit Andrew Cohen vor seinem Sabbatical in der Toskana wurden erste Veränderungen bereits sichtbar. So sprach nicht mehr nur Cohen selbst als Lehrer, sondern mit Mary Adams und Tom Steininger traten zwei enge Schüler an seine Seite. Gesprochen wurde zum Beispiel über das Gleichgewicht von Eros (als zukunftsschaffender Energie) und der dem Schutz des Gewordenen zugewandten Agape, eine Qualität, die Cohen bislang kaum geschätzt hatte. Auch gab Andrew Cohen seiner Anleitung zur Meditation erstmals eine sorgfältige schrittweise Form, die die meditative Praxis von der Beziehung zu einem Lehrer relativ unabhängig macht.

So darf man gespannt sein, wie bei EnlightenNext zukünftig und nach der erhofften Rückkehr Cohens aus dem Sabbatical über das Verhältnis zwischen Autonomie und geistiger Führung, Individualität und Gemeinschaft oder Freiheit und Liebe gesprochen wird. Insbesondere das deutschsprachige Zentrum von EnlightenNext in Frankfurt will auch seine Kooperation mit anderen spirituellen Strömungen ausweiten.

Die Autorin ist Leiterin des Instituts für anthroposophische Meditation.