Ambitioniert ist sie, die zweitägige Veranstaltung, die Mitte Juni an einem Montagmorgen in aller Frühe am Spreeufer in Berlin beginnt. Der internationale Berater Otto Scharmer (ausführliches Porträt in der Zeitschrift WIR hierProfessor an der kreativen Elite-Uni MIT in Cambridge und Gründer des internetbasierten Presencing Institutes hat ein Forum ins Leben gerufen, wo sich Menschen aus aller Welt mit den großen brennenden Fragen beschäftigen: Welche Form der Regierung ist dem Ganzen zuträglich, welches Wirtschafts- und Bankensystem? Wie gehen wir zukünftig mit den Ressourcen Boden und Nahrungsmittel um? Welche Form der Bildung benötigt die Welt von morgen, die heute beginnt?

Das sogenannte Gobal Forum trifft sich einmal jährlich. Es startete 2011 in Boston, tagte 2012 in Berlin und ist 2013 für Bali anvisiert. Das Konzept der Tagung hat experimentellen Charakter. Es basiert auf der von Scharmer entwickelten „Theorie U“, einem Prozessmodell. Vorgegeben ist nur die Struktur. Alles, was in dieser Struktur geschieht, ist lebendiger Prozess und – wenn nötig – wird die Struktur dem Prozess angepasst. Vor Ort sind wir 350 Menschen aus der ganzen Welt, weitere 150 sind online zugeschaltet. Die Konferenzsprache ist Englisch. Ich bin gespannt, wie das Experiment in einer Menschengruppe dieser kulturellen Diversität und Größe verlaufen wird.

Ein Anfang mit Musik

Die Tagung beginnt mit einem modernen, Raum öffnenden Ritual. Markus Stockhausen füllt den im Übrigen sehr schönen, großen Raum des ehemaligen Fabrikgebäudes Radialsystem zunächst mit den Klängen eines Trompetensolos. Die Räume zwischen uns Teilnehmenden füllen sich. Unter der Leitung Stockhausens erschaffen wir mit unseren Stimmen einen Klangraum auf verschiedenen Tönen und Tonvariationen. Neben Tonvorgaben für alle ist es möglich, mit eigenen Impulsen frei zu experimentieren. Mich überrascht die kraftvolle, schlichte musikalische Schönheit, die wir teilen, wo wir uns doch über Länder- und Kulturgrenzen hinweg fremd sind. Das Ritual erfüllt schließlich seinen Zweck: Wir sind da, angekommen, miteinander im Raum präsent.

In der anschließenden Begrüßung durch die Veranstalter des Presencing Institutes ergeht ein klarer Appell an unsere Mit-Verantwortung: „Wenn etwas auf der Tagung für euch nicht funktioniert, verändert es so, dass es stimmt.“ Der erste Tag ist dem tiefen Eintauchen in die Thematik gewidmet, der zweite Tag dem Handeln. Methodisch wird mit Impulsreferaten, Weltcafés, thematischen Laboratorien sowie Momenten der Stille und Open Space-Settings gearbeitet.

Bevor es losgeht, erinnert uns Peter Senge, Direktor am MIT: „Wir wissen nur sehr wenig, was es wirklich bedeutet Mensch zu sein.“ Senge hat während der gesamten Tagung berührend praktiziert, was es bedeutet, aus dem Herzen zu sprechen.

Im ersten Impulsvortrag berichtet Tania Singer, Direktorin am Max Planck Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig über Studien aus dem Forschungsgebiet „Soziale Neurowissenschaften“. In Zusammenarbeit mit Matthiew Ricard, buddhistischer Mönch und Molekularbiologe, hat sie eine Untersuchung zu Empathie und Mitgefühl durchgeführt. Gehirnscans zeigen, dass bei empathischem Handeln andere Bereiche im Gehirn aktiviert werden, als bei mitfühlendem Verhalten. Im inneren Erleben führt Empathie dazu, sich in den (negativen) Emotionen anderer zu verlieren. Mitgefühl hingegen geschieht aus einem offenen Herzen mit Distanz zu den Gefühlen anderer. In Weltcafégesprächen wird uns klar, welche Tragweite diese Unterscheidung hat. Empathisch-emotionale Verstrickungen sind entkräftend, während Mitgefühl zu Handeln führt.

Der nächste Vortrag überrascht durch ein beeindruckendes Staatsmodell. Bhutan hat in seiner Verfassung eine Art „Bruttosozialglück“ (Gross National Happiness) festgeschrieben, während es gewöhnlich doch ums Bruttosozialprodukt geht. Julia Kim (Unicef) und Tho Ha Vinh (Centre for Gross National Happiness) beschreiben das Bhutaner Modell. Das Glücklichsein, von dem Bhutans Verfassung spricht, sei nicht mit unserer heutigen „Hippie-Happy“-Vorstellung von Glück zu verwechseln, so Tho Ha Vinh. Vor dem buddhistischen Hintergrund Bhutans meine es die Transformation von Leiden durch Weisheit und Mitgefühl. Das „Bruttosozialglück“ Bhutans fußt dementsprechend auf vier handfesten Säulen: 1. auf der sozioökonomischen Entwicklung des Landes, 2. auf dem in der Verfassung festgeschriebenen Umweltschutz, 3. auf der Bewahrung und Förderung der Kultur und 4. auf einer guten Staatsführung.

Scharmers Vision einer Gesellschaft 4.0

Anschließend zeichnet Otto Scharmer visionär das Bild einer „Gesellschaft 4.0“, die co-kreativ handelt. Sie ist distributiv, direkt und dialogisch. An komplexen Entwicklungstabellen, die verschiedenste Lebensbereiche abdecken, zeigt Scharmer, wie eine gesamtgesellschaftliche Veränderung zu Stufe 4.0 aussehen könne. Auf den Punkt gebracht, fordert Scharmer: 1. eine Neuerfindung der Ökonomie durch Wiederverbindung des finanziellen Kapitals mit einer Realökonomie, die tiefere Impulse der sozialen Erneuerung einbezieht, 2. eine Neuerfindung der Demokratie, in der der Staat erneut mit Bürgern und Gemeinschaft verbunden wird und 3. eine Neuerfindung der Bildung, in der die Bildungsprogramme mit den Lernenden verbunden werden. Bei allen drei Punkten blitzte im Grunde die Frage nach der Verbindung mit dem SELBST durch. Ich bin sichtlich erstaunt, solches Denken von einem in der Wirtschaft tätigen Berater zu hören. Scharmers Vision bleibt dabei sehr konkret und praxisbezogen.

Der Nachmittag ist dem Experimentieren in Laboratorien gewidmet. Themen sind Wirtschaft, Banken, Landwirtschaft und Ernährung, Entrepreneure der Generation Y, Neuerfindung des Gesundheitssystems, „Bruttosozialglück“, Verbindung zur Quelle oder Social Presencing Theatre. Mein persönliches Interesse gilt heute dem methodischen Hintergrund der Tagung, und so entscheide ich mich für das Social Presening Theatre unter der Leitung von Arawana Hayashi. Sie ist Erfinderin der Methode und vereint als Tänzerin traditionellen japanischen Tanz und moderne Formen des Improvisationstheaters. Als Menschen mit aufrechtem Gang sei uns die Möglichkeit gegeben, eine Brücke zwischen Himmel und Erde zu bauen, so Hayashi. Auf der Erde sein, bedeute allerdings, dies auch zu spüren. Hayashi fordert uns auf, ein spürendes Bewusstsein des eigenen Körpers zu entwickeln, was uns immer wieder in die Bewusstheit des jetzigen Moments bringe. In einem zweiten Schritt gelte es ein spürendes Bewusstsein für den „sozialen Körper“ um uns herum zu entwickeln.

Wir üben schweigend in kleinen Gruppen. Mir wird klar, wie es auch nach jahrelanger spiritueller Praxis immer noch schwer ist, ein spürendes Bewusstsein einzunehmen und nicht im Denkprozess zu verweilen. Interessant ist die Interaktion, die in einer Gruppe zwischen den Gruppenmitgliedern entsteht. Der „soziale Körper“ ist in ständiger Bewegung. Handlungen eines Mitglieds lösen Handlungen bei anderen aus. Es ist nichts Neues, dass alles Handeln Konsequenzen hat, aber doch etwas, das im normalen Alltagsbewusstsein nur am äußerten Rand, wenn überhaupt, wahrgenommen wird.

Nach der Arbeit in den Laboratorien treffen wir uns mit kurzen Ergebnis-Statements in der großen Gruppe. Bei Wirtschaft, Banken und Landwirtschaft wurde z. B. klar, dass die fragmentierende Einzelbetrachtung der Themen Teil des Problems sei. Als Konsequenz werden die drei Laboratorien für den nächsten Tag zusammengelegt. Der Abend des ersten Tages klingt spät mit einem Solo-Konzert Stockhausens aus, das wir gemeinsam in dem bereits erprobten Klangraum beenden.

Am Morgen des zweiten Tages blicke ich in viele verschlafene Gesichter. Die Programmdichte fordert ihren Tribut. Nach einem kurzen Violinen-Intro von Julia Kim wird in Impulsreferaten dargelegt, was an unserem alten Gesellschaftssystem sterben müsse und wo Neues schon am Werk sei. Im Gruppenprozess sind wir am Wendepunkt angekommen. Nach dem tiefen thematischen Eintauchen des ersten Tages bewegt sich die Konferenz jetzt auf das Neue zu, das entstehen will. Wir alle sind aufgefordert, in unserer eigenen Tiefe dieses Neue zu hören, es zu erspüren und ihm durch unser Handeln zum Leben zu verhelfen.

Die Welt als System-Aufstellung

Meine Laboratorien-Entscheidung fälle ich heute zugunsten des Groß-Laboratoriums „Wirtschaft, Banken und Landwirtschaft“ unter der Leitung von Otto Scharmer und Mauricio Goldstein. In der ca. 100-köpfigen Arbeitsgruppe werden zunächst einige Best-Practice Beispiele vorgestellt. Zu den Sprechern gehören Eileen Fisher mit eigenem Mode Label, Steffen Schneider von Hawthorne Valley, Helmy Abouleish, Sohn des SEKEM-Gründers oder Thomas Jorberg von der GLS-Bank. Seine Aussage: „Ich bin ein Banker und – dass das klar ist – ich bin das gerne“ bringt uns zum Lachen.

Im zweiten Schritt machen wir uns methodisch im Social Presencing Theater an eine Systemaufstellung. Zunächst wird der globale IST-Zustand aufgestellt. Im Feld stehen so unterschiedliche Akteure wie der Boden, Banker, Landwirte, konventionell oder biodynamisch, Konsumenten, Essende, Regierung, spirituelle Führer, Kunst, Fonds, Investoren, Kinder, Tiere, Gemeinschaft. Die Figuren treten in Kommunikation, die eher wie Nichtkommunikation erscheint, von einem Dialog kann jedenfalls keine Rede sein. Irgendwann taucht ein rastloses Herz im Feld auf und bekommt später in dem traurigen Spektakel einen Infarkt.

Nach einer Weile stoppt Goldstein die Aufstellung. In einem Moment der Stille schauen wir nach innen, was sich zu diesem Szenario zeigt. Goldstein fragt sowohl Teilnehmende aus dem Zuschauerfeld, das als Ökosystem der Aufstellung gesehen wird, als auch Teilnehmende aus dem Aufstellungsfeld, wo sie einen Riss spüren, der zu einer Wandlung führen könne. Viele Stimmen verweisen auf die wichtige Rolle des Herzens im Zentrum. Eine deutliche Systemveränderung geschieht, als ein ungeborenes Kind auftritt und zum Handeln auffordert, damit sein potentielles Leben entstehen könne. Alles, was bisher fragmentiert nebeneinander stand, beginnt sich zu bewegen. Verbindungen werden geschaffen. Das Herz steht eingebunden im Zentrum. Ist die Lösung so simpel und doch zugleich so schwer? Wir als Menschen werden uns der Verbundenheit von allem bewusst und drücken das in unserem Handeln von Herzen aus. Die von uns geschaffenen Institutionen werden sich dem anpassen.

Nach der anschließenden Vorstellung der Ergebnisse in der Großgruppe gehen wir noch einmal in die Stille, um unseren persönlichen nächsten Schritt zu finden. Konkrete Umsetzungsmöglichkeiten  ergeben sich, indem man sich Initiativen anschließt, die es bereits unter den Teilnehmenden gibt oder indem neue Projekte ins Leben gerufen werden.

Müde und erfüllt, wollen wir alle bei Tagungsschluss das Gelände nicht so richtig verlassen. Es ist, als hielte uns etwas zurück. Die Arbeit auf der Grundlage von Theorie U erschafft eine erstaunliche Nähe unter Fremden mit positiver Ausrichtung für die Zukunft.