Steiner, Sloterdijk und der Imperativ zur Veränderung

Von Jens Heisterkamp

 Peter Sloterdijk hat Rudolf Steiner als großen Reformer und aktuellen Ideengeber für eine Zeit der Krisen gewürdigt. Die Hinweise des bekannten Philosophen könnten Signalwirkung haben.

Von Jens Heisterkamp

In jüngster Zeit hat das öffentliche Interesse an Rudolf Steiner deutlich zugenommen. Den Grund dieser neuen Offenheit sah Sloterdijk in einer besonderen geistesgeschichtlichen Konstellation unserer Zeit. Der Ansatz der Lebensreform als Gegenentwurf zur politischen Revolution erscheine wieder hoch aktuell. Denn im Rückblick auf das „verlorene 20. Jahrhundert“ (Sloterdijk) zeige sich heute, dass die „Revolutionären“ im Unrecht gewesen seien. Ansätze, die Welt durch Umwälzung der Verhältnisse ändern zu wollen, haben nur Zerstörung hinterlassen. Die Lebensreform dagegen, die eine Erneuerung von Innen anstrebte, hätte sich als der richtige Weg erwiesen. Außerdem sei der Blick der Öffentlichkeit auf Steiner, den Sloterdijk als „größten mündlichen Philosophen des 20. Jahrhunderts“ bezeichnete, im Wandel begriffen: Er werde heute nicht mehr wie früher als Guru, sondern inzwischen „als ganz normales Genie“ gesehen, so der Philosoph. Zu den Phänomenen der gegenwärtigen Öffnung gehöre es auch, dass neben der allgegenwärtigen „Coolness“ wieder Botschaften zugelassen würden, die eher einem Wärmestrom angehören.

Besonders interessant erschien Sloterdijks medientheoretische Deutung des Phänomens Steiner: Der Gründer der Anthroposophie habe mit seinem Ansatz „die Vertikalität neu definiert“ und die Subjektivität nach oben anschlussfähig gemacht. Steiners Übermittlung von Hinweisen aus einer „Geistigen Welt“, mit denen er die Pädagogik, die Landwirtschaft, die Medizin und viele andere Gebiete erneuerte, interpretierte Sloterdijk als quasi-mediale Durchgaben eines „Imperativs zur Veränderung“. Im Blick auf die inzwischen in vielen Museen der Welt gezeigten Wandtafelzeichnungen, mit denen Steiner seine Vorträge illustriert hatte, meinte Sloterdijk, Steiner habe „die Powerpoint-Präsentation mit Kreide“ erfunden. Die eigentliche „Power“ habe er dabei allerdings nicht wie heute aus einem auf Folien abgelegten Wissen bezogen, vielmehr habe er sich darauf verlassen, dass ihm im entscheidenden Moment die Evidenz selbst zur Hilfe kam. Steiner habe sich von der Inspiration überraschen lassen. Er sehe ihn deshalb als eine Art Medium, als einen „Antennenmenschen“.

So wie die Menschen seit der Erfindung der Antennen und des Radios in den äußeren Äther hinaushorchten, lauschen die Menschen verstärkt auch nach Innen hinein, meinte Sloterdijk abschließend. Er bezog sich dabei auf den Satz von Martin Buber: „Wir horchen in uns hinein und wissen nicht, welches Meeres Rauschen wir hören.“ „Die Sender waren damals noch nicht genau eingestellt“, erläuterte Sloterdijk. „Gleichzeitig hat bei Steiner ein viel intensiverer Empfang begonnen. Er wirkt wie manisch unter einem Diktat und hört offenbar im Äther einen Auftrag für eine Lebensreform. Hundert Jahre später nach diesem verlorenen 20. Jahrhundert fahren die Menschen wieder ihre Antennen aus und wissen nicht genau, welches Meeresrauschen sie hören. Aber sie hören den neuen absoluten Imperativ: ‚Du musst Dein Leben ändern’. Es geht um den Auftrag eine Lebensreform zu entwickeln, die die Koexistenz der Menschheit auf dem gefährdeten Planeten sichert. Und Steiner ist ein genialer Transmitter für diese Botschaft.“

Das Gespräch war Teil der Eröffnung der Ausstellung über den gestalterischen Impuls Steiners, der unter dem Motto „Die Alchemie des Alltags“ noch bis Ende April 2012 in Weil am Rhein präsentiert wird. Zuvor war die Ausstellung unter großem Medieninteresse und überwältigendem Publikumszuspruch bereits in den Kunstmuseen Wolfsburg und Stuttgart sowie im Wiener MAK gezeigt worden.

Informationen zur Ausstellung.