Der Mensch ist das Maß der Dinge – dieser auf Protagoras zurückgehende Satz könnte eine schöne Devise sein, würde sich dahinter nicht in der Regel die Meinung verbergen, dass wir Menschen nur Gefangene im Käfig unseres eigenen So-Seins sind. Egal ob in der Philosophie, in spirituellen oder naturwissenschaftlichen Kreisen oder in jüngster Zeit in der Neurobiologie: Die Annahme, dass die Wirklichkeit lediglich ein menschliches Konstrukt sei, kommt einer Eintrittskarte in jeden zeitgemäßen Diskurs gleich.

Welche Überraschung zu sehen, dass ein akademischer Philosoph nun mit Witz und Freude dagegen andenkt. Wolfgang Welsch heißt dieser letzte Gallier unter den philosophischen Römern und hat bis vor kurzem an der Universität in Jena gelehrt. Es ist vor allem die Autorität Immanuel Kants, gegen die er sich richtet, der wie kein anderer das „Ding an sich“ gründlich in ein unerreichbares Jenseits verbannte. Aber auch vollkommen anders aufgestellte Vertreter wie Feuerbach, Nietzsche, die Analytische Philosophie oder der Strukturalismus eines Foucault stehen im Bann des „anthropischen Prinzips“, wie es  Welsch nennt, des Glaubens also, dass wir die Welt nur nach Maßgabe unserer eigenen Beschaffenheit erfahren, nie aber wirklich erkennen können.

Rilke hat 1913 in dem Text Erlebnis die Erfahrung beschrieben, „auf die andere Seite der Natur geraten zu sein“. Dieses Erlebnis bildet für Welsch den Angelpunkt, nach einer gültigen Möglichkeit der Übereinstimmung von Innen und Außen zu fragen. Er trägt Anzeichen dafür in der Kunst, im Erleben der Erotik und in Gemeinschaftserfahrungen zusammen – kein Zweifel: Es gibt Zustände tiefen Einsseins. Wie aber lassen sie sich verstehen und begründen?

Den Schlüssel dazu sieht Welsch in der Evolution des Lebens und der Verwobenheit des Menschen darin. „Die Evolution liegt nicht hinter uns. Sondern wir haben den Gang der Evolution in uns“, ist er sicher. Elementare Möglichkeiten des Menschseins wie Leben, Fortpflanzung, Empfindungsfähigkeit, räumliches Sehen – die Liste ließe sich fortsetzen – sind fortlaufende Wirkungen der Evolution in uns. Analog zu den anatomischen „Passungen“, durch die wir Menschen uns den biologischen Bedingungen auf der Erde angepasst haben, gibt es für Welsch aber auch „elementare kognitive Passungen“. Seiner Überzeugung nach existiert ein evolutionär generiertes, angeborenes „Kernwissen“ in Bezug auf die Dinge, das aus frühesten evolutionären Stadien herrührt: Das Wissen etwa, dass es Objekte gibt, die dauerhaft in unterschiedlichen Perspektiven dieselben bleiben (Objektidentität und -permanenz), das Wissen um Bewegungskontinuität (die Fähigkeit, überhaupt zusammenhängende Bewegungen identischer Objekte wahrzunehmen und nicht vielmehr disparate, sich folgende Wahrnehmungsfetzen). Schon einfachste bewegungsfähige Lebewesen verwenden elementares „Wissen“, um gute Lebensbedingungen zu suchen und schlechte zu meiden. Die Evolution „hat die Keime dieses Wissens, wenn sie zufällig weltpassend waren, ‚belohnt‘ bzw. selektiert (…). Auf diese Weise ist dieses Wissen als allgemein verbreitetes Wissen entstanden“, so Welsch. Er verlegt also zentrale, bislang allein dem menschlichen Subjekt zugeordneten Kategorien in die „Natur“ bzw. in die Objektwelt selbst: „Kognition und Geist erwachsen aus der Kontinuität mit der biotischen Welt und der physischen Welt insgesamt“. Seine Schlussfolgerung: Elementare Strukturen unseres Wissens sind „weltrichtig“, es ist objektiv und erfasst die Körper „tatsächlich so wie sie sind bzw. sich verhalten.“ Denn „der Erfolg einer sich weitesthin auf kognitive Leistungen stützenden Spezies (spricht) dafür, dass deren kognitive Leistungen großenteils richtig sind“. Ähnlich argumentiert Welsch in Bezug auch im Blick auf die Objektivität der Sinneswahrnehmungen, die seit der Lehre von den spezifischen Sinnesqualitäten im 19. Jahrhundert das Paradebeispiel einer rein anthropisch gedachten Weltverzerrung bilden.

Die evolutionäre Herleitung unseres Erkennens treibt Welsch im Schlusskapitel auf die Spitze. Kognition sei gar keine epistemische Veranstaltung (also etwas nur für den Menschen Gültiges), sondern „zuerst einmal eine ontologische Veranstaltung“ – also etwas, das die Evolution selbst hervorgebracht hat. Aber damit nicht genug: „Indem das Sein (bzw. die Evolution) bis zur Erzeugung von Lebewesen und damit von Kognition vorangegangen ist, hat es gewissermaßen begonnen, Selbsterkenntnis zu betreiben“, so Welsch. „In unserem Erkennen erfasst sich die Welt“.

Mit diesem Ergebnis scheint Welsch bei einer – gleichsam naturalisierten – Metamorphose eines evolutionären Denkens angelangt, wie es auch Hegel und andere Philosophen und spirituelle Denker bewegt haben und weiter bewegen. Sein Ansatz, unser Erkennen (und damit auch das Bewusstsein) als ein evolutiv zur Welt gehöriges Element zu erklären, erinnert an frühe Ansätze des Monismus und an den philosophischen Rudolf Steiner, der anknüpfend an Haeckel das menschliche Erkennen und sogar die Moral als logische Folge der Evolution verstehen wollte. Bewusstsein als eigene Kategorie, die in der Evolution emmaniert und zu sich selbst kommt, gibt es bei Welsch allerdings ebenso wenig wie  teleologische Ansätze. Dennoch vermittelt seine Darstellung über weite Strecken das elektrisierende Gefühl, wie wir mit unserem Denken Teil des Werdens der Welt sind. Wenn man sich vor Augen hält, wie einsam diese Position von Welsch im heutigen Sommon Sense dasteht, macht allein schon der geradezu verwegene Mut seiner Argumentation sein Buch zu etwas Besonderem.

Wolfgang Welsch: Mensch und Welt. Eine evolutionäre Perspektive der Philosophie. Beck’sche Reihe, 2012, 188 Seiten € 14,95.