Autorenfoto:  Delphine Leriche

Autorenfoto: Delphine Leriche

Von Amir Ahmad Nasr

 

Ich bin im Süd-Sudan geboren, wenige Monate nach meiner Geburt zogen wir nach Katar. Dort gab es nur zwei Fernsehsender und beide wurden von der Regierung kontrolliert, genauso wie das Radio und die Zeitungen. Mein Elternhaus war weltlich und spirituell aufgeschlossen. Mein Vater wuchs in einem Sufi-Kontext auf und hatte in den USA Volkskunde studiert. Aber in der Schule hatten wir einen staatlichen Lehrplan und waren tendenziösen, politisierenden Inhalten ausgesetzt. Die Lehrer vermittelten einen strengen, politischen Religionsbegriff auf der Grundlage von Furcht und Loyalität und einer Opferhaltung gegenüber dem bösen Westen und den Ungläubigen, besonders Amerika und Israel. Wenn du dieser Botschaft in der Schule, in den Medien und in der Moschee ausgesetzt bist, fängt sie an, wahr zu erscheinen.

Weil meinem Vater eine bessere Stelle angeboten wurde, zogen wir nach Malaysia, einem sehr multikulturellen Land, in dem Muslime, Christen und Buddhisten leben. Ich ging in eine britische Internationale Schule und plötzlich war ich mit „Ungläubigen“ befreundet. Das verursachte eine tiefe Krise in mir, und zum ersten Mal wurde meinen Eltern klar, was ich in der Schule gelernt hatte. Für sie war der Hass auf andere Religionen schlicht falsch und völliger Unsinn, aber für mich war es eine große Herausforderung, plötzlich mit einer modernen, rationalen Weltsicht konfrontiert zu sein.

 

Zweifeln lernen

 

2006, ich war 19 Jahre alt, entdeckte ich das Internet. Ich las Blogs liberaler, säkularer, arabischer Blogger; ich las Wikipedia, schaute Vorträge. Ich war einer Flut rationaler Inhalte ausgesetzt, und sie sprachen mich an, weil nicht mit Angst argumentiert wurde. Die kognitive Dissonanz schien wertvoller als die Furcht vor der Hölle oder Verdammnis, womit die fundamentalistischen Prediger meiner Kindheit gedroht hatten. Und so begann ich, mein kritisches Denkvermögen zu schulen. Dabei bemerkte ich, dass niemand mir beigebracht hatte, wie man denkt. Also begann ich, über das Denken nachzudenken. Dieses Erlernen des Denkens vereinnahmte mich völlig und ich startete meinen eigenen Blog, der zwei Slogans hatte. Der erste hieß: „Ein Djihad für den Verstand – die Saat des Zweifels sähen.” Der zweite Slogan war ein Zitat des amerikanisch-sudanesischen Gelehrten Abdullahi An-Na’im: „Wenn ich nicht die Freiheit habe, nicht zu glauben, kann ich nicht glauben.“

Ich wollte bei anderen Menschen den Zweifel sähen, der mich selbst dazu gebracht hatte, das, was ich gelernt hatte, neu zu durchdenken. Als Blogger war ich anonym, aber da das Verbreiten solcher Ideen provozierte, bekam ich Kommentare von Leuten, die mir den Djihad schicken wollten. Aber freie Meinungsäußerung und die Menschenrechte waren mir ein tiefes Anliegen geworden und ich fühlte, dass ich Einfluss hatte. Auf dem Höhepunkt hatte mein Blog zehntausend Leser.

 

Während dieser Zeit entdeckte ich die „neuen Atheisten“, Autoren wie Sam Harris, Daniel Dennett, Richard Dawkins und Christopher Hitchens. Ich las alles, was sie veröffentlichten, und schaute mir jedes ihrer YouTube-Videos an. Ihr Denken wurde sehr wichtig für mich; ich hatte den Eindruck, dass es meinen Verstand befreite. Aber nach einer Weile merkte ich, dass ich zwar mental frei wurde, aber eine emotionale Leere erlebte. Es fehlte etwas. Während dieser Zeit entdeckte ich auch Ken Wilber und seine integrale Theorie.

 

Chancen der integralen Sicht

 

Es war ein langer Weg von der traditionellen islamischen Erziehung in Katar, moderner Vernunft und Vielfältigkeit in Malaysia bis zu meinen Erfahrungen, die ich in Amerika machte, wo ich heute lebe. Als ich der integralen Theorie begegnete, bekamen alle diese unterschiedlichen, fragmentierten Erfahrungen einen Sinn, und ich konnte sie integrieren.

Eines Tages ging ich zu einem Hindu-Tempel auf Bali und verbrachte dort einige Zeit mit balinesischen Hindu-Priestern. Ich meditierte und erfuhr eine spirituelle Tiefe, die sehr den Erfahrungen ähnelte, die ich im islamischen Glauben gemacht hatte. Das war für mich eine Offenbarung, denn ich erkannte, dass ich so etwas in einem Hindu-Kontext erleben konnte, ohne als Hindu aufgewachsen zu sein. Und ich hatte eine ähnliche Erfahrung in einer Kirche in New York. Durch das Singen und die Musik erlebte ich dort auch diese Qualität von Transzendenz. Somit begann ich zu verstehen, dass diese Erfahrungen auf etwas Wirkliches deuten, und dass alle diese unterschiedlichen religiösen Traditionen etwas Wichtiges zu geben haben. In diesem Licht konnte ich auch auf neue Weise die islamische Tradition wertschätzen. Ich war von der islamischen Doktrin befreit und gleichzeitig frei dazu, den Wert meiner Tradition in einer vollkommen neuen Weise anzuerkennen.

Durch mein Beispiel und meine Texte möchte ich junge Muslime dazu einladen, ihre Tradition neu zu verstehen und die besten Aspekte mit den positiven Elementen der Moderne zu verbinden. Nur so können sie die verschiedenen Aspekte in sich und in unserer Welt miteinander versöhnen. In unserer Zeit ist das dringender denn je. ///

 

 

Amir Ahmad Nasr: Mein Isl@m. Bloggen für die Freiheit. Kamphausen Verlag 2016, 336 Seiten, Broschur, € 19,95.

My Islam