Bernd Wollschläger (Foto: privat)

Bernd Wollschläger (Foto: privat)

Bernd Wollschläger, geboren 1958 in Bamberg, wächst mit einem Vater auf, der immer noch von seinem Ruhm als Panzerkommandant in Russland zehrt und sich dabei der Verstrickung der Wehrmacht in den Vernichtungskrieg Hitlers nie gestellt hat. Daheim an der Wand hängt ein Bild, das den Vater in Uniform und geschmückt mit dem Eisernen Kreuz zeigt – verliehen vom „Führer“ persönlich.

Mit etwa acht Jahren geht der kleine Bernd einmal in die obere Etage des Hauses, wo die verwitwete Vermieterin wohnt, und sieht auch dort das Bild eines Soldaten in Uniform an der Wand hängen. Als er dem Vater davon erzählt, bekommt er die schroffe Antwort: „Das war ein Verräter!“ Erst später erfährt Bernd, wem diese Verachtung seines Vaters galt: Es war Claus von Stauffenberg, dessen Witwe ironischerweise die Vermieterin der Wohnung seiner Eltern war.

Mit diesem Erlebnis beginnt der eine Teil der Spurensuche von Bernd Wollschläger: Sein Drängen auf Antworten wegen der verdrängten Schuld  Deutschlands für die Untaten der NS-Zeit. Der andere Teil seines Weges hat mit einer unerklärlichen Anziehung zu tun, die das Judentum für den Jungen hat: So übt das Zeichen des Davidsterns in der verglasten Tür seines Zahnarztes eine geradezu magische Wirkung auf ihn aus und 1972 ist der 14jährige zutiefst erschüttert, als er auf der im Fernsehen übertragenen Trauerfeier für die Opfer des Anschlags auf das israelische Olympia-Team zum ersten Mal ein Kaddish hört.

Bernd Wollschläger lernt auf einer Friedenskonferenz in Deutschland junge Israelis und Palästinenser kennen, die er bald darauf auch in Israel besucht. In seiner Autobiographie bietet die Zeit dieses ersten Aufenthaltes in Israel spannende Einblicke in die Lebendigkeit, Vielfalt und Widersprüchlichkeit dieses Staates. Bei einem Besuch der sogenannten Klagemauer, den Überresten des salomonischen Tempels, hat Wollschläger ein initiatorisches Schlüsselerlebnis: Nachdem er – obwohl eigentlich bis dahin gar nicht religiös – zum ersten Mal in seinem Leben inbrünstig gebetet hat, spricht ihn ein orthodoxer Jude mit den Worten an, obwohl er nicht wie ein Jude aussähe, habe er wie ein Jude gebetet. Es sei aber der kabbalistischen Weltsicht entsprechend möglich, dass eine jüdische Seele Einzug in eine nicht-jüdische Person halte. – Erst viel später sollte sich Wollschläger die Bedeutung dieser Worte erschließen.

Zurück in Deutschland sucht Wollschläger, inzwischen zum Medizinstudenten geworden, die Nähe der jüdischen Gemeinde in Bamberg, lernt hebräisch und nimmt an den Gottesdiensten der Synagoge teil. Schließlich gibt ein Frankfurter Rabbiner seinem Wunsch statt, ihn umfassend auf die Konversion zum Judentum vorzubereiten – ein Schritt, der gleichzeitig zum Bruch mit dem Vater führt. Nach seiner Konversion emigriert Wollschläger nach Israel und dient in der israelischen Armee. Seine zwiespältigen Gefühle als Soldat der israelischen Armee  in den besetzten Palästinensergebieten gehören zu den besonders packenden Momenten seiner Autobiographie.

Wollschläger, der später mit seiner jüdischen Familie in die USA übersiedelt, kehrt schließlich noch einmal nach Deutschland zurück, sucht am Grab seiner Eltern in Bamberg eine Art Versöhnung mit seinem Vater und spricht schließlich für seine eigenen Eltern das jüdische Totengebet, das Kaddish.

Bernd Wollschlägers Autobiographie ist ein ungewöhnliches Zeugnis eines nach dem Krieg geborenen Deutschen, der auf die Fragen nach den Verbrechen der NS-Zeit und insbesondere der Vernichtung des europäischen Judentums eine ganz persönliche Antwort gegeben hat – nicht aus dem Gefühl von Schuld, sondern der anteilnehmenden Liebe zur jüdischen Kultur und aus Begeisterung für den Mut der jüdischen Staatsgründung heraus.

Wollschläger ist weder Missionar noch Eiferer, sondert erzählt sein besonderes Leben: offen in seinen Widersprüchen und Fragen, konsequent in seinen Entscheidungen und immer persönlich authentisch. Gut verständlich und wie nebenbei erfährt man dabei vieles Wissenswerte über die jüdische Kultur und die Geschichte Israels.

Seine 2007 erschienene Autobiographie unter dem Titel „A German Life. Against all Odds. Change is Possible“ wird im Frühjahr 2017 im Europa Verlag  erscheinen. Zur Vorstellung des Buches auf der Leipziger Buchmesse wird Bernd Vollschläger aus den USA in Deutschland erwartet.