Heimat-Films-von-Reitz

Dieser Film ist anders als alle anderen. Und es ist schön über etwas zu schreiben, dass man so noch nie gesehen hat und für das man erst neue Worte finden muss. Nach seiner mehrteiligen Filmreihe Heimat über den Hunsrück (1982-2004) hat der Filmregisseur Edgar Reitz nun mit dem vierstündigen Epos Die andere Heimat einen Film gedreht, der ganz eigenständig ist, aber dennoch auch als monumentaler Abschluss des vorangegangenen Zyklus verstanden werden kann.

Wenn Robert Schumann die „himmlischen Längen“ in den Symphonien Schuberts lobte, kann man das auch für diesen Film sagen. Ein gewaltiger, ruhiger Atem geht durch die in Schwarz-Weiß gedrehten Breitwandbilder, in denen nur manchmal bestimmte Dinge eingefärbt werden: ein glühendes Hufeisen, ein blaues Kupferkännchen, ein grünes Kleid oder die roten Früchte  eines Kirschbaumes. Diese Längen sind „himmlisch“, weil Reitz sie mit liebevollsten Details der Natur, der Menschen und der Sinnlichkeit einer dörflichen Lebenswelt füllt.

Gegenüber vielen anderen neuen Filmen, die einem sozialen Abbildrealismus des Hässlichen, Neurotischen und Gewalttätigen frönen, wirkt Die andere Heimat wohltuend, weil er aus Liebe gemacht wurde und einen Liebesblick auf seine Protagonisten wirft, ohne je in Kitsch abzugleiten. Dem genialen Kameramann Gernot Roll gelingt es, aus dem ländlichen Hunsrück einen poetischen Imaginationsraum für den Helden des Filmes zu machen: Der junge Jakob träumt sich ins ferne Brasilien mit seinen Indianern hinein und will irgendwann dorthin auswandern. Ein Traum, den in der Mitte des 19. Jahrhunderts tatsächlich viele Hunsrücker in die Tat umsetzten. Doch Jakob bleibt mit seinen Phantasien zurück.

Der praktischer veranlagte Bruder Gustav schafft die Auswanderung, berichtet aber später in einem Brief von den großen Schwierigkeiten in der neuen Heimat. Indianer habe er dort bisher noch keine gesehen. Für Jakob aber ist das Studium der Indianersprachen zur Leidenschaft geworden. Stundenlang sitzt er in der Scheune und auf dem Feld über Büchern und erstaunt seine ländlichen Mitbewohner mit genauen Kenntnissen subtilster Redewendungen. Ein Ethnologe auf dem Dorf, der sogar anfängt, mit Alexander von Humboldt in Berlin über Fachfragen zu korrespondieren, der ihn einmal mit der Kutsche besucht. Aber Jakob ist aus Angst vor dem berühmten Mann weggelaufen, der ihm in einem Brief seine Bewunderung ausdrückt.

Während Hollywood mit Sicherheit opulente Bilder für das exotische Brasilien gesucht hätte, holt die Kamera von Gernot Roll das ferne Traumland in den Hunsrück. Jakob sitzt lernend und phantasierend inmitten von bizarren Baumriesen, auf deren Spitzen weiße Falken thronen, die ihm eine Feder auf sein Buch fallen lassen. Mit einer Schnur befestigt Jakob sie am Kopf zu einem indianischen Federputz. Den Mädchen gefällt das, aber sie machen sich auch über den realitätsfernen Träumer lustig. Daher macht Jakobs Bruder am Ende das Rennen und gewinnt das attraktive Jettchen, mit der er nach Brasilien auswandert.

Es ist ein Film über die Macht der Imagination: niemals künstlich, niemals an das Genre Kostümfilm erinnernd, die poetische Abstraktion von Schwarz-Weiß mit subtilsten Hell-Dunkel-Kontrasten auskostend, durch den bäuerischen Dialekt immer authentisch wie ein Dokumentarfilm. Gernot Roll malt mit seiner Kamera Bilder wie ein Caspar David Friedrich, trotz der fehlenden Farben riecht man das Knorrige der Eichen und den Geruch der Materialien in der alten Schmiede. Ein Heimatfilm auch ohne jede rührselige Verklärung des Ländlichen gegenüber dem Urbanen, mit einer sparsamen Musik, die die asketische Sinnlichkeit der Bilder noch verstärkt. Ein deutscher Tarkowski, auch mit mystischen Momenten wie dem Erscheinen eines Meteors am Himmel oder einer nächtlichen Liebesszene auf dem Friedhof, wo das Mondlicht die Grabkreuze in ein seltsames Licht taucht. Aber auch das ist nie übertrieben oder esoterisch-schwülstig. Der Film nimmt sich die Freiheit, aus dem Alltag eines deutschen Bauerndorfes im 19. Jahrhundert einen Raum von Innerlichkeit zu zaubern, der dennoch nicht über die Härte des damaligen Lebens hinwegtäuscht. Dass er dies volle vier Stunden durchhält, ohne zu langweilen oder in unglaubhafte Konstruktionen zu verfallen, ist seine Meisterleistung. Edgar Reitz ist denn auch einer der wenigen deutschen Regisseure, die von einem anderen Meister des Kinos bewundert wurden: Stanley Kubrick sah sich im privaten Kino seines Wohnsitzes im englischen St. Albans sämtliche Folgen der Heimat-Filmreihe an und hängte ein Standfoto, das er besonders liebte, über seinen Schreibtisch.

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