Im März 2009 unterzeichnete auch die Bundesrepublik Deutschland die „UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen“. Ohne sich wohl der ganzen Tragweite dieser Konvention bewusst zu sein, verpflichtete sich damit die deutsche Politik auf das Ziel der Inklusion, einer weitreichenden gesellschaftlichen Gleichstellung und Teilhabe von Menschen mit Behinderung. „Behinderung“ wird dabei von der Konvention jedoch nicht mehr als eine dem Subjekt anhaftende Kategorie verstanden, sondern als etwas, das erst „entsteht, wenn Menschen mit Beeinträchtigungen auf einstellungs- und umweltbedingte Barrieren stoßen, die sie an der vollen, wirksamen und gleichberechtigten Teilnahme am gesellschaftlichen Leben hindern“. Die Vereinbarung wird vielfach als Meilenstein auf dem Weg der Fortschreibung der Menschenrechte angesehen.

Inhaltliche Kernpunkte

Die wesentlichen Grundsätze dieses Übereinkommens lauten nach Artikel 3 der Konvention:

„a) Achtung der dem Menschen innewohnenden Würde, der Autonomie des Einzelnen, einschließlich der Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen, sowie der Unabhängigkeit der Person;

b) Nichtdiskriminierung;

c) volle und wirksame Teilnahme und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben;

d) Respekt vor der Unterschiedlichkeit und Akzeptanz behinderter Menschen als Teil der menschlichen Vielfalt und des Menschseins;

e) Chancengleichheit;

f) Barrierefreiheit;

g) Gleichberechtigung von Mann und Frau;

h) Respekt vor den sich entwickelnden Fähigkeiten behinderter Kinder und Achtung des Rechts behinderter Kinder auf Wahrung ihrer Identität.“

Die UN-Konvention betrifft nicht nur die Rechte von Menschen mit Behinderung, sondern alle potenziell von Ausgrenzung Betroffenen. Ausgesprochenermaßen geht es auch um Menschen, die ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung oder weltanschaulicher Überzeugungen wegen diskriminiert werden. An die Stelle einer Normal-Gesellschaft, die das vermeintlich „Andere“ erst tolerieren und integrieren muss, tritt in der neuen UN-Konvention das Bild einer Gemeinschaft, in der Diversität, also Unterschiedlichkeit, Abweichung und Vielseitigkeit das eigentlich „Normale“ ist und nicht lediglich zugelassen werden muss.

Um diese Diversität zu verwirklichen, verpflichten sich die Unterzeichnerstaaten zu vielfältigen Maßnahmen, etwa der barrierefreien Beweglichkeit, der assistierten Autonomie, Zugang zu Information oder der Beteiligung am politischen und kulturellen Leben.

Folgen für therapeutische Einrichtungen?

In der Praxis folgt aus der UN-Konvention vor allem das Recht auf den freien Zugang zu jeder gewünschten Schule und Ausbildung und zu freien Arbeits- und Wohnformen. So heißt es in Artikel 24: „Um die Verwirklichung dieses Rechts ohne Diskriminierung und auf der Grundlage der Chancengleichheit zu erreichen, gewährleisten die Vertragsstaaten ein integratives Bildungssystem auf allen Ebenen.“

Die Konvention ist jedoch nicht nur im Bereich der Bildung, sondern ganz grundlegend ein Signal gegen die Absonderung von Menschen mit Behinderung in bestimmte Randbereiche oder Institutionen. So fordert Artikel 19 etwa, dass „behinderte Menschen gleichberechtigt die Möglichkeit haben, ihren Wohnsitz zu wählen und zu entscheiden, wo und mit wem sie leben, und nicht verpflichtet sind, in besonderen Wohnformen zu leben.“ In der anthroposophischen Heilpädagogik und Sozialtherapie, die lange Zeit ihre Stärke in der Ausprägung spezifischer „Lebensorte“ für Menschen mit Behinderungen und ihre besonderen Bedürfnisse sah, führte dies zu unterschiedlichen Reaktionen. Vielfach wurde die eigene Tradition von tendenziell spezialisierten und eher geschlossenen Wohn- und Lebensformen als bedroht empfunden. Auch die eigens für behinderte Kinder eingerichteten Waldorfschulen machen sich Sorgen um ihren Fortbestand. Zudem wurden Befürchtungen laut, von der Konvention würden vor allem Menschen mit geringfügigen Behinderungen profitieren und in Richtung Selbständigkeit unterstützt, während in den Heimen dann nur jene mit starkem Assistenzbedarf zurückblieben. Auf der anderen Seite befinden sich aber auch viele Einrichtungen der anthroposophischen Heilpädagogik und Sozialtherapie schon lange in Entwicklungsprozessen, die das klassische Verständnis von „Heimen“ und das Verhältnis von Mitarbeitenden und „Betreuten“ hinterfragen. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter begrüßten die UN Konvention als Zeichen einer modernen, humanisierenden Bewusstseinsentwicklung und wollten aktiv an ihrer Umsetzung mitwirken, so der Referent des Verbandes Johannes Denger in einem Beitrag für die Fachzeitschrift Punkt und Kreis.

Die Lebenshilfe hat eine Arbeitsübersetzung des Konventionstextes bereitgestellt:

http://www.lebenshilfe.de/de/aus_fachlicher_sicht/artikel/un-konvention.php

Erläuterungen zur UN-Konvention in einem Video in Gebärdensprache.