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„So etwas wie einen Direktor wird diese Schule nie haben können“. Schon in den ersten Gesprächen über eine künftige Waldorfschule äußerte Rudolf Steiner diese Überzeugung. Es soll eine selbstverwaltete Schule sein. „Deshalb werden wir die Schule nicht regierungsgemäß, sondern verwaltungsgemäß einrichten und sie republikanisch verwalten.“ Republikanisch, nicht (nur) demokratisch!

Steiner folgt hier der Idee einer „republikanischen Verfassung“, mit der sich Immanuel Kant ursprünglich gegen ein demokratisches Staatswesen wandte, das schon Jean-Jacques Rousseau einer fundamentalen Ungerechtigkeit bezichtigte: „Woraus entstünde, es sei denn, die Wahl wäre einstimmig, ohne eine vorausgehende Übereinkunft die Verpflichtung für die Minderheit, sich der Wahl der Mehrheit zu unterwerfen, und woher haben hundert, die einen Herrn wollen, das Recht, für zehn zu stimmen, die keinen wollen?“ Wirklich gerecht kann nach Kant nur ein Staat sein, in dem jede Regierung, ja jedes Gesetz die Zustimmung jedes einzelnen Bürgers erhält: „Also kann nur der übereinstimmende und vereinigte Wille aller, sofern ein jeder über alle und alle über einen jeden ebendasselbe beschließen, mithin nur der allgemein vereinigte Volkswille gesetzgebend sein.“ Nur auf diese Weise seien Freiheit und Gleichheit aller Bürger gewährleistet. Zwar müsse ein jeder dem Gesetz gehorchen; da er selbst aber Urheber dieses Gesetzes wäre, würde dies seine Freiheit nicht einschränken. Denkbar sei eine solche Verfassung allerdings nur, wenn alle Bürger mit reifer Vernunft, vollständiger Informiertheit und unabhängig von Neigungen und Affekten entschieden. Da dies illusorisch sei, handele es sich bei dieser republikanischen Verfassung lediglich um ein „Platonisches Ideal“ der politischen Vernunft, dem sich aber ein reales Staatswesen möglichst weit anzunähern habe. Man ahnt Kants Untertanengeist in seiner Überzeugung, dass eine Monarchie durchaus eine gute Annäherung an dieses Ideal sei, wenn nur der Fürst sein Volk so regiere, wie sich ein Volk mit reifer Vernunft selbst regieren würde. Ganz im Gegensatz dazu ist Kants Verständnis einer republikanischen Verfassung heute ein wichtiger Aspekt der modernen Demokratietheorie geworden, der gerade in den aktuellen politischen Entwicklungen seine Brisanz erweist.

Demokratie und Menschenrechte

Seit der erstmaligen Begründung der Menschenrechte, die philosophisch durch John Locke und politisch durch die amerikanische Unabhängigkeitserklärung erfolgte, ist man sich des engen Zusammenhangs von Demokratie und Menschenrechten bewusst. Zwar kann man sich theoretisch durchaus Demokratien vorstellen, die Menschenrechte ignorieren, oder auch absolute Monarchien oder Diktaturen, in denen sie weitestgehend respektiert werden, doch zeigt die historische Erfahrung, dass das eine ohne das andere langfristig nicht zu haben ist. Putins Macht in Russland ist zweifelsohne demokratisch weitestgehend legitimiert. Doch führt die Einschränkung der Grundrechte von Presse- und Meinungsfreiheit oder der Unabhängigkeit der Justiz dazu, dass es keine freie öffentliche Meinungsbildung als Grundlage einer wirklichen Demokratie gibt. Der scheindemokratisch „gewählte“ Diktator Baschar Al-Assad leitete im Jahr 2000 den „Damaszener Frühling“ ein, in dem den Menschen seines Landes Freiheiten in einem bis dahin ungekannten Umfang zugestanden wurden. Sobald aber die neue Meinungs- und Pressefreiheit Forderungen nach echter Demokratie hervorgebracht hatte, wurde ein großer dieser Freiheiten wieder eingeschränkt. In einer Diktatur bestehen Menschrechte eben immer nur von des Diktators Gnaden und werden sofort zurückgenommen, wenn sie dessen Interessen zuwider laufen.

Demokratie und Minderheiten

Es bedurfte eines langen und schmerzhaften Lernprozesses, bis der Menschheit  die Bedeutsamkeit der von Kant angemahnten republikanischen Verfasstheit demokratischer Staatswesen bewusst wurde. Anstelle einer natürlich völlig illusorischen Einstimmigkeit demokratischer Entscheidungen treten hier zwei sich wiederum gegenseitig bedingende Aspekte: Einerseits müssen demokratische Entscheidungen, demokratisch gewählte Regierungen und die von einem demokratisch gewählten Parlament verabschiedeten Gesetze eben aufgrund ihrer Legitimation durch die Mehrheit praktisch einmütig vom gesamten Volk akzeptiert werden, auch wenn sie individuellen Interessen zuwider laufen. (Man erkennt also beispielsweise eine wirklich demokratische Linke daran, dass sie eine demokratisch gewählte konservative Regierung entschieden gegenüber einer linken Diktatur bevorzugen würde.) Andererseits muss aber auch garantiert sein, dass die Interessen von Minderheiten in diesen demokratischen Entscheidungsprozessen Berücksichtigung finden. Ist Letzteres nicht der Fall, werden solche Minderheiten früher oder später die Legitimität demokratischer Entscheidungen nicht mehr akzeptieren.

Abgestimmte Machtbalancen

Dabei gewinnt ein demokratisches Gemeinwesen seinen republikanischen Charakter durch eine in der Bevölkerung ausreichend verbreitete republikanische Gesinnung, also den unbedingten Willen, demokratische Entscheidungen zu akzeptieren und im eigenen Abstimmungsverhalten die Interessen aller sozialen Gruppen innerhalb des Staates im Blick zu behalten. Darüber hinaus muss die Verfassung des Staates Mechanismen vorsehen, die einen Interessenausgleich zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen auch unabhängig von Mehrheitsverhältnissen möglich macht. Zwischen beiden Aspekten vermittelt wiederum eine demokratische Öffentlichkeit, in der die Interessen verschiedenster Schichten der Bevölkerung, ja selbst einzelner Individuen artikuliert und diskutiert werden können.

Die deutsche Demokratie ist trotz aller Klagen über „Politikverdrossenheit“ sicher ein Musterbeispiel für ein republikanisches Staatswesen. Im politischen Bewusstsein der Bevölkerung sind radikale Positionen auf Kosten von Minderheiten, auch wenn sie zuweilen lautstark auftreten, zumindest bis heute ohne nennenswerten Einfluss. Und sicher ist auch die hohe Akzeptanz Gesetzen gegenüber weit weniger Ausdruck von Untertanengeist als von republikanischer Gesinnung. Nicht zuletzt garantieren aber auch die fein abgestimmten Machtbalancen zwischen Bundestag, Bundesrat und Bundespräsident oder zwischen Bund und Ländern sowie die weitgehenden Befugnisse und die hohe Unabhängigkeit des Bundesverfassungsgerichtes eine sehr weitgehende Berücksichtigung von Minderheitspositionen. Und gerade die Politik von Angela Merkel erschien eben deshalb lange Zeit so langweilig und visionslos, weil sie permanent um den sozialen Ausgleich von Interessengruppen bemüht war. Eben diese Politik sieht sich heute auch in dem Sinne mit der Flüchtlingsproblematik konfrontiert, dass sie Menschen aus von Krieg überzogenen oder politisch instabilen Staaten nicht nur Menschenrechte und Demokratie gewähren, sondern auch eine republikanische Gesinnung abverlangen muss, die sich in der Akzeptanz sozialer Normen und der Toleranz gegenüber anderen Bevölkerungs- und Religionsgruppen äußert. Umgekehrt gehört es auch zur Akzeptanz der Grundrechte, sich mit Pegida-Demonstrationen diskursiv, aber nicht repressiv auseinanderzusetzen, und zu einer republikanischen Haltung, auch die Sorgen und Ängste dieser Menschen ernst zu nehmen – wie wenig man sie auch teilen mag.

Gerade der Arabische Frühling hat gezeigt, wie wichtig diese republikanische Orientierung einer Demokratie ist. In Ägypten etwa erzwang eine vor allem in der Mittelschicht und der Studentenschaft gegründete Protestbewegung den Rücktritt des scheindemokratisch regierenden Diktators Husni Mubarak. Die darauf folgenden Wahlen brachten Muslimbrüder, Salafisten und Präsident Mohammed Mursi an die Macht, die ausschließlich die Interessen einer konservativ-muslimischen Bevölkerungsmehrheit repräsentierten. Die übergangene Minderheit akzeptierte die demokratisch eigentlich legitimierte Regierung nicht und leitete eine zweite Protestbewegung ein, die in einen Putsch des Militärs mündete, in dessen Ergebnis Ägypten unter Abd al-Fattah as-Sisi wiederum eine Diktatur mit extrem eingeschränkten Grundrechten ist. Das Gegenbeispiel dazu ist sicher die gelungene Jasminrevolution in Tunesien, nach der ein gut organisierter sozialer Dialog ein Auseinanderbrechen der ethnischen und religiösen Bevölkerungsgruppen verhinderte und bis heute eine recht stabile Demokratie hervorgebracht hat. Und nicht zu Unrecht ist dem „nationalen Dialogquartett“ von Houcine Abassi 2015 für seine führende Rolle in dieser Entwicklung eines republikanischen Staatswesens der Friedensnobelpreis verliehen worden (siehe dazu auch das Buch Dialogische Intelligenz des Autorentrios Hartkemeyer). Überhaupt ist die Herausbildung einer republikanischen Gesinnung natürlich dann besonders schwierig, wenn ihm nationale und religiöse Unterschiede entgegenstehen. Die Balkankriege zeigten dies im Zerfallen des jugoslawischen Vielvölkerstaates ebenso wir die Entwicklung des IS, die nur vor dem Hintergrund der Konflikte zwischen Sunniten und Schiiten möglich war.

Geschichtliche Erfahrung

Zweifelsohne verdankt sich der republikanische Charakter der deutschen Demokratie vor allem den Erfahrungen der Weimarer Republik, der Nazi-Diktatur und des Zweiten Weltkrieges. Weder herrschte in der jungen Demokratie nach dem Ersten Weltkrieg eine hinreichende republikanische Gesinnung der Bevölkerung, noch sah die Weimarer Verfassung geeignete Sicherungen gegen die Machtansprüche von politischen Bewegungen und ihren „Führern“ vor, die sich auf radikalisierte Mehrheiten stützen konnten. Bemerkenswert ist hier sicher der Vergleich mit Frankreich, wo aus dem desaströsen Kriegsbeginn 1940 geradezu gegensätzliche Lehren gezogen worden: Die Handlungsunfähigkeit der damaligen französischen Regierung sollte sich nicht wiederholen. Und somit beruht die fünfte Republik auf einer stark zentralisierten Präsidialdemokratie. Und so haben auch die immer wieder aufflammenden Protestbewegungen und starken radikalen Positionen wohl weit weniger mit „französischem Temperament“ als mit der Unfähigkeit des politischen Systems in Frankreich zu einem effektiven Ausgleich von Interessengruppen zu tun.

Waldorfschulen als Vorbilder?

Es erscheint mir in einem außerordentlichen Sinnes bemerkenswert, dass Rudolf Steiner bei der Gründung der Stuttgarter Waldorfschule nicht primär in den teilweise verbreiteten Demokratie-Enthusiasmus der jungen Weimarer Republik einstimmte, sondern das wesentlich in einer vorsichtigen Zurückhaltung gegenüber demokratischen Systemen gegründete republikanische Prinzip betonte. Sah er vielleicht die Schwächen dieser ersten Demokratie auf deutschem Boden, die letztlich ein Regime möglich machten, das in industriellem Maßstab die Auslöschung einer Minderheit betrieb und ganz Europa mit Krieg überzog? Sollte auch in diesem Sinne die „republikanische Verwaltung“ der Waldorfschule zum Keim einer neuen Sozialgestalt und eines wirklich freien Geisteslebens werden?

Bis heute folgen viele Waldorfschulen diesem Ideal einer „republikanischen Verwaltung“: Jeder Angehörige des Kollegiums soll in einer so verstandenen Selbstverwaltung seine Kreativität in das Schulganze einbringen und jede Entwicklung der Schule in Freiheit mittragen können – so wie es in einem republikanischen Staatswesen jedem Bürger möglich sein sollte. Jeder Lehrer soll aber auch die unter seiner Beteiligung getroffenen Vereinbarungen nicht nur akzeptieren, sondern sich mit allen Kräften an ihrer Umsetzung beteiligen – wie es auch in einer republikanischen Demokratie von jedem Bürger zu erwarten wäre. Wichtige Entscheidungen sollten die Mitarbeiter einer anthroposophischen Einrichtung im Sinne jenes Kant formulierten „Platonischen Ideals“ durchaus „einmütig“ treffen. Für weniger wichtige sind Abstimmungen oder gar die Delegation von Entscheidungen auf kompetente Menschen oder Arbeitskreise sicher unvermeidbar. Doch sollte es dafür immer jene von Rousseau betonte „vorausgehende Übereinkunft“ geben, in der sich die gesamte Gemeinschaft auf diese Entscheidungsfindung einigt. Und ebenso muss auch eine republikanische Demokratie einmütig akzeptierte legislative Institutionen schaffen, um politisch handlungsfähig zu sein. Voraussetzung einer solchen „republikanischen Verwaltung“ ist für Steiner freilich nicht der von allem Gefühl befreite Kant‘sche Vernunftbegriff, sondern die gemeinsame geistige Arbeit des Kollegiums, ein „freies Geistesleben“, das wiederum zum Vorbild einer republikanisch-demokratischen Öffentlichkeit in einem modernen Staatswesen werden könnte. Ganz im Sinne seines Mottos der Sozialethik:

„Heilsam ist nur, wenn im Spiegel der Menschenseele sich bildet die ganze Gemeinschaft und in der Gemeinschaft lebet der Einzelseele Kraft.“

 

Dieser Text erschien in der Märzausgabe 2016 von Info3 – Anthroposophie im Dialog

 

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