Rudolf Steiner in Berlin, Anfang 1900

Rudolf Steiner in Berlin, Anfang 1900

„Christian Clement, der Herausgeber einer Kritischen Edition von Werken Rudolf Steiners in Kooperation mit dem Rudolf-Steiner-Verlag, versucht u.a. – so der Beitrag von Irene Diet –, nachzuweisen, dass Rudolf Steiner als Plagiator zu sehen ist, der in vielfältigster Weise allüberall  abgeschrieben hat ohne es zu deklarieren und daher im Wesentlichen keine originäre  geistige   Forschung vorzuweisen hat. Siehe dazu den akribisch-enthüllenden Beitrag von Irene Diet in dieser Ausgabe.“ So zu lesen in dem via Internet verbreiteten Nachrichtenblatt einer „Initiative Entwicklungsrichtung Anthroposophie“, die dem Vernehmen nach Sergej Prokofieff und Peter Selg nahesteht (verantwortlich zeichnen Roland Tüscher und Kirsten Juel). Auf den gleichen Text von Irene Diet beziehen sich auch der Basler „Symptomatologe“ Willy Lochmann und der ebenfalls in Basel ansässige „Europäer“-Herausgeber Thomas Mayer. In der Tat breitet Irene Diet genau diese beiden „enthüllenden“ „Thesen“ als Hauptvorwürfe zur neuen Steiner-Ausgabe aus: Clement wolle Steiner erstens als „Plagiator“ überführen, zweitens wolle er zeigen, dass Steiner die in seinen Büchern behandelten Mystiker „nur“ dazu benutze, „seine eigene philosophische Position darzustellen“ (Diet).

Um es geradeheraus zu sagen: Die „akribisch enthüllenden Thesen“ sind in ihrer dreisten Unwahrhaftigkeit kaum zu überbieten. Wer die inhaltlich hervorragende Einleitung und den Stellenkommentar von Clement gelesen hat weiß, dass Clement gerade und ausdrücklich nicht in die verbreitete Plagiator-Manie einstimmt, sondern Steiner sogar dagegen verwahrt: „In den Schriften von 1901 und 1902 ging es Steiner (…) nicht um eine historisch und philologisch abgesicherte Darstellung der verschiedenen Autoren“, so Clement. „Ziel dieser unverkennbar an Hegels Phänomenologie des Geistes angelehnten Unternehmung war, das zentrale Postulat von der Bedeutung der Selbst-Erkenntnis als Ursprungsort der innerhalb der Kulturentwicklung auftretenden Jenseits- und Naturvorstellungen zu illustrieren und zu legitimieren.“ (Clement, Einleitung S. XXXII).

Auch der zweite „Vorwurf“ von Diet ist im Kern unsachgemäß, er wendet sich aber auf perfide Weise auch gegen Steiner selbst: Denn ohne Zweifel ist es Steiners Wunsch in den Büchern über die „Mystik“ und „Das Christentum als mystische Tatsache“ gewesen, seine eigene Haltung zu vermitteln – weil er, wie Clement zutreffend beschreibt, in den mittelalterlichen Mystikern Elemente seiner eigenen Position vorgebildet sah! Clement würdigt Steiner sogar ausdrücklich als originalen mystischen Autor, der gar nicht an allein philologischen Kriterien gemessen werden dürfe. Er sieht als das „eigentliche Ziel der Mystik-Schrift…. die methodologische Fundierung einer modernen, aus mystischer Erfahrung schöpfenden Geisteswissenschaft“ (Clement, Einleitung) – wo, bitte, greift hier ein Vorwurf?!

Eine Autorin, die den Tatsachen so diametral entgegengesetzte Behauptungen in die Welt setzt wie Irene Diet ist entweder hochgradig urteilsunfähig oder moralisch unzuverlässig. In beiden Fällen täte man gut daran, ihr Pamphlet bedauernd zu ignorieren und es nicht noch zum Gegenstand angstbeladener Mutmaßungen über „gegnerische“ Absichten eines seriösen Autors zu machen. Mit der vielbemühten Wahrheitsliebe innerhalb der Anthroposophie hat das jedenfalls nichts zu tun.

Nachtrag: Die Behauptungen von Irene Diet gehen ins Leere. Aus Angst, das Werk Rudolf Steiners könne in falsche Hände gelangen, hat sich hier jemand ganz offensichtlich „verrannt“. Es wäre ein Zeichen von Wahrheitsliebe, das einzugestehen und die falschen Anschuldigungen gegen den Herausgeber Christian Clement zurückzunehmen. Diesem ist es inzwischen, wie drei wechselseitige, offene Briefe im Internet zeigen, sogar gelungen, mit bewunderungswürdiger Geduld seine Kritikerin zu einem Dialog zu bewegen. Vielleicht entsteht so doch noch etwas Gutes aus diesem Verwirrspiel.

Hinweis: Sämtliche bisher erschienenen Rezensionen (u.a. von David Marc Hoffmann und Johannes Kiersch) von Steiner Schriften Kritische Ausgabe sind dokumentiert auf einer entsprechenden Facebook-Seite.