Malala CoverAm  9. Oktober 2012 geschieht etwas, was sich leider in eine ganze Reihe ähnlich verwerflicher und mörderischer Taten gegen Menschen, Frauen, Mädchen einreiht. Aber das dialektisch Gute an dieser Tat: Sie wird zu einer Weltnachricht. An diesem Tag wird die 15jährige pakistanische Schülerin Malala Yousafzai von einem Verbrecher niedergeschossen. Immer wenn wir einen solchen Verbrecher islamisch oder islamistisch nennen, machen wir das Verbrechen scheinbar weniger verbrecherisch. Wir nennen die Täter Taliban, Islamisten, Salafisten oder Dschihadisten und beleidigen damit die überwiegende Mehrheit der 1,5 Milliarden Muslime auf der Welt. „Meine Mutter zum Beispiel“, so die Autorin Malala nach dem Attentat, „sagt dauernd, das können gar keine Muslime gewesen sein. Doch manche Menschen nennen sich Muslime, handeln aber völlig unislamisch“.  Die Ärztin am Krankenbett sagt, „dass der Islam durchaus auch Frauen das Recht auf Bildung zugestehe. Es sei eines unserer Rechte, dass nicht nur Männer gebildet sein dürfen.“ Malala hätte sich also nur für ihr Recht eingesetzt, „als muslimische Frau zur Schule zu gehen“.

Das ganze Buch zu lesen von über 350 Seiten ist nochmal doppelt erregend, weil es den Verbrechern nicht mehr gelingen darf, sich als Muslime zu bezeichnen. Sie sind einfach nur Verbrecher. Mit diesem Attentat auf Malala Yousafzai haben sich die verbrecherischen Syndikate vertan, die oft von Saudi Arabien bezahlt werden oder auch vom pakistanischen Geheimdienst. Der Täter hat eigentlich einen Schuss in den Kopf abgegeben, der unweigerlich tödlich hätte sein müssen. Der Chirurg sägt ein acht  bis zehn Quadratzentimeter großes Rechteck aus der linken oberen Schädeldecke, damit das Gehirn genug Platz bekam. Dann machte er einen Schnitt in das Unterhautgewebe links am Bauch und legt das Stück Schädelknochen hinein, um es dort zu konservieren. Dann machte er einen Luftröhrenschnitt, weil er fürchtete, die Schwellung würde das Atemzentrum blockieren. Das Wunder geschieht, Malala überlebt.

Ihr Siegeszug zur weltumspannenden Bildungsoffensive für Mädchen und Frauen und alle Menschen guten Willens wird jetzt nicht mehr aufzuhalten sein. Auf dem Bett der Klinik in Birmingham, wohin sie wegen der besseren Versorgung geflogen wurde, sagt sich die Heldin der Geschichte: „Allah ist bei dir. Eines Tages wirst Du aufwachen.“ Dass die Vereinten Nationen Malala mit ihren 16 Jahren auszeichnen, soll man als gutes Zeichen werten. Wichtig wäre, dass statt der Mittel, die bisher in superteure Armeen in Afghanistan und anderswo  gesteckt wurden, jetzt mit dem gleichen Geld Schulen aufgebaut werden, Lehrerinnen und Lehrer ausgebildet werden, Bildungsoffensiven den Planeten umschwirren.

Anhaltender Terror im Namen des Islam

Es ist ein erschütterndes Buch über Formen  des Terrorismus, der sich immer noch islamisch drapieren darf. Es ist eine ständige Aufeinanderfolge von Angstzuständen, in denen sich das junge Mädchen Malala Yousafzai im Swat Tal im Westen Pakistans befindet. Die Angstthematik zieht sich durch das ganze dichte Buch. Es ist eine unendliche Kette von terroristischen Anschlägen, Drohungen, Beleidigungen, die nie ganz aufhören.

Die Terroristen, die sich anmaßend Taliban (deutsch einfach: Studenten) nennen und unter diesem Titel der Schrecken der gesamten Welt geworden sind, sind ständig dabei, mit Einschränkungen das Leben von Menschen zu bedrohen, dass man sprachlos wird durch die Überfülle der furchteinflößenden Beispiele. Etwa die Blasphemiegesetze, die es unter den Islamisierungs-Kampagnen des Präsidenten Zia ul Haq gab: Jeder, der „den geheiligten Namen des heiligen Propheten beleidigt“, konnte mit dem Tod oder mit lebenslanger Haft verurteilt werden.

Entwicklung und Tradition

Die Autorin geht klug voran. Denn sie entfernt sich weder von der Religion noch vom Pashtunwali, dem Ehrenkodex der Pashtunen. Sie ist, wie sie an vielen Stellen des Buches betont, „eine stolze Pashtunin“, die Gebräuche der Pashtunen und die Ehre des Stammes setzt sie über die beiden feindlich zueinander georteten Staaten Afghanistan und Pakistan. Ob die Gründung des Staates Pakistan eine gute Entscheidung gewesen ist, wagt sie eher zu bezweifeln.

Diese jetzt 16jährige Malala hat sich durch die Zufälligkeit einer dramatischen Weltnachricht die Rolle zugeeignet, Repräsentantin des Rechts auf Schulbildung für alle Mädchen und Frauen zu sein. Nach dem Attentat, das sie wie durch ein Wunder überlebte, das ihr persönlich galt, weil sie schon als kleines Mädchen Interviews und Stellungnahmen gab, ist sie weltweit zu einem Symbol für die Rechte von Mädchen und Frauen geworden. Für sie bedeutet das keinen Widerspruch zur Relgion: „Es bedeutet, wir wollen selbst bestimmen, zur Schule oder zur Arbeit zu gehen. Im Koran steht nirgendwo, dass eine Frau von einem Mann abhängig sein soll. Der Himmel hat uns kein Wort geschickt, dass jede Frau auf einen Mann zu hören hat“.

Das Buch wird abgeschlossen mit der Rede, die Malala am 12. Juli 2013 vor den Vereinten Nationen gehalten hat. Dort hat sie erneut gezeigt, dass sie über Demut und ein entsprechendes Charisma verfügt, mit dem sie die Welt stark beeinflussen kann. Im Zentrum dieser Rede sagt sie: Sie sei nicht in New York, um aus persönlicher Rache die Stimme gegen die Terrorgruppen und die Taliban zu erheben. Sie sei da, „um für jedes Kind das Recht auf Bildung einzufordern. Ich möchte Bildung für die Söhne und Töchter der Taliban sowie aller Terroristen und Extremisten. Ich hasse auch den Taliban nicht, der auf mich geschossen hat“.
Dann kommen die entscheidenden Säulen einer solchen Bewegung, die auch religiöse Werte umfasst. Sie habe eben Barmherzigkeit und Mitgefühl von Mohammed, dem Propheten der Gnade, von Jesus Christus und von Buddha gelernt. Und das sei auch die Vergebung, die sie von ihrem Vater und ihrer Mutter gelernt habe.

Man kann an dem Buch nichts Falsches finden, es ist ein großartiges Manifest für die Rechte von Kindern, zumal von Mädchen und von Frauen, überall auf der Welt.

Malala Yousafzai /Christine Lamb: Ich Bin Malala. Das Mädchen, das die Taliban erschießen wollten, weil es für das Recht auf Bildung kämpft. Droemer München 2013  384 Seiten