Am Salbungsstein in der Grabeskirche / Foto: Silke Mondovits

Niederwerfungen, Mönchskutten, Weihrauch und Gesänge – an einem Freitagnachmittag in Jerusalem werden wir in der Grabeskirche Zeuge der bunten Vielfalt, die das Christentum zwischen Ost und West entwickelt hat. Während am Eingang gerade eine Gruppe amerikanischer Christen der komplizierten Baugeschichte der Kirche lauscht, erklingt in einer größeren Seitenkapelle ein katholisches Kirchenlied; vor dem erhöht gelegenen Altar, wo einst das Kreuz Jesu gestanden haben soll, erklimmt eine Gruppe armenischer Mönche in langen Gewändern die Treppe zu der üppig verzierten Kapelle und stimmt einen tiefen Gesang an, während der Priester im bodentiefen Kleid mit goldenem Umhang und großem goldenen Hut die Regie übernimmt. Nach einiger Zeit zieht die Gruppe wieder die Treppe hinunter und verweilt unter lauten Gebeten vor dem sogenannten Salbungsstein, auf dem einst der Leichnam Jesu gewaschen worden sein soll. Nach dem Ende des Aktes stürmen russische Christen den Ort und drücken mitgebrachte Tücher, Kopfbedeckungen und Kerzen auf den Stein, um sie an diesem heiligen Ort zu weihen.

 

Ultraorthodoxe Familie auf dem Weg in die Altstadt / Foto: Silke Mondovits

Auf dem Rückweg durch die engen Gassen der Altstadt kommen uns viele orthodoxe Juden entgegen. Es ist der Nachmittag vor Beginn des Shabbat und die Gläubigen sind auf dem Weg in das jüdische Viertel mit den Überresten des salomonischen Tempels und zahlreichen Synagogen. Als wir außerhalb der Stadtmauern angekommen sind, bietet sich uns ein noch stärkerer Eindruck: Als wäre hier ein Flashmob organisiert worden, eilen von überall her hunderte von jüdischen Gläubigen, Gruppen von jungen Männern, Frauen und ganze Familien in Richtung der Klagemauer, viele davon in auffälligem Outfit mit großen Hüten und langen Mänteln, bleiche bebrillte Jungen mit Schläfenlocken sind darunter und weise Gesichter mit grauen Vollbärten. Auffälliger im äußeren Erscheinungsbild aber sind einige Männer in hellen Kaftanen mit Kopfbedeckungen, die an kleine Reifen erinnern und mit braunem Tierfell umspannt sind. Sie gehören zu den haredischen, ultraorthodoxen Juden, lehnen den Staat Israel ab und unterstützen die radikalen Palästinenser. Wie verrückt ist das denn!

 

Foto: Silke Mondovits

Ihre Kleidung entspricht der Tracht ihrer Vorfahren, die einst in Russland lebten, später nach New York auswanderten und seit dem 20. Jahrhundert in Israel ansässig sind. Eine andere orthodoxe Gruppe sind die Lubawitscher Chassiden, ebenfalls in Russland gegründet mit heutigem Hauptsitz in Brooklyn; der dort 1994 verstorbene Rabbi Schneerson wird von seinen Anhängern als Messias verehrt und auch in Jerusalem trifft man vielerorts auf sein Porträt. Die amerikanische Sprache ist allgegenwärtig in Jerusalem, gerade auch unter jungen Juden.

 

Ein ganzes Stadtviertel in Jerusalem, Mea Sharim genannt, ist ultraorthodox geprägt. Viele Kinder, auch schon die kleinen Jungen stecken in schwarzen Hosen und weißen Hemden, die Frauen in Grautönen gekleidet und mit umwickelten Haaren, und immer wieder Männer, die eiligen Schrittes zu offenbar wichtigen Verpflichtungen unterwegs sind. Mea Sharim macht auf uns einen verfallenden und etwas trostlosen Eindruck, nur einige neue Thora-Schulen stechen aus den verwahrlosten Straßenzügen heraus. Hier steht alles im Zeichen des inneren Heils, um den Zustand der äußeren Welt scheint man sich wenig zu kümmern.

 

Greifbarer Konflikt

 

Der arabische Teil Jerusalems hebt sich ebenfalls durch sein vernachlässigtes Straßenbild von dem Bild des westlichen Stadtteile ab. Im modernen West-Jerusalem herrscht überall hektische Bautätigkeit, der vorgeschriebene weiße Sandstein, der auch schon in der Altstadt verwendet wurde, prägt neue Wohnhäuser ebenso wie Geschäftsgebäude und administrative Bauten. Auf arabischer Seite dominiert meist trister Beton. Schwarze Tanks auf den Dächern und vagabundierender Müll signalisieren, dass hier weder die Wasserversorgung noch die Müllabfuhr auf dem neusten Stand sind. Wegen der zahlreichen Anschläge in der Vergangenheit wurden die arabischen Gebiete mit einer Sperrmauer weitgehend abgeriegelt, ein Transfer ist nur an bestimmten, streng kontrollierten Übergangspunkten möglich. Wo sich Araber und Juden mischen wie um den Busbahnhof nahe des Damaskustores sorgen israelische Maschinengewehre für Respekt. Die vielen Händler lassen sich davon freilich nicht beeindrucken, ebenso wenig wie die drei arabischen Kinder, die mit ihren Mountainbikes die steile Treppe zum Eingang geradewegs in Richtung der Wachposten herunterrasen und erst recht nicht die beiden schönen Muslimas, die in aller Ruhe vor dem historischen Tor für Selfies postieren.

Foto: Silke Mondovits

„Al Quds“, „die Heilige“, nennen die Muslime Jerusalem und sie beanspruchen sie ebenso als Hauptstadt für sich wie die Juden es tun. Wenn man vom arabisch bewohnten Ölberg auf die Stadt schaut und von dort die Dominanz der Kuppel des Felsendomes erlebt, wirkt dieses muslimische Heiligtum tatsächlich wie der Mittelpunkt der Stadt, vor dem auch die Al Aqsa Moschee zurücktritt. Von hier aus soll einst Mohammed gen Himmel gestiegen und dabei Abraham, Moses und Jesus begegnet sein – eine Szene, der Verklärung in den Evangelien vergleichbar.

Die vergoldete Kuppel des Felsendoms / Foto: Silke Mondovits

Während für die Muslime der goldglänzende Dom auf der blau schimmernden, achteckigen Basis die ganze Herrlichkeit des Islam repräsentiert, verehren die Juden mit der Westmauer die Überreste ihres zerstörten Tempels – Sinnbild für Größe, Leid und Verheißung Israels zugleich. Für die Rechtgläubigen ruht auf diesem Gelände, das den Tempelberg umfasst, bis heute die „Schechina“, die mystische Anwesenheit Gottes.

Letzter Überrest des Salomonischen Tempels: Die Westmauer. / Foto S. Mondovits

 

Waldorfpädagogik im Kommen

In einer belebten Seitenstraße des Stadtzentrums treffen wir Yiftach und Noam. Beide sind in Jerusalem geboren, leben aber inzwischen nicht mehr hier. Sie gehören der derzeit stark wachsenden anthroposophischen und waldorfschulischen Bewegung in Israel an. Wie viele eher progressive Juden bevorzugen sie es jedoch, nicht in der konservativ geprägten Hauptstadt zu leben.

Der Autor (rechts) mit Yiftach und Noam von der Zeitschrift „Adam Olam“ / Foto S. Mondovits

Die beiden Kollegen betreiben zwei Zeitschriften, ein Anthroposophie-Magazin mit dem Titel „Adam Olam“, was sich mit „Mensch und Kosmos“ übersetzen ließe, und eine bunte Zeitschrift für Kinder, welche die in Israel stark wachsende Waldorf-Szene begleiten will. „In der letzten Dekade hat bei uns jedes Jahr eine neue Waldorfschule eröffnet“, erzählt Yiftach, 30 Schulen gibt es derzeit im ganzen Land, außerdem die fast unglaubliche Zahl von 150 Waldorfkindergärten und zudem sieben Ausbildungsstätten. Naom ergänzt: „Waldorf ist eine Marke in Israel geworden, viele Top-Leute aus der Wirtschaft und den Medien vertrauen ihre Kindern diesen Schulen an.“ „Israel ist heute ein sehr unruhiger und oft auch gewalttätiger Ort, da scheint vielen die Waldorfpädagogik als ein Hort der Ruhe und des Friedens“, versucht Yiftach den Erfolg zu erklären.

 

Dieses Wachstum ausgerechnet in einem jüdischen Staat ist umso erstaunlicher, als früher viele überzeugt waren, dass Anthroposophie und Waldorfpädagogik nur im christlichen Kontext funktionieren könnten. „Sicher haben manche hier auch ihre Probleme mit den religiös-christlichen Bezügen, und es gibt auch Kritiker, die sich an einigen negativen Aussagen Steiners über das Judentum stoßen. Zum Beispiel hatte Steiner ja gesagt, das Judentum habe seine Rolle in der Geschichte ausgelebt – aber wie du siehst, sind wir hier!“, lacht Noam. Die jüdische Kultur sei schon immer kosmopolitisch und auch mystischen Elementen gegenüber aufgeschlossen gewesen. Fast die Hälfte des Steinerschen Werkes ist heute auf Hebräisch verfügbar.

Der jüdische Friedhof gegenüber der Altstadt ist ein bevorzugter Begräbnisplatz, weil den Verheißungen entsprechend hier das Jüngste Gericht stattfinden und der Messias erscheinen wird. / Foto: S. Mondovits

Ort der Widersprüche

 

Während unseres Gesprächs in einem Café zur Mittagszeit erregen insgesamt dreimal selbsternannte Propheten mit ihren lautstarken Reden unsere und die Aufmerksamkeit der Passanten. „Das Jerusalem Syndrom!“, bemerken unsere Freunde lakonisch. – Ja, Jerusalem ist schon eine verrückte Stadt, eine Stadt voller Gegensätze und aufgeladener Bedeutungen. Aber es ist auch ein Ort von kreativer Vielfalt und nicht zuletzt von ewig anmutender Würde. Es ist die Stadt der biblischen Propheten und Könige ebenso wie die von Jesus und seinen Jüngern und von Mohammed und seinen Nachfahren. Es ist aber auch die Stadt Martin Bubers und Gerschom Scholems und auch von Hugo Bergman, der hier als Schüler Steiners und Zionist zu den Mitgründern der ehrwürdigen Hebrew University gehörte. Diese Universität ist heute nicht nur von wissenschaftlichen Instituten mit Weltruf geprägt, sondern auch von tausenden junger Menschen aus aller Welt, die sich hier beim Studium begegnen. In ihnen lebt eine Offenheit und Zukunft, die dem Land vielleicht helfen kann, Wege aus der Polarisierung zu finden.