christian-1Die Befürworter des Grundeinkommens werben mit Umfragen, in denen Menschen konstatieren, dass sie auch dann noch arbeiten würden, wenn sie ein Grundeinkommen bekämen. Dass sie sogar noch viel sinnvollere Dinge tun könnten und ihre Potentiale mehr entfalten könnten. Das mag zutreffen und wir müssen überhaupt nicht annehmen, dass die Menschen faul seien. Aber: Was sind „sinnvollere“ Dinge? Werden die Grundeinkommens-Bezieher ihr Potenzial auch dahingehend entfalten, genau das zu produzieren, was die anderen Menschen brauchen? Woher überhaupt werden sie wissen, was andere Menschen brauchen, wenn sie nicht mehr auf den Markt hören müssen, um ihr Einkommen zu sichern? Welches selbstregulative System wird dafür sorgen, dass die richtigen Waren produziert und richtig verteilt werden, wenn die Sorge um das eigene Einkommen entfällt?

Auf diese kardinale Frage findet sich in den vielen Selbstdarstellungen zum Grundeinkommen keine Antwort. Die Argumentation nimmt immer nur die individuelle Perspektive ein, aus der heraus es zweifellos richtig ist, dass ein Bedingungsloses Grundeinkommen zu mehr Freiheit, zur Entfaltung individuellen Potenzials und zu mehr Kreativität führt. Nicht zufällig finden sich in der Grundeinkommensbewegung in überwältigender Mehrheit Menschen aus kreativen  Berufen, die ohnehin schon eine an ihren Neigungen und Fähigkeiten ausgerichtete Arbeit höher bewerten als ein hohes Einkommen. Doch wie sieht die gesellschaftliche Seite aus? Was ist mit der Herstellung der lebensnotwendigen Waren und Dienstleistungen, der Bedürfnisdeckung der Konsumenten? Wer wird dafür sorgen, dass die dem Grundeinkommen gegenüberstehende Grundproduktion gewährleistet ist? Und zwar nicht von Dingen, die den Neigungen der Produzenten entsprechen, sondern jenen Dinge, die tatsächlich gebraucht werden? Sicherlich ist die Bindung von Einkommen an Arbeit nicht die einzige denkbare Möglichkeit, diese Selbstorganisation zu leisten, doch es ist vorläufig keine andere in Sicht.

Nicht absehbare Effekte

Doch das ist nur die grundlegendste der Fragen, die das Grundeinkommen angesichts der Dynamik makroökonomischer Prozesse aufwirft. Wie können wir wissen, ob es über kurz oder lang nicht zu einer Inflation des Grundeinkommens durch die sinkenden Produktionsanreize kommt, die durch eine notwendige Erhöhung der einzuziehenden Steuern in einen Teufelskreis gerät? Oder wird die Zunahme von Arbeit aus Neigung zur Folge haben, dass geeignete Waren zunehmend importiert werden müssen und sich unser Außenhandelsüberschuss in ein Defizit verwandelt? Welche Auswirkungen würde das haben?

Wir verstehen zwar die Mechanismen der Wirtschaft, aber wir können kaum Voraussagen über die tatsächlichen Entwicklungen machen, weil das Einsetzen dieser Mechanismen vom Verhalten der Menschen abhängt. Das Grundeinkommen stellt einen so großen ökonomischen Eingriff dar, dass seine Effekte nicht abzusehen sind. Auch hier werden konstruktive Diskussionen oft durch optimistische Heilsversprechen ersetzt. Es sollte zumindest einen Plan geben, um eine eventuell negative Dynamik abzufangen, ohne unsere Lebensgrundlage leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Eine weitere Frage: Welche Auswirkungen hätte es, wenn ein Land im Alleingang ein solches Sozialsystem einführt?

Steiner und das Grundeinkommen

Nicht wenige sehen im Grundeinkommen auch eine Verwirklichung der Dreigliederungsgedanken von Rudolf Steiner. In der Tat plädierte er ebenfalls für eine Trennung von Arbeit und Einkommen und schlug zur Lösung der Verteilungsfrage freiwillige Assoziationen zwischen Produzenten, Konsumenten und Händlern vor. Sie sollen innerhalb jeweiliger ökonomischer Einheiten dafür sorgen, dass die Produktion den Bedürfnissen der Konsumenten entspricht, ohne den Umweg über das gewinnbasierte Anreizsystem des Marktes zu gehen. Es ist nicht ganz klar, wie Steiner sich die Assoziation konkret vorstellt, aber er macht deutlich, dass dieses Prinzip nicht auf ein Modell staatlicher Planwirtschaft zielt, sondern auf freiwillige, sich selbst regulierende Zusammenschlüsse. Die Idee vereinigt die auf Moral und Verstand basierten Prinzipien der Solidarität mit dem auf Individualität und Freiheit basierten, dezentralen Selbstorganisationsprinzip der Marktwirtschaft. Ob und wie diese Idee umsetzbar ist, bleibt vorläufig offen, doch das Grundeinkommen läuft gezielt an ihr vorbei, indem es auf eine zentrale und staatliche Lösung baut und indem es für den Grundkonsum ein Element der Planwirtschaft nutzt: die zentrale Verteilung des Konsums bzw. der Gutscheine für Konsum (Geld). Die andere Seite aber, die Steuerung der Produktion der benötigten Waren, überlässt sie weiter der Marktwirtschaft. Gleichzeitig entzieht sie der Marktwirtschaft einen großen Teil des Geldflusses und lähmt damit den Mechanismus, der für die richtige Warenverteilung sorgt. Wie sich diese Diskrepanz schließen soll, bleibt unbeantwortet.

Noch mehr Staat?

Das Grundeinkommen verschiebt die soziale Verantwortung weiter in Richtung Staat. Die Aussicht darauf, dass durch das Grundeinkommen sämtliche anderen staatlichen Umverteilungseinrichtungen einschließlich der nicht selten entwürdigenden Prüfung der Einkommensverhältnisse entfallen könnten, ist zwar durchaus ein liberales Element und scheint dem Staat einiges an Zuständigkeit zu nehmen. Zugleich würde durch die Existenzsicherung die Marktwirtschaft von dieser Verantwortung befreit und wir könnten so die effizienten Marktmechanismen intensiver nutzen, weil eine existenzielle Notlage durch das Grundeinkommen ausgeschlossen ist. Auf der anderen Seite bindet das Grundeinkommen aber uns Bürger in noch weit stärkerem Maße als bisher an den Staat und macht uns an empfindlicher Stelle abhängig. Wir sind dann zwar nicht mehr gezwungen zu arbeiten, doch mit unserem Einkommen hängen wir umso mehr vom Wohlmeinen des Staates und seiner Bürokratie ab. Er wird nicht nur entscheiden, wie hoch ein „Grund“-Einkommen sein soll, er soll auch die Verteilung vornehmen und bekommt so ein Machtinstrument in die Hand, das in gewisser Hinsicht noch weit effektiver und leichter zu missbrauchen sein dürfte als jede Sanktionierung.

Es überrascht nicht, dass die Idee des Grundeinkommens bisher eher von Vertretern eines starken Staates und einer vom Kollektiv aus gedachten Gesellschaftsform unterstützt wird, während individualistische und liberale Positionen eher ablehnend reagieren. Grundeinkommen heißt ja nicht nur, dass jeder einen ordentlichen Betrag „geschenkt“ bekommt, es heißt auch, dass jedem, der trotzdem noch einer Erwerbsarbeit nachgeht, ein ordentlicher Teil (manche Modelle rechnen mit ca. 50 Prozent!) seines Einkommens gleich wieder per Steuer abgenommen wird.

Was ist sozial?

Ich war früher glühender Anhänger des Bedingungslosen Grundeinkommens, und ich kann mich auch heute noch dafür begeistern. Ich würde auch zu denjenigen Menschen gehören, die durch ihren Beruf und ihre Lebensweise wahrscheinlich am stärksten vom Grundeinkommen profitieren würden. Dass ich mittlerweile auch viel Skepsis gegen dieses Modell entwickelt habe liegt vor allem an der kollektivistischen Ideenwelt, die das Grundeinkommen umgibt. Der liberale Pragmatismus, den ich vor allem Unternehmern wie Götz Werner abgekauft habe, wird zunehmend von einem quasi-sozialistischen Geist der Bewegung erstickt, der auch vor Kontakten zu fragwürdigen Figuren der Verschwörungsszene nicht Halt macht. Und diese Kontakte laufen insbesondere über die anthroposophische Schiene, was mich persönlich besonders irritiert. Denn ich bin der Ansicht, dass Steiners Ideen zur Lösung der Sozialen Frage wie etwa das Modell der Assoziativ-Wirtschaft bei allem Kontrast zu etablierten marktwirtschaftlichen Ideen zwei ganz wesentliche Merkmale zeigt, die sie von planwirtschaftlichen Modellen unterscheidet: die Freiheit des Individuums und die Zuständigkeit dessen, was er innerhalb des Dreigliederungsmodells als Wirtschafts-Sphäre bezeichnet, für die soziale und solidarische Bedürfnisdeckung durch Arbeitsteilung und Handel. Eine staatliche Einmischung in diese Prozesse weist Steiner kategorisch zurück.

Die Argumentation für das Grundeinkommen läuft zu oft nur auf die Möglichkeiten der Selbstverwirklichung hinaus, die ein gesichertes Einkommen bieten. So stellt auch die „Weltrekord-Frage“, die im Rahmen der Schweizer Abstimmungskampagne auf den Boden gepostet wurde – „Was würdest Du arbeiten, wenn für Dein Einkommen gesorgt wäre?“ –  einen aus individueller Perspektive durchaus interessanten Gesichtspunkt ins Zentrum. Doch ist diese Frage sozial? Ist die soziale Haltung tatsächlich die, meine Mitmenschen durch den Staat zu zwingen, für mein Einkommen aufzukommen, damit ich mich selbst verwirklichen kann? Lautet nicht die eigentliche soziale Frage: „Was kann ich tun, damit es meinen Mitmenschen gut geht“? Unser ganz biederer Kapitalismus, soweit er vom realen Regulierungs- und Sozialstaat zugelassen wird, sorgt dafür, dass ich meine Produktivität an den Bedürfnissen meiner Mitmenschen ausrichte, weil ich sonst kein Einkommen habe. Ist das nicht eigentlich eine wesentlich sozialere Grundhaltung?

Ich würde mich freuen, die Diskussion über das Grundeinkommen würde nach dem Referendum nicht einschlafen, sondern noch intensiver, aber auch offener, kritischer und vielleicht mit weniger kreativer Euphorie und mehr pragmatischer Sachlichkeit fortgeführt, damit eines Tages daraus ein lebensfähiges politisches Instrument wird, das Freiheit und Solidarität in unserer Gesellschaft gleichermaßen befördert. ///

 

 

christian-2Der volle Text erschien in der Juli-/August-Nummer von Info3 – Anthroposophie im Dialog. Hier kostenloses und unverbindliches Heft mit dem Artikel bestellen(keine automatische Verlängerung oder ähnliches).

Christian Grauer ist selbständiger IT-Dienstleister und Philosoph. Von ihm erschien das Buch Am Anfang war die Unterscheidung. Der ontologische Monismus, 120 Seiten € 13,60.