At its core, money is a beautiful concept. Charles Eisenstein

Geld, so wie wir es kennen, ist die verborgene, geheime Macht unserer Welt: Geld regiert sie nicht nur, sondern sorgt der englischen Version dieses Ausspruchs zufolge sogar dafür, dass sie sich dreht. Geld gilt unhinterfragt für die meisten Menschen als letzter Antrieb alles Daseins. Nimmt man noch hinzu, dass es allein das Geld ist, das – per Kreditvergabe der Banken – buchstäblich aus dem Nichts geschöpft wird und dass es in der natürlichen Ordnung der Dinge sogar das Einzige ist, das dem Kreislauf des Werdens und Vergehens enthoben ist, weil es nicht vergeht, sondern auf wundersame Weise durch sich selbst immer mehr werden kann –  spätestens dann dürfte uns klar werden, dass wir das Geld mit Attributen ausstatten, wie sie in früheren Zeiten nur dem Göttlichen und Heiligen zuerkannt wurden.

Dass wir dem Geld als einem Götzen huldigen, ist sprichwörtlich. Was aber, wenn es möglich wäre, eine wirklich heilige Dimension des Geldes wiederzuentdecken und daraus eine neue, heilige Praxis des Wirtschaftens zu entwickeln? In nichts Geringerem besteht die Vision des amerikanischen Autors Charles Eisenstein, der mit einem kürzlich erschienenen Buchtitel für eine „Heilige Wirtschaft“ wirbt. Mit Texten, Blogeinträgen und Vorträgen – einige davon hielt er während der Occupy Wall Street-Aktionen – setzt sich der charismatische junge Mann, der an einem privaten Collage als Dozent arbeitet, für seine Vision ein.

Tauschmittel des Gebens

Geld ist im Kern eine wunderschöne Sache, ist Eisenstein überzeugt – als Tauschmittel, das berufen wäre, ein Instrument gegenseitigen Gebens zu sein und das Geflecht der Weltwirtschaft zu impulsieren.  Eisenstein erinnert hier an die Rolle des Herzens, das er im Gegensatz zum herrschenden Verständnis nicht als Blut entsendende „Pumpe“ sieht, sondern als ein Organ der Empfänglichkeit. Ähnlich sollen für ihn auch Banken zu Organen werden, die auf die Bedürfnisse des Systems achten und ihnen dienen.

Wie zahlreiche andere Experten heute auch sieht Eisenstein das Hauptproblem der Finanzwelt in der falschen Verselbständigung des Geldes: Es ist zur Ware geworden und wird so selbst Gegenstand spekulativen Handelns. Dadurch und durch das (seit den 1930er Jahren bestehende) Recht der Privatbanken zur Geldschöpfung per Kredit lebt sich der Drang, aus Geld immer noch mehr Geld zu machen, in Form meist hoch spekulativer Finanzgeschäfte aus, die mit realer Wertschöpfung nichts mehr zu tun haben. Überzeugend zeigt Eisenstein auf, wie der Drang des Geldes nach immer neuen Anlagemöglichkeiten zu einer totalen Ökonomisierung aller Lebensbereiche geführt und insbesondere auch den Bereich der früheren Gemeingüter ausgesaugt hat.

Ökonomie der Gabe

Das Besondere bei Eisenstein liegt aber weder in seiner Kapitalismus-Kritik noch in einzelnen Vorschlägen zu einem alternativen Verständnis von Geld, die es andernorts auch gibt. Ungewöhnlich ist bei ihm vielmehr der Ansatz, unser Verständnis von Wirtschaft, Geld und Zinsen als Ausdruck unseres Bewusstseins zu sehen. Seine Zusammenschau von Spiritualität und sozialer Frage zeigt sich zum Beispiel bei der direkten Verknüpfung von Zinsverständnis und Menschenbild: „Das für sich stehende, getrennte Ich eines Descartes und eines Adam Smith hat sich totgelaufen“, sagt Eisenstein, „Zins täuscht über diese Einheit hinweg, weil er auf das Wachstum des getrennten Ichs abzielt“. Die heutige Wirtschaft ist eine konsequente Folge der Ansicht, dass jeder Mensch eine Insel ist. Künftige, heilige Wirtschaft soll Ausdruck der Einheit aller Menschen werden. Wer sich seines All-Seins bewusst ist, will nicht sein kleines Ego mehren, er will schenken, so Eisenstein.

Für ihn muss deshalb das Geld neu definiert werden, und zwar so, dass es sich einfach nicht mehr vermehren kann. Das wäre dann der Fall, wenn es mit der Zeit – ebenso wie alle Waren und Dienstleistungen auch – seinen Wert verliert. Eisenstein bezieht sich dabei unter anderem auf Silvio Gesells „Freigeld“-Theorie und die deutsche Zinskritikerin Margrit Kennedy. Auch Rudolf Steiner, auf den Eisenstein bisher wohl nicht aufmerksam wurde, vertrat bereits die Idee eines „alternden Geldes“. Die Umsetzung wäre nach Eisenstein denkbar einfach: Auf Geld, das nicht ausgegeben, sondern auf Konten geparkt wird, ergeht kein Zins, sondern im Gegenteil eine Gebühr. In der Folge würde nicht nur der Konsum ansteigen, sondern es würden auch Investitions-Kredite zu Bedingungen unterhalb des Negativ-Zinses verfügbar werden, weil für die Banken (oder auch wohlhabende Privatpersonen) zinslose oder gar leicht verlustbehaftete Darlehen immer noch wirtschaftlicher wären als die dauerhaften Gebühren für „lagerndes“ Geld. Das Ziel für Eisenstein:  „Die Wiederherstellung des Geldes in seiner wahren Funktion als ein verbindendes Element für Schenkungen und Bedürfnisse.“

Konsequent wäre dann für Eisenstein auch – um eine entsprechende „Flucht“ in Sachwerte zu vermeiden – die höhere Besteuerung von Grund und Boden und im weiteren Sinne aller Güter, die bereits aus dem Fundus der Allgemeingüter (commons) herausgelöst und ökonomisiert wurden.

In wie großen Zusammenhängen Eisenstein denkt, zeigt übrigens auch seine sehr interessante Variante der Grundeinkommens-Idee, die bei ihm als „soziale Dividende“ vorkommt und sich aus der Vorstellung ableitet, dass die gesamte Menschheit heute von der Arbeitsersparnis profitieren sollte, die vergangene Generationen durch ihre Erfindungen ermöglicht haben.

Geld-Schmelze als Chance

Fragt sich nur, was wir Einzelnen angesichts des drohenden Zusammenbruchs mit unserem Geld tun können. Eisensteins Antwort lautet: Wir sollen keine Vorräte anlegen, keine Festungen bauen und nicht nach Sicherheiten fragen, sondern danach: „Was ist das Schönste, das ich tun kann?“ Die Finanzkrise mit ihrer Zerstörung von Geld ist für ihn nur unter dem Gesichtspunkt grundsätzlich schlecht, dass die Erschaffung von Geld grundsätzlich gut wäre. Die Vernichtung von Geld kann uns sogar bereichern, so Eisenstein: „Sie gibt uns die Möglichkeit, Teilbereiche des verlorenen Gemeinwesens aus dem Reich des Geldes und des Eigentums zurückzuerobern“, heißt es in seinem Büchlein Keine Forderung ist groß genug, das ein deutscher Verlag kürzlich von ihm herausgegeben hat. Die Zeit sei dafür reif, „Dinge aus dem Reich der Waren und Dienstleistungen zu holen und sie in das Reich der Gaben, der Gegenseitigkeit und der Gemeinschaftlichkeit zurückzubringen“, sagt Eisenstein.

Seine Gedanken vermitteln an jeder Stelle etwas tief Menschliches und Schönes, ein Gefühl für eine mögliche Zukunft, die über die üblichen ideologischen Rufe nach Umverteilung ebenso hinausgeht wie technokratische Ausbesserungsvorschläge. Seine Botschaft begeistert gerade durch ihre Kompromisslosigkeit: „‚Praktikabel’ ist keine Option“, so Eisenstein, „wir müssen nach dem Einzigartigen streben“.

 

Dieser Text erschien in der Ausgabe März 2012 der Zeitschrift Info3 – Anthroposophie im Dialog „Die Schönheit des Geldes“.

 

Buchtipp:

Charles Eisenstein: Keine Forderung kann groß genug sein. Die Revolution der Liebe. Zwei Vorträge, Scorpio Verlag, € 5,-.

Charles Eisenstein: Sacred Economics. Money, Gift & Society in The Age of Transition, Evolver Editions,California, $ 22,95