Die Mitarbeiter von Sekem beginnen den Tag mit einem gemeinsamen Kreis. Foto: Sekem

Von Helmy Abouleish

 

Mein Vater hatte nie Zweifel daran, dass SEKEM in seinem Sinne weiterleben würde. So hat er weder mich noch die SEKEM-Gemeinschaft auf seinen Abschied von der irdischen Welt speziell vorbereitet. Vielmehr waren all die Jahre, die ich an seiner Seite gelernt habe, eine lebenslange Vorbereitung. Ich konnte mit ihm gemeinsam seine Vision einer nachhaltigen Entwicklungsinitiative in Ägypten umsetzen. Wir haben viele Hektar Wüstenboden mit biologisch-dynamischer Landwirtschaft urbar gemacht, Firmen gegründet und Schulen errichtet, in denen Kinder und Erwachsene mit einem ganzheitlichen Ansatz lernen.

In den vergangenen 40 Jahren ist so die SEKEM-Gemeinschaft entstanden, in der Menschen zusammen leben und arbeiten und die Möglichkeit haben, sich individuell zu entwickeln – ein Wunder in der Wüste, wie viele behaupten, wenn sie uns besuchen. Dieses Wunder wurde durch die Vision meines Vaters, insbesondere durch seine große Liebe zu den Menschen realisiert. Denn er war nicht nur für mich ein Vater, sondern auch für unzählige andere Menschen. Bei  unseren regelmäßigen Mitarbeiter-Treffen erinnern wir uns oft gemeinsam an ihn und sein Lebenswerk. Dabei höre ich vor allem von vielen individuellen „Liebesgeschichten“, die jeder Einzelne mit meinem Vater erlebt hat – vielmehr als von den großen Visionen, die er umsetzen konnte.

 

Alles ist Entwicklung

Für mich war er nicht nur Vater, sondern gleichzeitig ein Bruder im Geiste und mein wichtigster Lehrer. Er hat mich gelehrt, dass die Möglichkeit der Entwicklung das Schönste ist, was uns das Leben auf Erden bietet. Und dass wir alles schaffen können, wenn wir mit einer Vision, Mut und Ausdauer daran arbeiten.

Inschrift am Grab von Ibrahim Abouleish. Foto: Hermann Becke

Auch wenn er nun physisch nicht mehr bei uns ist, gibt es immer noch viele Momente der geistigen Zwiesprache mit ihm. Wie etliche unserer MitarbeiterInnen, besuche auch ich regelmäßig seine Ruhestätte. Auf einer kleinen Anhöhe, dort wo er einst der Wüstenlandschaft, so wie er sie vor 40 Jahren vorfand, ein Denkmal setzen wollte, ruht sein Körper nun in einer Grabstätte nach altägyptischen Formen. An der östlichen Mauer ließ er einen Spruch von sich eingravieren: „Wenn ich sterbe, oh Herr, werde ich zu Dir zurückkehren. Ich säte die Samen in Deinem Namen, und von Dir kommt die Ernte. Ich entzündete diese Kerze, oh Herr, bewahre ihr Licht vor den Finsternissen der Welt.“ Diese Samen, von meinem Vater gepflanzt, und dieses Licht, von meinem Vater entzündet, heißt es nun weiter zu nähren, zu erhalten und zu teilen.

 

Gemeinsam die Vision weitertragen

Neben seiner tiefen Verbindung zu den Menschen, hatte mein Vater als Gründer und Visionär freilich die tiefsten Einblicke in alle Bereiche und Aktivitäten SEKEMs. Diese Rolle kann niemand ersetzen. Vielmehr müssen wir nun verstärkt in der Gemeinschaft daran arbeiten, seine Vision in die Zukunft zu tragen. Dazu nutzen wir den „Zukunftsrat“, der sich mit der Frage einer neuen Führungs- und Organisationsstruktur beschäftigt. Der Rat besteht aus der Mitgründer-Generation und einigen jungen Menschen, die in SEKEM leben und arbeiten. Gemeinsam analysieren wir zunächst das große SEKEM-Gefüge, das aus dem Zusammenspiel von vielen einzelnen Institutionen lebt. Damit dieses Gefüge in Zukunft weiter in Verbindung und Austausch bleibt, müssen wir Klarheit und Transparenz schaffen, um dann Führungsaufgaben neu zu verteilen. Der Zukunftsrat organisiert sich dazu in unterschiedlichen Rollen und Kreisen, wodurch dynamischere und vereinfachte Kooperationsformen gestärkt werden und die Alleinentscheider-Funktion entlastet wird. Diesen neuen Entwicklungsprozess haben wir „SEKEMsophia“ getauft und bereits wenige Tage nach dem Tod meines Vaters aufgenommen.

Trägt den Sekem-Impuls im Team kräftig weiter: Helmy Abouleish

Mein Vater hatte nie ein endgültiges Ziel für seine Vision. Vielmehr hat er uns mit SEKEM auf einen anhaltend wachsenden und sich unaufhörlich wandelnden Entwicklungsweg geführt, in dessen Zentrum stets die Menschen stehen. Er hat uns gelehrt, wie wir den Menschen, die sich auf ganz unterschiedlichen Entwicklungsstufen befinden, Raum zur Entfaltung ermöglichen. Dabei wurde er stark von der Anthroposophie, insbesondere von Steiners Theorie der Seelenentwicklung (von der Empfindungsseele über die Verstandesseele zur Bewusstseinsseele) inspiriert. In SEKEMs Gemeinschaftsgebilde wollen wir die Menschen an Fragen heranführen. Denn nur wo zunächst eine Frage auftaucht, kann wirklich Verständnis, Bewusstsein und Entwicklung entstehen. Gleichzeitig versuchen wir, unser eigenes Tun stetig zu hinterfragen und unser Bewusstsein dafür zu schulen, dass wir jeden Tag Fehler machen und unser individuelles Denken nicht auf andere übertragen können. Diesen Ansatz integrieren wir in den SEKEMsophia-Prozess und gehen damit – und mit meinem Vater als geistigem Begleiter – einen weiteren Schritt auf SEKEMs Entwicklungsweg.

 

 

SEKEM – ein Garten in der Wüste

Mit der Vision nachhaltige Entwicklung in den Bereichen Wirtschaft, Ökologie, Gesellschaft und Kultur zu fördern, gründete Dr. Ibrahim Abouleish 1977 die SEKEM Initiative in der ägyptischen Wüste. Die SEKEM Firmengruppe produziert, verarbeitet und vermarktet biologische und biodynamische Lebensmittel, Textilien und pflanzliche Arzneimittel in Ägypten, der arabischen Welt und auf internationalen Märkten. Sie gilt als ägyptischer „Bio-Pionier“ und wurde 2003 mit dem „Right Livelihood Award“ ausgezeichnet, auch bekannt als „Alternativer Nobelpreis“. Mit einem Teil ihrer Gewinne finanzieren die SEKEM Firmen die Aktivitäten der SEKEM Stiftung für Entwicklung (SDF), die unter anderem Schulen und ein medizinisches Zentrum betreibt. 2012 wurde unter der Schirmherrschaft SEKEMs die Heliopolis Universität für nachhaltige Entwicklung eröffnet.

 

 

 

 

 

 

Buchtipp: Ibrahim Abouleish, die Sekem-Symphonie. Der Gründer erzählt vom Werden Sekems. Info3 Verlag 192 Seiten, zahlreiche Abbildungen, Broschur, € 19,80. Das Buch können Sie direkt beim Verlag bestellen oder überall, wo es Bücher gibt, erwerben.