Foto: Alain Germond

Von Sonja Student

Schon lange beschäftigt mich als gleichermaßen spirituell wie gesellschaftlich engagierter Mensch der Zusammenhang von Menschenwürde, Menschenrechten und der Tiefendimension unseres Mensch-Seins in einem beseelten und lebendigen Universum. Ein Kommentar von Katharina Ceming in der Zeitschrift „evolve“ hatte mich auf den Sozialphilosophen Hans Joas und sein Buch über die „Sakralität der Person“ aufmerksam gemacht. Ihre Fragestellung lautete, ob mit dem Rückzug der Religion aus dem öffentlichen Leben, wie wir ihn in Nordwesteuropa spätestens seit dem 20. Jahrhundert wahrnehmen, auch das Heilige oder Sakrale verschwinde. Für sie ist das aber nur ein äußerer Schein: Das Heilige sei immer noch in modernen Kulturen lebendig, habe aber sein Antlitz gewandelt: „Es ist einfach menschlicher geworden“, ist sie überzeugt. In traditionellen Kulturen waren das Heilige und Profane klar getrennte Dimensionen. Der Sozialphilosoph Hans Joas, auf den sie hinwies, versuche dagegen, das Heilige und das Profane zusammenzubringen. Im Kontext der Menschenrechtsdiskussion brachte er in Anlehnung an den Soziologen Emile Durkheim den Begriff der „Sakralität der Person“ in die Diskussion ein. Die Menschenrechte sind für ihn Ausdruck des gewachsenen Bewusstseins von der Würde oder Heiligkeit jedes einzelnen Menschen, dem eine komplexe kulturelle Transformation zugrunde liegt. Wir begegnen Gott, dem Göttlichen, dem namenlosen Mysterium nicht mehr nur im transzendenten Anderen, sondern auch im konkreten und jeweils besonderen Mit-Menschen in all seiner Gewordenheit.

Die Kraft universeller Werte: ein Tiefenstrom der Geschichte

Für Hans Joas ist der Glaube an die Menschenrechte und die universale Menschenwürde das Ergebnis eines Tiefenstroms der Menschheitsgeschichte. In diesem Sakralisierungsprozess wird jedes einzelne menschliche Wesen als heilig angesehen – eine höchste Qualität, die früher nur Gott zukam. Dieses Verständnis wird später im nationalen und internationalen Recht institutionalisiert.

Dieser Prozess der Sakralisierung der Person hat verschiedene Quellen, die sich durch die menschliche Geschichte ziehen. Zum einen sind es religiöse und philosophische Ethiken: Der moralische Universalismus gesteht allen Menschen die gleiche Würde zu, erstmals in der von Karl Jaspers so genannten Achsenzeit zwischen 800 und 200 v. Chr., nicht nur im Westen, sondern auch in Indien und China. Zum anderen findet eine Institutionalisierung dieser Ansätze in bestimmten historischen Phasen statt: im nationalen Recht (amerikanische und französische Revolution: einzelstaatliche Kodifizierung mit universalem Anspruch), wobei hier eine grundlegende Spannung darin besteht, etwas Universales in einen notwendig begrenzten Rahmen zu stecken, sowie im internationalen Recht. Hier fanden wichtige Festschreibungen in den Menschenrechtserklärungen und Konventionen der Vereinten Nationen statt.

Dieser Tiefenstrom drückt sich auch in vielen Bewegungen gegen Menschenrechtsverletzungen aus – sei es im Kampf für die Abschaffung der Sklaverei und Folter, gegen die Unterdrückung von Frauen oder Minderheiten oder gegen den Missbrauch von Kindern. Es vollzieht sich ein Prozess der Sensibilisierung und der Inklusion – als Einschluss aller Menschen. All diese Bewegungen sind ein Ausdruck der Anerkennung des Heiligen im Anderen, wie es Rudolf Steiner, Martin Buber und andere formuliert haben. Person-Sein bedeutet dabei mehr zu sein als ein getrenntes Individuum: ein einzigartiges Selbst, das durchlässig ist für die Ganzheit von Sein und Werden.

Der Begriff der Person wird von Joas verstanden als Balance zwischen Individuum und Gemeinschaft. Darin steckt der Verweis auf die „notwendige Sozialität des Individuums“, das niemals von den anderen getrennt und immer schon eingebunden ist in größere Kontexte. Person meint ein seelisches Wesen, das mit anderen die universelle Erfahrung von Selbsttranszendenz und De-Zentrierung teilt und zugleich eine einzigartige Perspektive verkörpert.

Sakralität vor jeglicher Religion

All das bedeutet nicht automatisch, dass der Mensch die Quelle seiner eigenen Heiligkeit oder Sakralität ist, lässt aber verschiedene (auch tiefere) Interpretationen zu. In der Sakralität der Person sieht Joas die „einzige Ressource für Gemeinsamkeit in partikularistischen pluralen Gesellschaften, die sich auf eine moralische Intuition im Mensch-Sein stützt. Menschenrechte sind die Fortsetzung und zugleich die zeitgemäße Erweiterung des Christentums.“

Die subtile Sakralisierung des Anderen ist immer wieder gefährdet, sie muss stetig kultiviert werden und durch Bildung und Erziehung in demokratischen Gesellschaften eingeübt und gelebt werden. Dazu kann jede Religion und jede humanistische Weltanschauung einen Beitrag leisten: das Christentum z. B. dadurch, dass es zur Perspektiverweiterung beiträgt und auffordert, die Welt aus der Sicht „des Geringsten unter unseren Brüdern“ zu sehen. In diesem Sinne ist die Sakralisierung der Person auch eine Weiterführung der jüdisch-christlichen Ethik, selbst wenn einzelne Aufklärer einst mit ihrer eigenen Tradition vollständig brachen und auch wenn diese Traditionen selbst den Prozess der Aufklärung behinderten. Eine Gefahr für den Prozess der Sakralisierung der Person liegt allerdings darin, dass der Westen ihn utilitaristisch, individualistisch und neoliberal verkürzt oder postmodern relativiert.

Für einen universellen Werte-Pluralismus im Dialog

Hans Joas versucht mit seinem Ansatz eine Integration aus rationalen Geltungsansprüchen der Vernunft mit historischer und evolutionärer Reflexion. Er glaubt dabei nicht an die rein rationale Begründungsmöglichkeit letzter Werte. Das führt allerdings nicht zu einem Werterelativismus, sondern zu einem ethisch reflektierten Wertepluralismus. Die Bindung an Werte geht letztlich immer aus Erfahrungen hervor. Diese können aufgedeckt und negiert, aber auch bewusst affirmiert werden. Dann wird aus implizit gelebten Werten ein explizit im Dialog entwickelter, universeller Werte-Pluralismus: Das Eine in den Vielen und durch die Vielen: So sieht er die Entstehung der Menschenrechte letztlich als einen zivilisatorischen oder evolutionären Schritt jenseits eines Werte-Relativismus. Menschenrechte gehen zwar auf kulturelle Traditionen zurück, sind aber nicht an eine bestimmte Tradition gebunden. Im Dialog mit den anderen Traditionen können sie sich co-kreativ mit verschiedenen Traditionen zu Werte-Generalisierungen erweitern. Ein zentrales Beispiel dafür ist der Prozess der Menschenrechtserklärung 1948.

Einen Schatz heben

Ein tieferes Verständnis der Sakralität der Person, von Menschenwürde und Menschenrechten ist wichtig, damit wir uns heute im Prozess der bewussten Menschenwerdung verorten können. Wir können uns dabei die bereits vorhandenen Errungenschaften dieses Zivilisierungsprozesses bewusst machen und eine Kultur der menschlichen Würde für jedes Individuum sowie für unser Zusammenleben in der Würde einer offenen Gesellschaft im Kleinen und Großen schaffen. Dieser Prozess gleicht dem Heben eines verborgenen Schatzes. Wenn er ins Licht der Bewusstheit kommt, kann er in die Welt strahlen.

Außer rationalen Erklärungen und kognitiven Übungen brauchen wir dazu Möglichkeitsräume der „Selbstentgrenzung“ oder De-Zentrierung für die Begegnung mit dem Numinosen. Diese Öffnung und ihr rechtes Verstehen fördert auch die Sensibilisierung für Gewalterfahrungen, für Empathie und die Zivilisierung von Mensch und Gesellschaft. Zur Wertebildung gehören diese Grenzerfahrungen, ihre Reflexion sowie ein offener Prozess der Wertebildung und Wertegeneralisierung. Wir brauchen keinen Kampf um „Letztbegründungen“, sondern mutiges und demütiges Eintreten in einen Dialog, in dem sich alle Beteiligten verändern.

Unsere bisherigen Erfahrungen aus dem Dialog den Frankfurter Herbstakademien zeigen: Jegliches Weltbild oder jede Weltanschauung sind verschiedene „realitätsgesättigte Perspektiven“ auf die eine Wirklichkeit. Sie können eng oder weit sein, verschlossen oder offen für eine größere Wirklichkeit. Nur im Dialog kann sich diese größere Wirklichkeit erschließen. In diesem Sinne hat der Prozess der Wertegeneralisierung einen Bezug zu einer tieferen Wirklichkeit und ihren verschiedenen Ausdrucksformen und ist zugleich ein co-kreativer evolutionärer Prozess. Er ist eins mit der Quelle, dem Tiefenstrom und den vielfältigen Strömungen des Weltgeschehens. Und er wird der besonderen Bedeutung des Menschen für die bewusste Evolution gerecht. ///

Lesetipp:

Hans Joas: Die Sakralität der Person. Eine neue Genealogie der Menschenrechte. Berlin: Suhrkamp Wissenschaft 2015. € 7,-.

 

 

 

 

Sonja Student engagiert sich für Kinderrechte und Demokratiepädagogik. Sie ist Mitbegründerin der Herbstakademie Frankfurt, die seit 2006 auf dialogischer Basis von ihr, Jens Heisterkamp und Thomas Steininger organisiert wird.

In diesem Jahr findet die Herbstakademie zum ersten Mal nicht in Frankfurt, sondern in Kooperation mit der Alanus Hochschule vom 16. – 18. Oktober in Alfter bei Bonn statt. Im Mittelpunkt steht dabei das Thema „Die Würde der Offenen Gesellschaft. Eine Besinnung auf die Grundlagen unseres Zusammenlebens in Zeiten des Populismus“. Nähere Informationen und Anmeldung unter www.herbstakademiefrankfurt.de.