Bei den Filmfestspielen in Cannes wurde Michael Hanekes jüngster Film Liebe mit einer goldenen Palme ausgezeichnet. Haneke erzählt die Geschichte eines alten Paares, dessen Liebe durch den Eintritt des Pflegefalls auf die Probe gestellt wird. Endlich ist er in unseren Kinos zu sehen.

Noch bevor der körperliche Verfall sichtbar wird, bemerken wir ihn in den Winkeln und Ritzen der Pariser Altbauwohnung, in der das alternde Paar zu Hause ist. Der schweigsame Gang der Kamera, die  von den Eingangsszenen abgesehen die Wohnung nicht mehr verlassen wird, schließt den Betrachter in der Behausung der Ehegatten ein. Es ist eine Geste des Umhüllens wie des Ausgesetztseins, denn sie überträgt mit filmischen Mitteln auf den Zuschauer, womit die Protagonisten der Handlung sich gleichsam schützen wie beengen: Nachdem Anne als Pflegefall aus dem Krankenhaus entlassen wurde, ringt sie Georges das Versprechen ab, sie nie mehr in ein Krankenhaus zu bringen. Der tiefe Wunsch, die gewohnte häusliche Umgebung nie mehr verlassen zu müssen, ist uns ebenso verständlich wie Georges Zögern, der seine damit einhergehende Überforderung bereits hier ahnen kann. Damit sind die Weichen gestellt für eine Situation, aus der es für niemanden ein Entrinnen gibt.

Dennoch zeigt der Film den inneren Konflikt Georges‘ nicht so deutlich, als dass es nachvollziehbar wäre, warum er seiner Frau zuletzt ein Kissen auf das Gesicht drückt, um dem Leiden ein Ende zu bereiten: Es gibt keine dramatische Zuspitzung in Hanekes Film. Fast beiläufig fügt sich der tödliche Übergriff in die Routine der alltäglichen Handlungen ein. Wenig verständlich erscheint es auch, dass Georges die Tote im Zimmer einschließt und sorgfältig von außen die Türen abklebt. Der Film verklausuliert, was in dem Menschen vor sich geht, der die Sterbende begleitet. Szene um Szene erhöht sich Annes Pflegebedürftigkeit; vom Rollstuhl über die Schnabeltasse bis zu Windel und Brei. Je nachdem, wie viel Umgang wir selbst mit Pflegebedürftigen haben, finden wir das mehr oder weniger normal oder erschütternd. Der Film jedoch scheint Wert darauf zu legen, dass wir uns diesem unaufhaltsamen Verfall ausgeliefert fühlen: Es dauert eine Ewigkeit, bis die Tochter die Hand der Mutter ergreift, um einen Kontakt aufzunehmen, der sich verbal kaum noch herstellen lässt. Es rührt uns zu Tränen, wenn Georges versucht, mit Anne zusammen ein Kinderlied zu singen, und die Erinnerung bruchstückhafte Worte über ihre Lippen presst.

Pflege ist nicht nur der Rollstuhl, die Schnabeltasse, die Windel, der Brei. Pflege ist nicht das, was wir dem Verfall abringen, um die Physis möglichst lange zu erhalten. Pflege ist, was trotz Schnabeltasse, Brei und Einlauf das Zusammensein liebenswert und das Leben lebenswert erscheinen lässt.  Von Beginn ihrer Lähmung an, noch lange bevor sie ein schwerer Pflegefall wird,  möchte Anne nicht mehr weiter leben, und der Film schafft es kaum, zu erzählen, dass es trotz des unaufhaltsamen Verfalls immer wieder licht werden kann. So zeigt Hanekes Film vor allem das: Wie schwierig es ist, würdig zu sterben. Dass unsere Liebe möglicherweise zuletzt nicht reichen wird. Und wie wir daran scheitern, einen Menschen so zu lieben, dass wir ihn gehen lassen können. Wann auch immer.

Silke Kirch / erscheint in der Novemberausgabe von Info3 – Anthroposophie im Dialog.