Altarbild Nr. 1, Gruppe X, 1915. Öl, Tempera und Gold auf Leinwand 185 x 152 cm  © Stiftelsen Hilma af Klints Verk Foto: Moderna Museet / Albin Dahlström

Altarbild Nr. 1, Gruppe X, 1915. Öl, Tempera und Gold auf Leinwand
185 x 152 cm
© Stiftelsen Hilma af Klints Verk
Foto: Moderna Museet / Albin Dahlström

Das Werk einer der spannendsten Malerinnen des vergangenen Jahrhunderts ist jetzt erstmals in Deutschland – in Berlin – in einer umfangreichen Retrospektive zu sehen: das von Hilma af Klint (1862-1944). Bereits 1906 schuf die Tochter eines schwedischen Kapitäns abstrakte Bilder – lange vor Wassily Kandinsky, dessen erstes abstraktes Werk auf 1910 datiert wird. Hilma af Klint jedoch wurde zu ihrer Zeit als Künstlerin nicht wirklich wahrgenommen – sie stellte kaum aus, weder in ihrer Heimat Schweden noch in Europa. Das trug dazu bei, dass ihr Werk nahezu vollkommen in einer Hand erhalten geblieben ist – ihr Nachlass gehört einer schwedischen Stiftung. Erst 1986 wurden einige wenige Bilder in einer Ausstellung in den USA gezeigt. Bis heute blieb ihr umfangreiches Schaffen jedoch weitgehend unbekannt.

Rund 200 Bilder sind jetzt in Berlin im Hamburger Bahnhof zu sehen – und sie zeigen augenfällig, wie sehr die abstrakte Malerei der damaligen Zeit in der Spiritualität verwurzelt ist. Hilma af Klint hatte zu Beginn des Jahrhunderts gemeinsam mit vier anderen Frauen einen Zirkel gebildet („De Fem“ – „die Fünf“), der sich regelmäßig zu spiritistischen Séancen traf, um Kontakt mit der geistigen Welt aufzunehmen. In zahllosen Skizzenbüchern hat sie ihre Eindrücke und Wahrnehmungen festgehalten. Sie ging davon aus, dass es jenseits der sichtbaren Welt eine geistige Realität gäbe, die sie in ihren Bildern zu visualisieren suchte.

Beziehung zu Steiner

Portrait Hilma af Klint im Atelier, ca. 1895 © Stiftelsen Hilma af Klints Verk

Portrait Hilma af Klint im Atelier, ca. 1895
© Stiftelsen Hilma af Klints Verk

Hilma af Klint interessierte sich für Theosophie und Anthroposophie. Rudolf Steiner begegnete sie erstmals 1908, in den 1920er Jahren reiste sie mehrfach nach Dornach ans Goetheanum, wo sie sich auch intensiv mit Heilpflanzen und deren Eigenschaften befasste. Auch Rudolf Steiner selbst interessierte sich für ihr Werk, warnte sie aber, sich nicht zu früh damit unter die Menschen zu wagen: „Was Sie hier malen, werden die Menschen frühestens in 50 Jahren verstehen“, soll er zu ihr gesagt haben. Diese Äußerung führte mit zu Hilma af Klints Verfügung, dass ihr Oeuvre erst 20 Jahre nach ihrem Tod einem größeren Publikum zugänglich gemacht werden durfte.

Die Berliner Ausstellung, die zuvor in Stockholm gezeigt wurde und später nach Malaga ins Museum Picasso sowie nach Kopenhagen und in die USA wandern wird, beginnt im ersten Raum mit 26 noch kleinformatigen Zeichnungen in vorwiegend Grün, Blau und Gelb: „Urchaos“ aus 1906/7. Es sind Kreise, Spiralen, Wellen, Linien – Elemente, die sich später in all ihren abstrakten Gemälden wiederfinden.

Im Dialog mit Gegenwartskunst

Der Weg durch die Ausstellung führt dann an Joseph Beuys’ „Ende des 20. Jahrhunderts“ vorbei (auf dem Boden liegenden zerbrochenen Sandstein-Brocken, die einen ganzen Raum füllen) – nicht ohne Grund, denn auch in dem dahinter liegenden Raum gibt es eine spannende Gegenüberstellung: vier abstrakte Werke von Hilma af Klint begegnen Pflanzenbetrachtungen von Beuys, mit Ausblick auf die weitere Beuys-Sammlung der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof – eine glückhafte Fügung.

Richtig spannend wird es jedoch, wenn man die Treppe hochgeht in den ersten Stock – nur für diese Räume war die Ausstellung ursprünglich geplant, musste dann jedoch wegen der Fülle der Bilder ergänzt werden durch die unteren Räumlichkeiten (was dem Kunstgenuss eher zu- als abträglich ist). Im ersten Stock begrüßen den Betrachter zehn monumentale Werke af Klints – drei Meter hoch, über zwei Meter breit, auf Papier gemalt und jetzt kunstgerecht restauriert und auf stabile Rahmen gezogen. In diesen zehn Werken stellt af Klint die Entwicklung des Menschen von der Kindheit bis zum Greisenalter dar – mit Kreisen und Symbolen, mit Buchstaben und Kringeln, und immer wieder mit verblüffenden naturwissenschaftlichen Details (zum Beispiel der samenumschwirrten Eizelle im ersten Bild „Das Kindesalter“). „1907, als Hilma af Klint diese Werke schuf, waren solche Formate nur aus der Historienmalerei bekannt, aus der Darstellung also von Göttern, Königen oder Generälen“, schreibt Julia Voss, Leiterin des Kunstressorts, in einem höchst lesenswerten Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 20.2.2013 unter der wegweisenden Überschrift „Die Kunstgeschichte muss umgeschrieben werden“.

Glücksfall: ein beisammengehaltenes Werk

Ein weiterer Höhepunkt sind die drei „Altarbilder“ im letzten Raum der Ausstellung auf tiefviolett gestrichenen Wänden. Sie zeigen gleichschenklige Dreiecke, deren Spitze mal nach oben, mal nach unten orientiert ist und die, so der Katalog zur Ausstellung, „die Bewegung des Geistes von oben durch die irdische Materie und zurück beschreiben oder übereinandergelegt zum sechszackigen Stern verschmelzen, einem esoterischen Symbol für das Universum.“

Es ist einer der größten Glücksfälle der Kunstgeschichte, dass Hilma af Klint ihren Nachlass ihrem Neffen vermachte, der ihn in eine Stiftung überführte. Dort wurde das Werk über Jahrzehnte hinweg zusammengehalten und bewahrt. Kein Sammler, kein Spekulant konnte sich dieser Gemälde, Zeichnungen, Skizzenbücher und Aquarelle bemächtigen – und es bleibt zu hoffen, dass die Stiftung stark und standhaft genug bleibt, keinem noch so lukrativen Angebot zu erliegen und stattdessen dieses einzigartige Werk später in einem Hilma-af-Klint-Museum vollständig und dauerhaft ausstellt.

Bis dahin kann nur wärmstens empfohlen werden, den Weg nach Berlin anzutreten und sich diese Ausstellung anzusehen.

Noch bis zum 6. Oktober 2013. Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, Berlin, Invalidenstraße 50-51. Geöffnet Di/Mi/Fr 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr, Sa/So 11-18 Uhr. Mo geschlossen. Kostenlose öffentliche Führungen immer mittwochs, 16-17 Uhr.

Der sehr schön gedruckte und lesenswerte Katalog (296 Seiten) erschien im Verlag Hatje Cantz und kostet € 39,80. Weitere Informationen hier.