Rupert Neudeck im Dezember 2015. / Foto: Jens Heisterkamp

Rupert Neudeck im Dezember 2015. / Foto: Jens Heisterkamp

Menschliches Leid spiegelt sich oft in abstrakten Zahlen und anonymen Bildern: Zahlen von Toten und Vertriebenen, Bilder von Kriegen, von Natur – und Hungerkatastrophen. Je statistischer und gesichtsloser sie daherkommen, desto mehr lassen sie die Möglichkeiten des Einzelnen klein erscheinen – lächerlich klein.

Rupert Neudeck hat diesem Gefühl von Aussichtslosigkeit immer etwas anderes entgegengesetzt: Er stand dafür, sich nicht abzufinden, sich nicht abzustumpfen angesichts der Übermacht des Elends. Er ließ die gleichgültige Anonymität des Leids nicht zu, sondern hatte stets menschliche Gesichter vor Augen, deren Not es ohne Rücksichten auf bürokratische Hindernisse zu lindern galt. Ohne fremdes Mandat, ohne finanzielle oder politische Macht im Hintergrund, nur mit dem Feuer des eigenen Willens ausgestattet, machte er die Not des Anderen zu seiner eigenen Sache. Er half, die unmittelbar Bedürftigen aufzurichten, machte aber auch allen anderen Mut indem er zeigte: Menschsein ist möglich.

Mein erster persönlicher Kontakt mit Rupert Neudeck war telefonisch im Frühjahr 1999 zustandegekommen, als ich ihn in einem Flüchtlingslager am Rande des Kosovo für ein Interview auf seinem Handy  erreichte. Kurz nachdem das Gespräch und ein Bericht über die Lage im Flüchtlingscamp erschienen war, überraschte mich der Viel-Leser Neudeck mit dem freundlichen Angebot, Buchrezensionen für unsere Zeitschrift Info3 beizusteuern. Ein regelmäßiger Kontakt entstand, zu dem auch ein wunderbares Interview mit ihm im damaligen Büro von Cap Anamur in Köln gehörte – über seinen Lebensweg als flüchtendes Kind, als verhinderter Ordensmann, als Journalist und schließlich als Helfer, der zusammen mit Heinrich Böll und Franz Alt das Rettungsschiff Cap Anamur erfand.

Eine Szene in Frankfurt, nachdem wir noch vor einigen Monaten zusammen einen Dokumentarfilm über grausame Foltercamps auf dem Sinai angeschaut hatten: Rupert Neudeck kommt aus dem Kinosaal, sieht mich mit nassen Augen an und meint: „Jetzt möchte man ja erst einmal gar nichts sagen“, und man ahnt nur, was in seiner Seele vor sich gehen mag. Im Gespräch mit der aus Eritrea stammenden Regisseurin (er selbst kennt das Land gut aus der Zeit Anfang der 1990er Jahre und einem seiner zahllosen humanitären Einsätze) zeigt sich Neudeck dann tief besorgt um das Schicksal dieses einst so hoffnungsvollen Landes; noch auf dem Weg zum Bahnhof zurück nach Troisdorf geht er eine To Do-Liste mit Namen durch, die er sofort wegen einer Verbesserung der Lage der Eritrea-Flüchtlinge anrufen will.

Wahrnehmen von Leid ohne gleichzeitiges Handeln gab es für ihn nicht. Seine moralische Rigorosität konnte etwas fast Unheimliches haben. Wer ihn erlebte, fragte sich unwillkürlich: Woher nimmt dieser schlichte Mann diese Entschlossenheit? Von wo nährt sich seine Unbeugsamkeit angesichts der schieren Übermacht des Elends in der Welt? Wenn einer darum gewusst haben mag, dass es schlecht bestellt ist um die Sache der Menschlichkeit auf Erden, dann er, der trotz allem in aller Bescheidenheit immer so lebte, als sei das Gute das Selbstverständliche. Die Zweifel, die inneren Kämpfe machte er mit sich allein aus. Gewiss, er war ein tief Glaubender – die letzte Quelle seiner Standhaftigkeit wird trotzdem geheimnisvoll bleiben.