Foto: Frank Meyer

Mistel-Foto: Frank Meyer

Wie die meisten Hausärzte verbringe ich zu viel Zeit in meiner Praxis und viel zu wenig in meinem Garten. Kürzlich jedoch war wieder einmal Zeit für einen kleinen Gartenrundgang, und ich staunte nicht schlecht, als ich im meinem Apfelbaum einen kleinen Gast entdeckte (siehe Foto). Längst in Vergessenheit geraten waren die Mistelbeeren, die ich vor über zwei Jahren auf einem kräftigen Ast des Baumes ausgesät hatte, indem ich sie zerquetscht und den grünen Kern mit dem beim Zerdrücken frei werdenden Mistelleim angeklebt hatte. Inzwischen hatten die Mistel-Embryonen zunächst eine kleine Haftscheibe und von dieser ausgehend einen Senker gebildet, der sich mit den flüssigkeitsführenden Strukturen in der Wachstumsschicht des Baumes verbunden hatte. Genährt vom Baumsaft war dann von mir unbemerkt ein kleiner Mistelstrauch herangewachsen – der in wenigen Jahren seine charakteristische Kugelgestalt annehmen wird.

 

Ein Outlaw der Pflanzenwelt

Die Mistel wächst langsam – so langsam, dass man sie schon mal vergessen kann. Jahr für Jahr bildet sie völlig gleichartige, Keimblättern ähnelnde Blattpaare aus, so als sei ihr der Entwicklungsgedanke fremd, und es dauert mindestens drei Jahre, bis sich die ersten, ebenso minimalistischen Blüten zeigen. Langsamkeit und Entwicklungsverzicht sind nur zwei von vielen Besonderheiten dieser außergewöhnlichen Pflanze. Aber schon diese beiden Eigentümlichkeiten deuten auf das Heilsame der Mistel hin. Denn Beschleunigung in allen Lebensbereichen und der Druck zur permanenten (Selbst-) Perfektionierung macht heute viele Menschen krank. Die Mistel weist uns auf die Heilmittel: die aktive dauerhafte oder zeitweise Rückkehr zur Langsamkeit, die sich hinter dem Schlagwort Entschleunigung verbirgt und die Tugend der Selbstakzeptanz, die vor Selbstoptimierungswahn bewahrt. Rudolf Steiner, der die Mistel für die Krebsbehandlung entdeckte, wies 1920 in seinem ersten Vortragskurs für Ärzte auf die „Antitendenz“ der Mistel hin, die sich auch darin zeigt, dass sie einen eigenwilligen Jahresrhythmus mit Blütezeit im Winter hat: „ … sie will vermöge ihrer Kräfte alles dasjenige nicht, was die geraden Organisationskräfte, die geradlinig sich entwickelnden Organisationskräfte wollen, und sie will dasjenige, was die geradlinig sich entwickelten Organisationskräfte nicht wollen.“ Mit ihrer „Antitendenz“ (Steiner) entpuppt sich die Mistel als eine Art Outlaw unter den Pflanzen – und lässt bei näherer Betrachtung ihre Heilwirkung bei Krebserkrankungen erkennen. Wer sich heute vor Krebs schützen will, tut gut daran, sich nicht nur die Mistel zu spritzen, sondern sich auch ihre Antitendenz selbst zum Vorbild zu nehmen, von ihr zu lernen sich zu entschleunigen, sich abzugrenzen, Achtsamkeit zu entwickeln und sich selbstbewusst gegen Trends zu stellen, wenn diese nicht den eigenen Bedürfnissen entsprechen. Neben den guten Erfahrungen, die ich seit 22 Jahren mit Mistelpräparaten sammele, ist dieses Outlaw-Dasein dasjenige, was mich an dieser Pflanze am meisten fasziniert.

Eine Jahrhundertleistung

Seit fast 100 Jahren werden Mistelampullen bei Krebs eingesetzt – erstmals im Juli 1917 durch Ita Wegman in Zürich, die entsprechende Anstöße von Rudolf Steiner umgesetzt und ein Mistelpräparat auf eigene Faust in einer Apotheke herstellen ließ. Rechtzeitig zu diesem herannahenden Jubiläum hat Peter Selg Band 1 eines voraussichtlich dreibändigen Projektes vorgelegt. Selg ist Arzt und Schriftsteller und hat sich unter anderem als Chronist der Anthroposophischen Medizin einen Namen gemacht. So ist auch sein Buch Mensch und Mistel anders, als der Titel zunächst vermuten lässt, ein medizinhistorisches Werk. Der Untertitel „Die Begründung der onkologischen Viscum-Behandlung durch Rudolf Steiner und Ita Wegman“ bringt einen auf die richtige Fährte. Selg nimmt den Faden der gemeinsamen Geschichte von Mistel und Mensch bei Rudolf Steiner auf. Auch ältere, durch Geschichtsschreibung und Mythos überlieferte Anschauungen über die Mistel fließen mit ein, soweit diese für Steiner relevant waren. In der Einleitung hebt Selg den großen Stellenwert und die weite Verbreitung der Misteltherapie hervor und referiert im Wesentlichen die Sachlage von vor 13 Jahren, als die Misteltherapie vielleicht auf einem Höhepunkt ihrer Verbreitung war (und in Deutschland auch noch von den Krankenkassen bei allen Krebserkrankungen bezahlt wurde), während die Situation heute sehr viel schwieriger ist, denn die Kassen zahlen nur noch in Ausnahmefällen. Aber das wäre wohl ein Thema für Band 3 der Dokumentation, der die Entwicklungen bis zur Gegenwart zum Inhalt haben soll.

Vorerst beschäftigt sich Selg mit den Anfängen der Misteltherapie und den wichtigen Fortschritten bei Herstellung und Einsatz der Mistelpräparate, die bis zu Rudolf Steiners Tod (1925) erzielt wurden. Selgs Buch ist eine echte kleine Jahrhundertleistung, denn auch wenn vieles von dem, was sich in dem Band findet, schon bekannt war, ist es doch nie in dieser Fülle und Dichtheit zusammengetragen worden. Das gilt sowohl für die werk- und ideengeschichtlichen Ausführungen zu Krebs und Mistel bei Rudolf Steiner als auch für die „äußere“ Geschichte der Misteltherapie. Noch niemals hat ein Buch über die Misteltherapie einen derart großen und gleichzeitig detaillierten Überblick ermöglicht. Dazu gehören auch die Rivalitäten zwischen den Rudolf Steiner nahestehenden Dornacher/Arlesheimer Ärztinnen (Ita Wegman und Mitarbeiterinnen) einerseits und den Stuttgarter anthroposophischen Medizinern und Pharmazeuten andererseits, die bis in peinliche Details dargestellt werden, von denen ich mich frage, ob diese tatsächlich der Nachwelt überliefert werden sollten. Mich als Praktiker interessieren ganz andere Aspekte: Beispielsweise die Aufgabe, die Rudolf Steiner den anthroposophischen Ärzte stellte, sie sollten „das Ca. erkennen, ehe es da ist“, wie Selg den Arzt Felix Peipers zitiert, um durch eine Früherkennung eines Karzinoms die Mistel rechtzeitig einsetzen zu können.

Dr. med. Frank Meyer ist integrativer Hausarzt und Gesundheitsautor. Er lebt und arbeitet in Nürnberg.

 

Mensch und Mistel Buch

 

 

 

 

 

Peter Selg: Mensch und Mistel. Die Begründung der onkologischen Viscum-Behandlung durch Rudolf Steiner und Ita Wegman. Salumed Verlag 2016, 467 Seiten gebunden, € 68,00.