Thomas Osten-Sacken Foto: Jens Heisterkamp

 

Herr Osten-Sacken, warum kommen gerade jetzt so viele Menschen aus dem Nahen Osten nach Europa?

Zunächst hat sich die Situation vor Ort in den zurückliegenden Jahren des Krieges kontinuierlich verschlechtert: Im Libanon sitzen derzeit rund eineinhalb Millionen geflohene Syrer, in Jordanien über eine Million, in Irakisch-Kurdistan eine halbe Million, außerdem gibt es noch die vertriebenen rund 500.000 Jesiden aus den jetzt vom IS kontrollierten Gebieten, in der Türkei sitzen ebenfalls zwei Millionen Syrer. Es gibt derzeit insgesamt 14 Millionen Flüchtlinge und Binnenvertriebene im Nahen Osten, dabei sind die zwei Millionen Jemeniten noch gar nicht mitgezählt, die aus geographischen Gründen nicht weg können.

 

Die Syrer sind ursprünglich geflohen mit der Vorstellung, sie könnten schnell zurückkehren. Jetzt sind zwei, drei Jahre vergangen und es wird offensichtlich: Eine Rückkehr ist unmöglich. Konkret begonnen hat die große Welle dann 2013 nach den Giftgasangriffen in Ghuta, als den Syrern klar wurde, dass es von der westlichen Welt keinen Schutz und keine Unterstützung geben wird.

Die berühmte „Rote Linie“, von der Obama sprach und die dann doch ohne Folgen überschritten wurde?

Ankunft syrischer Flüchtlinge auf der griechischen Insel Lesbos. Foto: Stefan Voelkel

Ankunft syrischer Flüchtlinge auf der griechischen Insel Lesbos. Foto: Stefan Voelkel

Damals wurden die Syrer allein gelassen. – Dann wurde in den Flüchtlingslagern kontinuierlich die Flüchtlingshilfe gestrichen. Inzwischen hat die UN nur noch 13 Dollar pro Flüchtling im Monat zur Verfügung. Die Zustände in diesen Lagern sind katastrophal. Zuletzt kam dann hinzu, dass die Erdogan-Regierung de facto die Kontrollen in Richtung Griechenland ausgesetzt hat. Es ist jetzt in der Türkei problemlos möglich, bis an die Küsten zu kommen und sich ein Schlauchboot für die Überfahrt in die EU zu organisieren. Der Weg über Griechenland ist billiger und sicherer für die Flüchtenden als der viel gefährlichere und teurere Weg über Nordafrika und das Mittelmeer. Die Aussage der Syrer lautet ganz klar: Wenn ihr nicht zu uns kommt, kommen wir zu euch.

Welche Bedeutung haben die Bilder von den herzlich aufgenommenen Flüchtenden auf deutschen Bahnhöfen gehabt?

Die Bilder wirken natürlich stark, jeder, der das sieht, will jetzt weg aus Nahost. Es kommt aber noch etwas hinzu: Gerade in den letzten Wochen hat das Assad-Regime seine Fassbomben-Kampagne extrem hochgefahren. Assad musste starke territoriale Verluste im Norden des Landes hinnehmen, die Antwort sind Fassbomben. In diesem Jahr wurden bereits mehr von diesen Horror-Waffen abgeworfen als in den vergangenen drei Jahren. Und die Menschen halten das einfach nicht mehr aus. Man kann nicht mehr ansatzweise ein normales Leben führen. Ich benutze ungern organizistische Metaphern, aber Syrien ist wie ein Krebsgeschwür, das metastasiert.

Hat es nicht diverse UN-Resolutionsversuche gegen Assad gegeben?

Sicher, aber solange Russland sein Veto einlegt, bleibt das alles unwirksam. Assad verstößt ja mit Chemiewaffen und Fassbomben gegen internationale Konventionen. Was man gemeinhin die internationale Staatengemeinschaft nennt, hat sich in Syrien komplett desavouiert. Dabei wäre nicht einmal ein richtiges militärisches Eingreifen nötig gewesen. Im Jahr 2011 hätte es nur eine Flugverbotszone gebraucht mit sicheren Rückzugsgebieten für die Bevölkerung im Norden und Süden des Landes und eine gewisse Unterstützung für die gemäßigte Freie Syrische Armee. Damals gab es weder den IS noch Al Kaida in Syrien.

Was sagen Sie zu der Meinung, das ganze Problem in Nahost sei nur von den USA und den Westmächten produziert?

Das stimmt ganz sicher nicht in dem Sinne, wie das beispielsweise ein Michael Lüders oder andere propagieren. Aber der gesamte Arabische Frühling von Tunesien und Marokko bis Bahrain war eine Protestbewegung, die auf Unterstützung vom Westen gehofft hat. Hätten die Syrer damals gewusst, dass sie derart im Stich gelassen werden, hätten sie sich gar nicht erst von Assad zusammenschießen lassen. Sie haben aber darauf gesetzt, dass sie vom Westen unterstützt werden, wenn sie friedlich auf die Straße gehen. Wenn man ihnen damals gesagt hätte: Wir werden an Assad in jedem Fall festhalten und wollen uns nicht mit Russland anlegen, hätte unendlich viel Unheil vermieden werden können. Die Halbherzigkeit aber und das Reden von einer Roten Linie ohne Konsequenzen, darin sehe ich in der Tat einen Verrat des Westens.

Und die Ansicht, dass der Westen derzeit Assad gezielt destabilisieren will?

Die Vorstellung, dass der Westen den Aufstand gegen Assad inszeniert haben soll, halte ich für geradezu verrückt, weil Assad ja immer eine zentrale Scharnierstelle der westlichen Außenpolitik gewesen ist, speziell auch in Deutschland. Und es war Hillary Clinton, die Assad noch im Sommer 2011 als potenziellen Reformer bezeichnet hat.

Frauenbild 2

Mädchen als Sexsklavinen des IS – Bilder aus der therapeutischen Arbeit mit Opfern / Quelle: Wadi. e.V.

Was steckt hinter solchen Annahmen, der Westen habe das alles inszeniert?

Es gibt in Deutschland ein unterschwelliges Ressentiment, das anti-westlich und anti-amerikanisch ist und dem Diskurs folgt: In Wahrheit wollen die Menschen in den Schwellenländern gar keine Demokratie oder sie sind nicht reif dafür – aber das ist eigentlich rassistisch.

Gibt es in diesem ganzen Schlamassel denn gar keine Perspektive?

Wir müssen sehen: Es handelt sich in der Nahost-Region insgesamt um eine ganz langfristige Transformation von Diktaturen mit all ihren katastrophalen Verhältnissen. Der Arabische Frühling war ein deutliches Zeichen dafür, dass das nicht mehr funktioniert. Und die Alternative lautet: Entweder diese ganze Region wird ein riesiges Somalia, aber zusätzlich mit atomaren und chemischen Waffen, oder wir nehmen ernst, was die Menschen in dieser Region 2011 auf den Straßen gefordert haben: Ende der Diktaturen, Parlamentarismus, säkulare Gesellschaften, Demokratie. Dass die Menschen das wollen, heißt nun aber nicht, dass sie es innerhalb von zwei, drei Jahren auch umsetzen können. Die vollständige Umgestaltung dieser Region kann nur mit Hilfe einer Partnerschaft mit dem Westen gelingen, die auf etwa 50 Jahre ausgerichtet ist. Ich selbst arbeite seit 25 Jahren in der Region und weiß, wie viel Zeit Veränderungsprozesse brauchen. Aber grundlegende Veränderungen braucht es, denn diese Region ist vollständig am Ende.

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Frauenbild 4

Zeichnung zur Verfügung gestellt von Wadi e.V.

Wadi hilft vor Ort

Wadi e.V. unterstützt seit über zwanzig Jahren Programme und Projekte zur Selbsthilfe und Stärkung von Menschen im Nahen Osten. Dazu gehören auch die Förderung von Frauenrechten, der Kampf gegen Genitalverstümmelung und der Aufbau freier Medien. Zuletzt kümmerte sich Wadi im Nordirak auch therapeutisch um jesidische Frauen und Mädchen, die vom IS als Sex-Sklavinnen gehalten wurden und entkommen konnten. Mehr Informationen und Spenden hier.