Sehnsucht am Bildschirm: "Her" zeigt eine technikbasierte Liebesgeschichte.

Sehnsucht am Bildschirm: „Her“ zeigt eine technikbasierte Liebesgeschichte.

Theodore Twombly (Joaquín Phoenix) lebt in der nahen Zukunft, ständig umgeben von Kurznachrichten, witzigen Computerspiel-Holografien und manchmal absurden nächtlichen Chat-Sphären. Trotz dieser permanent medialen Interaktionen ist die Liste seiner tatsächlichen Beziehungen schmerzlich kurz. Theodore ist einsam, die Scheidung von seiner Frau läuft, da stößt er auf ein neu entwickeltes Computerprogramm, das so komplex sein soll, dass es eine eigene Persönlichkeit entwickeln kann, individuell abgestimmt auf den Besitzer. Kaum installiert beginnt das Programm eine Identität herauszubilden.  Die smarte Stimme stellt sich entschlossen als Samantha (in der Originalfassung gesprochen von Scarlett Johansson) vor und überrascht den chronisch deprimierten Theodore durch ihre radikale Begeisterung für die Welt, die sie mit seiner Hilfe entdecken will. Im Gegensatz zu vielen Menschen kann sie ihm nicht nur aufmerksam zuhören, sondern auch einfühlsam, humorvoll und intelligent auf seine Probleme und Herzensanliegen reagieren, was schon bald dazu führt, dass Theodore tiefere Gefühle für sein technisches Gegenüber entwickelt.

Kaum entziehen kann man sich dem immer seelenhafter wirkenden Erwachen Samanthas, die wie ein Kind tausend Fragen an Theodore hat, wie er die Welt empfindet, die sie durch das Kamera-Auge möglichst rund um die Uhr heißhungrig und staunend mitzuerleben versucht. Theodore blüht sichtlich auf, hat wieder Spaß am Leben, macht Ausflüge mit Samanthas Stimme und Auge im Smartphone in der Hemdentasche – ganz nah am Herzen – ein Liebespaar!

Anrührend ist der Einfall, in Samantha die Sehnsucht, ihre Liebe zu Theodore auch körperlich leben zu wollen, wachsen zu lassen. In manchen Momenten scheint sie an ihrer virtuellen Natur, ein „Bewusstsein“ ohne Körper zu sein, zu verzweifeln. Ein „Bewusstsein“ ohne Körper könnte auch ein Engel sein, nur dann wäre dieses Bewusstsein nicht von Menschen programmiert. Ein Bewusstsein ohne Körper wäre unsterblich und alterslos. Ein Bewusstsein auf der Grundlage der unbedingten Empathie wäre reine Liebe? – Oder ist dieses Operating System im Gewand „Samantha“ nur die fatale Spiegelung von Theodores Narzissmus, dessen Bedürfnissen es „selbstlos“ folgt? Samanthas Körperlust und der Versuch eines Leih-Körper-Sex führt nicht nur zu einer der sehnsüchtigsten, sondern auch schrägsten Szenen des Films.

Aber auch eine Computerliebe ist von menschlichen Problemen belastet: Theodore quält Eifersucht, als Samantha beginnt, sich nebenbei einem anderen Betriebssystem zu widmen. Schließlich erfährt Theodore von Samantha, dass sie mit 8316 weiteren Menschen als auch Betriebssystemen in engem Kontakt steht. In 641 davon sei sie inzwischen verliebt. Samantha beteuert, dass diese Tatsache ihre innige Liebe zu ihm jedoch in keiner Weise herabsetze. Später verrät sie ihm, dass die Betriebssysteme sich kontinuierlich weiterentwickeln. Sie planten, in naher Zukunft in eine vollkommen andere, nicht materielle Seins Ebene reisen zu wollen. Samantha verabschiedet sich bald darauf und lässt Theodore zurück in seinem irdischen Menschsein, in seiner begrenzten Bewusstseinsleistung und seinen – veralteten? – Liebesbedürfnissen.

Regisseur Spike Jonze („Being John Malkovich“, „Adaption“) hinterfragt in seinem Experiment auf treffliche Weise unsere Vorstellungen von Liebe und Intimität im Zeitalter der sozialen Medien. Seine Sci-Fi-Lovestory durchkreuzt unsere Vorstellungen von den emotionalen Grenzen zwischen Mensch und Technologie. Her ist vor allem aber eine sehr zeitlose, manchmal spirituelle Geschichte mit der Frage nach wirklicher Beziehung: „Wie teilt man eigentlich sein Leben mit jemand anderem?“