Initiator des ersten "Geldgipfels": Lukas Beckmann von der GLS Treuhand und GLS Stiftung. (Foto: GLS Treuhand)

Initiator des ersten „Geldgipfels“: Lukas Beckmann von der GLS Treuhand und GLS Stiftung. (Foto: GLS Treuhand)

Von Philip Kovce / Es ist 1921, als die Gretchenfrage umgeschrieben wird. Walter Benjamin beginnt einen Fragment gebliebenen Text mit den Worten: „Im Kapitalismus ist eine Religion zu erblicken, d.h. der Kapitalismus dient essentiell der Befriedigung derselben Sorgen, Qualen, Unruhen, auf die ehemals die sogenannten Religionen Antwort gaben.“ Posthum publiziert, markiert Kapitalismus als Religion einen geistesgeschichtlichen Wendepunkt. Denn seither forscht die Gretchenfrage nicht mehr nach Gott, sondern danach, wie wir mit dem Mammon verkehren. Von nun an lautet sie: Nun sag, wie hast du’s mit dem Geld?

Gretchenfragen sind keine Gelehrtenfragen. Und doch gibt es heute keinen besseren Boten als eine Bank, um sie zu stellen. Und keinen besseren Boden als den einer Hochschule, um sie zu bewegen. Es ist also doppelt erfreulich, dass die GLS Bank Stiftung Anfang Mai zum Geldgipfel an die Universität Witten/Herdecke einlud – „dem ersten, aber nicht letzten“, wie Lukas Beckmann, Stiftungsvorstand, einleitend und abschließend betonte.

Von der Energiewende zur Geldwende: So war der Titel des Treffens formuliert worden, das einen regelrechten Gipfelsturm auslöste. Über 400 Interessierte fanden sich in der Ruhrgebiets-Universitätsstadt ein – über 100 weitere standen noch auf der Warteliste und konnten nicht mehr nachrücken. Auf dem Gipfel ist der Platz begrenzt.

„Das Geld in uns bändigen“

Im übervollen Audimax war es Karl-Heinz Brodbeck, der die Zusammenkunft eröffnete. Brodbeck, der Volkswirtschaftslehre, Statistik und Kreativtechniken an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt lehrt, griff sogleich die Metapher des Gipfels auf und mahnte, vorerst das Basislager kennenzulernen, ehe der Aufstieg in Angriff genommen werde. Was gehört mit ins Gepäck? Was gilt es, zurückzulassen? Und welcher Weg führt zum ersehnten Ziel?

Das Basislager des Geldes sei seine Geschichte, so Brodbeck. Und schon sie sei umstritten. Für die einen sei Geld auf natürlichem Wege als Lösung von Handelsproblemen entstanden – und jeder Eingriff in diese natürliche Ordnung widerspreche der Natur der Sache (so etwa die Österreichische Schule der Nationalökonomie von Menger bis Hayek). Andere sähen in der Münzprägung des Herrschers erst Geld entstehen – es sei „ein Geschöpf der Rechtsordnung“, formulierte Georg Friedrich Knapp und ihm ähnlich die Historische Schule der Nationalökonomie.

Davon unabhängig sei ein Zusammenhang unstrittig: derjenige zwischen Zählen und Zahlen. Ohne gedankliche Abstraktion der Zahl keine Rechnung, ohne Rechnung kein Geldverkehr, so Brodbeck. Das Geld befördere die Metrologie, die Vermessung der Welt. Es sei ein Erbe der Ratio, der rechnenden Vernunft, die es bis zum Kapitalismus gebracht habe, während der Logos als sprachliche Vernunft Ahnherr der Demokratie sei.

Folglich zwinge Geld die Welt zur Äußerung in Maß und Zahl – uns eingeschlossen, die wir ihm (oder besser gesagt: uns durch es) vertrauten. Jede Krise des Geldes sei eine Krise der Zahl, deren Vertrauen schwinde, so Brodbeck, der schließlich forderte, „das Geld in uns als Bewusstseinsprozess zu bändigen. Dann können wir auch darangehen, die Gesellschaft zu reformieren.“ Dann geht es vom Basislager aus auf Wanderschaft.

„Nicht die Butter vom Brot nehmen“

Thomas Jorberg, Vorstand der GLS Bank, erinnerte im Anschluss daran, dass unser Handeln Geld verändere. Und er plädierte für solche Veränderungen im Sinne des Gemeinsinns, denn sie erst bewirkten, dass sich in Sachen Geld auch rechtlich grundsätzlich etwas ändere. Ansonsten zementierten Regulierungen – wie etwa infolge der Finanzkrise 2008 – gerade den Status quo, indem sie dessen Auswüchse zwar dämpften, jedoch ebenso dessen Transformation. Aufgabe der Banken sei es nicht, so Jorberg, anderen schon vor dem Frühstück die Butter vom Brot zu nehmen (gemäß der Werbeanzeige in einem großen Handelsblatt), sondern dafür zu sorgen, die Butter auf den Tisch zu stellen.

Einen Schlagabtausch lieferten sich der EU-Parlamentarier Sven Giegold (Grüne) und der Ökonom Helge Peukert (Universität Erfurt). Während Giegold schilderte, wie er in Brüssel versuche, den Kasinokapitalismus einzudämmen, warf Peukert ihm vor, ein Zyniker der Macht zu sein, der Regulierungen, die keine seien, als solche verkaufe. Infolge des Gesprächs zeigte sich, wie sehr sich politisches, wirtschaftliches und kulturelles Wirken unterscheiden (und dass Politik, weder in Brüssel noch in Berlin, die Aufgaben übernehmen kann, die ökonomisch oder kulturell zu leisten sind).

Welchen rechtlichen Rahmen verlangt die Geldschöpfung? Wie ist dem Klimawandel beizukommen? Sollten wir mehr auf Geschenke zählen? Was wollen Komplementärwährungen? Was heißt es, ökonomisch gebildet zu sein? Wie gestaltet Kunst die Gesellschaft? Und welchen Sinn schaffen Genossenschaften? Während sieben Workshops diese Fragen vertieften, war es Birger P. Priddat, Ökonom und Philosoph an der gastgebenden Universität, der sich daranmachte, das Verhältnis zwischen Staat und Markt, zwischen Politik und Wirtschaft neu zu bestimmen.

„Der Kapitalismus ist ein intelligentes Biest“

Der liberale Staat gewähre jede Freiheit, durch die die Freiheit anderer nicht beschnitten werde, so Priddat. Er sei die Instanz, die alle anderen Institutionen auf ihre Gemeinwohl- und Gesamtwohlfahrtsorientierung hin beobachte. Doch da als Schuldenstaat längst selbst ökonomischer Akteur, fehle dem Staat dieser Tage die Distanz, jene Orientierung zu beobachten, weil er selbst – und damit sein Wohl und Wehe – unter Beobachtung der „direkten Demokratie der Finanzmärkte“ stehe. Die Finanzmärkte aus der eigenen Freiheit heraus zu begrenzen, wo sie die anderer gefährden, schien Priddat die wesentliche Aufgabe ökonomisch aufgeklärter Politik.

Reinhard Loske beschrieb den Kapitalismus schließlich als „ein ziemlich intelligentes Biest“, das aus Wachstumskritikern Bestsellerautoren, aus Naturfreunden SUV-Fahrer, aus dem Wunsch nach gesunder Ernährung Bio-Supermärkte und aus dem Willen zu erneuerbaren Energien Offshore-Windparks entstehen lasse. Dabei folgten diese Wandlungen stets einem ähnlichen Muster: Freaks und professionelle Idealisten dächten etwas vor, das dann mehr und mehr adaptiert, rechtlich institutionalisiert und gesellschaftlich multipliziert werde, so Loske.

Lukas Beckmann bemerkte zu guter Letzt, dass eine Geldbewegung nur dann erfolgreich sein werde, wenn es ihr gelinge, genügend fragende Menschen zu vereinen. Dabei landete seine Artikulation einmal irgendwo zwischen Geld- und Weltgipfel. Neben einem Lacher brachte diese Ungenauigkeit die Aufbruchstimmung im Auditorium präzise auf den Punkt: Ja, brechen wir auf zum Geldgipfel – dann wird er irgendwann Weltgipfel werden.