Szene aus dem Film von Keren Shayo

Verzweifelt wegen ermordeter Angehöriger – Szene aus dem Film „The sound of Torture“ von Keren Shayo

„Macbeth mordet den Schlaf“, diese Sätze aus Shakespeares gleichnamigem Drama sind mir aus meinen Schülertagen in Erinnerung, ich verband sie 1956 mit den Verbrechen der Niederschlagung des ungarischen Volks-Aufstandes, gleichzeitig wurde das Stück damals aufgeführt. Heute hat mir der gellende Schrei „Meron Estefanos mordet den Schlaf“ die Nacht verdorben, denn ich konnte das Gesicht der schwedisch-eriträischen Radio-Moderatorin nicht vergessen. Anders als Macbeth mordet Meron Estefanos uns den Schlaf, weil sie sich und uns nicht zur Ruhe kommen lassen darf: Wir dürfen diese total rechtlosen Eritreer nicht alleinlassen.

Die Menschen fliehen aus diesem Land,  das erst 1993 nach einem beispiellosen Befreiungskampf gegen Äthiopien vom Regime in die Unabhängigkeit entlassen und in die UNO aufgenommen wurde. Das ganze eritreische Exil träumte damals: Nächstes Jahr in Asmara. Die Rückkehrer küssten den Boden, wenn sie die Heimat begrüßten, nachdem sie aus dem Flugzeug gestiegen waren. Heute machen sich wieder Zehntausende von Eritreern auf zur Flucht, aber nie in ein freundliches Nachbarland. Im Sudan ebenso wie in Ägypten und im Sinai sind sie nur Ausbeutungsobjekte, dazu da, Geld einzufordern. Erpressergeld, zu zahlen an Entführer und Schlepper. Im Sinai erreicht das seinen äußersten Höhepunkt: Man verschleppt sie in Folter-Camps und fordert zwischen 25.000 bis 40.000 US Dollar von Angehörigen, die es schon bis Israel geschafft haben, und wenn die nicht schnell kommen, drohen Vergewaltigung, Schläge, Schlafentzug, Folter. „The Sound of Torture“ heißt der Film über das Leiden der Eritreer zu Recht.

Vor Entsetzen starre Gesichter

Der Film ist eigentlich ein Hörbild, die Hauptperson spricht am Radio und über Telefon und Skype mit ihren hilfsbedürftigen Landsleuten, fährt dann auch selbst nach Israel und auf den Sinai. Die immer wiederkehrende Frage der Fernsehredakteure von ARD, ZDF und tutti quanti bei Menschenrechtskatastrophen, die ich seit 35 Jahren kenne: „Haben Sie Bilder?“ muss man meist als rhetorisch zurückweisen. Denn wie kann man im Gulag oder im Sinai oder in Syrien Bilder machen und sie dann noch der ARD und dem ZDF vorführen? Diese Frage hat die Aktivistin umgedreht und einen dramatischen Film gemacht (Regie führt die israelische Filmemacherin Keren Shayo), der von der Erschütterung der Menschen erzählt, die an diesem kleinen Ding genannt Handy in einem Auffanglager in Tel Aviv mithören können, wie ihre Frau oder ihr Kind geschlagen werden, weggezerrt werden zu etwas, was dann nicht mehr im Telefon beantwortet wird: „Hat er Dich auch zu Sex gezwungen?“.

Sie gab dem Entsetzen Stimme und Gesicht: Die eriträisch-schwedische Aktivistin Meron Estefano

Sie gab dem Entsetzen Stimme und Gesicht: Meron Estefano

Das ist, wenn es bei der äußersten Dramatik der Lage, die der Film schildert, nicht zu abgeschmackt klingt, auch meisterlich formal gemacht. An keiner Stelle kann man sichtbar oder „unsichtbar“ einen Kameramann sehen. Solche entsetzten, vor Entsetzen starr gewordenen Gesichter habe ich selten einmal in dieser direkten, mich in den Bauch tretenden  Eindringlichkeit sehen können. Es spricht für Human Rights Watch, dass sie sich zu diesem letzten Schritt entschlossen hat, einen Film zu unterstützen über die Situation im Sinai, in die sonst niemand hereinkommen kann, die letzte Etappe des Films, das ist der Friedhof, wo die beerdigt werden, die es über die beiden Grenzsperren dann nicht mehr geschafft haben.

Der mörderische Flüchtlings-Weg von Eriträa nach Israel (Quelle Amnesty International)

Der mörderische Flüchtlings-Weg von Eritrea nach Israel (Quelle Amnysty International)

Das ist eine Situation, bei der ich Vergleichbares lange suchen muss. Gewiss, die Khmer-Bevölkerung war bis zur Eroberung des Landes durch die Vietnamesische Armee wohl in einer ähnlichen Lage, aber wir konnten doch an der Grenze in Thailand die von den Roten Khmer Verfolgten versorgen, behandeln, trösten, begleiten. Aber hier gibt es nicht mal eine Grenze zu Eritrea, die wir benutzen könnten für eine Hilfsaktion. Die Menschen kommen in den Sudan, Äthiopien ist das feindliche Nachbarland geworden, auch so eine furchtbare Entwicklung. In Ägypten müsste etwas möglich sein, wenn man die Sache der Eriträer zu unserer eigenen machte.

Bitte an Angela Merkel

Bitte, Frau  Bundeskanzlerin, machen Sie die Sache der Eritreer zu Ihrer Chefsache. Bitte, versuchen Sie einen Sonderstatus und eine besonders hilfreiche Behandlung für diese Menschen zu organisieren. Gewiss ist derzeit eine Militärdiktatur in Ägypten, aber gerade die hat solche Zusagen nötig. Man müsste den Eritreern den Weg erleichtern, dass sie nicht die Ochsentour machen müssen durch den Sinai, wo kriminelle Banden auf der Jagd nach eriträischen Flüchtlingen ihr schreckliches Verbrechen begehen. Vielleicht kann man auch durch Verhandlungen mit Omar al-Baschir in Khartoum etwas erreichen, damit diese Menschen es leichter haben: Auch er hat in der Weltgemeinschaft und bei seinem Volk einiges gutzumachen.

Dazu kommt meine abgrundtiefe Traurigkeit, da ich einst in Eritrea mit Cap Anamur fast die schönsten Seiten der Humanitären Nothilfe erlebt habe. Eine wunderbare, aufrechte (im Sinne von Ernst Bloch) Bevölkerung, die keinen Fußbreit dem Regime von Mengistu Haile Mariam beließ, die niemandem erlaubte, sie gegeneinander zu stellen, die wegen der Heftigkeit der Luftangriffe den Tag zur Nacht und die Nacht zum Tage gemacht hatte. Selbst das gilt heute bei der Technologie der Bombenjäger nicht mehr, in Syrien werden auch nachts vom Regime Bomben auf die Bevölkerung abgeworfen. Eritrea galt uns allen (besonders auch in der Partei und Bundestagsfraktion der Grünen, Uschi Eid und Trittin mal herhören) als das Hoffnungs-Land  in Afrika. Niemand hat für möglich gehalten, dass der Chef der EPLF, Isayas Afewerki, sich in einen so schrecklich brutalen Macht-Tyrannen verwandeln würde.

Doch wichtiger für die Eritreer, die scharenweise fliehen: Wir müssen auch als Gesellschaft ihre Sache zu unserer machen, ganz gleich, was andere tun oder nicht tun, wir müssen mit einem Nachbarland in der Region die Möglichkeit finden, diese Menschen entweder dort so zu versorgen, dass sie nicht mehr leiden müssen oder hier bei uns in Deutschland – oder in Schweden, ganz gleich wo, nur in Sicherheit. Ich will wieder mal schlafen können, nachdem dieser Film es mir fast verwehrt hat. Er läuft am 9. September im Programm von ARTE. Ich schreibe dieses einen Tag nach dem Filmerlebnis im Deutschen Filmmuseum  in Frankfurt am 1. Juli 2014, wo wir auch die wunderbare Meron Estefanos persönlich kennengelernt haben . Bis zum 9. September muss schon einiges geschehen.

Human Rights Watch hat über die Folter-Camps im Sinai eine erschütternde, ausführliche Dokumentation herausgegeben, die kostenlos als Pdf-Download erhältlich ist. 

Auch Amnesty International ist in dem Fall engagiert.

Der Autor Rupert Neudeck, einst Gründer der Hilfsorganisation Cap Anamur, war während des Unabhängigkeitskriegs selbst mehrfach in Eriträa. Er leistet heute mit der Organisation Grünhelme Aufbauarbeit in vielen Krisenregionen der Welt.