Rupert Neudeck Foto Grünhelme

Rupert Neudeck
Foto Grünhelme

Rupert Neudeck, Sie haben Ihr Leben lang mit Flüchtlingssituationen auf der ganzen Erde zu tun gehabt. Haben wir es Ihrer Einschätzung nach derzeit in Europa mit einer neuen Dimension der Flüchtlingsfrage zu tun oder nehmen wir es nur anders wahr, weil die Menschen eben direkt vor unsere Haustüre kommen?

Die Weltsituation ist heute ganz sicher eine neue und andere. Wenn ich jetzt zunächst einmal die besondere Situation der Syrer beiseite lasse, jener Menschen, die diesen fürchterlichen Konflikt mit so unendlichem Leid auszubaden haben, dann stellt sich die Lage für mich so dar, dass wir vor allem eine von Afrika ausgehende Entwicklung vollkommen verschlafen haben. Alle, die mit Entwicklungsfragen in Afrika zu tun haben, haben schon seit etwa 1990 immer wieder berichtet, wie sich von dort aus die vermutlich Besten der jeweiligen Länder aufmachen, weil sie für sich selbst und ihre Großfamilien in ihren Heimatländern keine Perspektive mehr haben. Dieser Schub von jungen Menschen geht mittlerweile in die Millionen. Und auf diesen Druck hat Europa bisher mit vollkommen unzulänglichen Mitteln geantwortet, etwa durch die Gründung neuer Polizeiformationen, um den Kontinent sicher zu machen vor Flüchtlingen.

Diese Menschen aus Afrika, aber auch viele aus den Balkanstaaten, fallen nicht unter das Asylgesetz, haben also von Rechts wegen keinen Anspruch auf Schutz, weil sie aus wirtschaftlichen Gründen fliehen. Wie sehen Sie diese Unterscheidung?

Ich kann sie eigentlich so nicht mehr treffen. Wenn man sieht, was diese jungen Menschen an Strapazen auf sich nehmen, ihre oft monatelangen Fluchtwege, wenn man sieht, wie sie aufgehalten, geschlagen und ausgeraubt werden, ganz auf sich allein gestellt sich durchschlagen müssen – diese Menschen werden durch die Flucht zu Flüchtlingen. Und wenn wir sehen, dass ein junger afrikanischer Mann in Guinea oder Kamerun seine Familie nicht versorgen kann, weil er es dort einfach nicht schaffen kann, dann sehe ich den Unterschied zu einem anderen Flüchtling nicht mehr. Wer keinen Beruf erlernen kann, der ihn ernährt, der macht sich auf den Weg dahin, wo das möglich ist. Er versucht diesen gelobten Kontinent zu erreichen und ist deshalb auch ein Flüchtling. Wir stecken allerdings in Deutschland durch das Asylrecht in einer Falle, weil wir nur dieses eine Nadelöhr für die Aufnahme geschaffen haben und die Menschen zwingen, sich als Asylsuchende zu geben, weil sie eben wissen, dass dies der einzige Weg ist, aufgenommen zu werden. Das ist ein gefährlicher Irrtum, der sich da ergeben hat, und wir müssen endlich auch andere Wege zulassen.

Wenn wir aber die aus wirtschaftlichen Gründen Zufluchtsuchenden auch noch hinzunehmen – wie kann der Zustrom von noch mehr Menschen dann bewältigt werden?

Auch da sollten wir nicht auf die Bürokratie und die Bedenkenträger hereinfallen. Dieses Land hat in den Jahren 1945 und 1946 angesichts einer total am Boden liegenden Wirtschaft über zwölf Millionen flüchtende und vertriebene Menschen aufgenommen. Später, Anfang der 90er Jahre, hat Deutschland über 400.000 Menschen aus dem zerfallenden Jugoslawien aufgenommen, praktisch auf einen Schlag. Ich bin überzeugt, diese Gesellschaft ist zu Großtaten in der Lage, wenn sie konkrete Not sieht – dann sieht man nicht auf die Zahlen, sondern schaut zuerst darauf, was man jetzt konkret tun kann.

Anfang September schien das auf jeden Fall so zu funktionieren, wenn man an die Bilder auf den Bahnhöfen denkt. Wie haben Sie das erlebt?

Mich hat das zu Tränen gerührt, dass meine deutschen Mitbürger auf die Bahnhöfe gehen und den Flüchtlingen ein Willkommen bereiten – das hat mich mit meiner deutschen Gesellschaft vollkommen versöhnt, weil ich das so nicht für möglich gehalten hätte. Ich habe noch nie eine so riesengroße Bereitschaft der Menschen in Deutschland zur Hilfeleistung erlebt wie jetzt. Wenn das nicht gewesen wäre, wäre ja die bürokratische Flüchtlingsadministration zusammengebrochen. Bürokratie, besonders die deutsche, ist nicht flexibel. Diese engagierten Menschen aber wissen etwas, was Verwaltung und Politik so nicht begreifen, was es für die Aufnahme der Flüchtlinge bedeutet: Wie ist der erste Moment der Ankunft – ist da eine freundliche Hand, oder ist da nur der Fragebogen, der einem entgegengehalten wird? Das ist unglaublich wichtig! Ich bin sicher, mit den Menschen, die jetzt hier auf so freundliche Weise aufgenommen wurden, wird Integration, also das Einleben in unsere Gesellschaft, gelingen, weil sie jetzt wissen, dass sie sich hier sicher fühlen können.

Die Aufnahme der Flüchtlinge hatte ja fast euphorische Züge. Das hinterlässt aber auch die Sorge: Was, wenn diese Euphorie vorüber ist?

Ich habe diese Sorge weniger und weiß aus Erfahrung, dass zum Beispiel vor dreißig Jahren die Unterstützung für unsere Hilfe mit der Cap Anamur im Südchinesischen Meer sehr lange angehalten hat. Es gibt allerdings sehr wohl eine Gefahr, und besonders im Osten Deutschlands sehe ich da noch Probleme auf uns zukommen. Ich muss hier auch an die NSU-Affäre denken, wo man über Jahre die Verstrickung der staatlichen Dienste in die rechte Szene in den ostdeutschen Bundesländern nicht aufdecken konnte oder wollte; und bei Besuchen in Dresden, Radebeul und Schneeberg war schon mein Eindruck, dass da die Stimmung auch schnell wieder kippen kann.

Die Bürokratie ist derzeit ein gewaltiges Hindernis, wenn die Einrichtung von Flüchtlingsunterkünften etwa daran scheitert, dass die zulässigen Emissionswerte überschritten werden! Das muss man einem Flüchtling aus Kobani erst einmal erklären.

(Lacht) Zu dieser Frage hat unsere Bundeskanzlerin etwas ganz Kluges gesagt, als sie meinte: Jetzt kann nicht mehr deutsche Gründlichkeit helfen, jetzt muss deutsche Flexibilität her! Das könnte fast ein Programm für uns Deutsche in den nächsten Jahren und Jahrzehnten sein, denn diese Fähigkeit zur Flexibilität muss erst im Laufe einer Generation geschaffen werden. Aber die Tatsache, dass eine Regierungschefin so etwas sagt, macht deutlich, dass wir uns dieses Problems jetzt bewusst sind. Ein Beispiel: Es müssten gar nicht so furchtbar viele neue Heime gesucht werden, wenn man die privaten Quartiere, die derzeit ja angeboten werden, zügiger nutzen könnte. Wir haben aber einen unglaublichen Verschiebebahnhof an Verordnungen und Bestimmungen, die für die betroffenen Helferinnen und Helfer oft ganz unerträglich sind.

Womit hat diese neue Willkommenskultur in Deutschland eigentlich nach Ihrer Wahrnehmung begonnen?

Vielleicht hatte es mit diesen Bildern vom Budapester Bahnhof zu tun, wo die Menschen riefen „Wir wollen nach Deutschland“ – denn das hatten wir uns in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg doch nicht ausmalen können, dass Deutschland mal das Land wird, in das Menschen, zumal aus dem Nahen und Mittleren Osten, unbedingt kommen wollen, weil sie wissen, dass sie hier willkommen sind. Damit haben sie emotional genau das Richtige getroffen. Das wird ein Ur-Erlebnis bleiben für die Deutschen, was ja in der ZEIT schon als das „zweite Sommermärchen“ bezeichnet wurde. Das haben wir uns nicht träumen lassen! Darauf darf man sich jetzt nichts einbilden und es bleibt, insbesondere auch auf europäischer Ebene, noch enorm viel zu tun, aber es ist wert, sich darüber einmal eine Sekunde auch freuen zu dürfen.

 

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