Refugees

Gerne wäre ich am Bahnhof gewesen, als die ersten syrischen Flüchtlinge aus Budapest in Frankfurt am Main ankamen, an jenem Wochenende, an dem Angela Merkel Dublin II ausgesetzt hatte, in der Nacht zu einem Sonntag. Ich war froh, dass so viele Menschen für die Ankommenden da waren, dass sie für ein Willkommen sorgten – mit Getränken, Essen, Luftballons, kleinen Geschenken –  mit hemdsärmelig gebastelten Willkommensschildern, mit dem schiefen wohlmeinenden Gegröle:  „Say ist loud, say it clear, refugees are welcome here!“ Ich war gerührt von den Menschen, die den Bahnsteig entlang liefen. Junge Frauen mit winzigen Babys, Kinder der Flucht, Väter, die ihre Liebsten auf den Armen und Schultern tragen. Menschen, die mehr als jeder andere Mensch mit jeder Faser ihres Leibes wissen, dass die Nähe zu den anderen das einzige ist, was möglicherweise nicht unrettbar verloren gehen kann. Menschen, die aneinander festgehalten haben und festhalten. Das stärkste Gefühl für mich ist in diesen Tagen die unbändige Freude darüber, dass diese Menschen es geschafft haben. Dass sie beieinander geblieben sind, um gemeinsam nicht zu verzagen und immer weiter zu gehen. Dass sie einander nicht verloren haben.

Darein mischt sich die bange Frage: Welche Sicherheit können wir ihnen bieten, wenn wir sie mit offenen Armen empfangen? Was tun wir, damit nicht morgen Steine geworfen werden auf die, denen wir heute ein Willkommen spenden? Wie schnell wird die Euphorie verebben? Was wird in drei Monaten sein, in einem Jahr, in drei Jahren? Wird unsere Mitmenschlichkeit stark genug sein, um dem bequemen Vergessen standzuhalten? Was bedeutet es, fremden Menschen eine neue Heimat geben zu wollen?

Zuweilen hatte ich leise Zweifel an dem Empfang, den wir bereiten. Lassen wir den anderen den Raum, den sie brauchen? Dürfen sie erschöpft sein: Zu schwach, sich zu freuen, zu müde, um irgendetwas zu wollen, zu verzweifelt, um ankommen zu können? Ich habe mich gefragt, ob unser Willkommensgruß zuweilen auch als eine Distanzlosigkeit empfunden werden könnte, ein Überfall der anderen Art, der – obgleich wohl gemeint – den eigenen Raum nicht weniger bedrohen kann als ein ungarisches Polizeikommando, das Flüchtlinge in Lager pfercht. Eine verordnete Freude, wo vielleicht eine Vielzahl andere Gefühle einen Platz gebraucht hätte. Auch Vereinnahmung kann eine Strategie sein, der Angst vor dem Fremden auszuweichen. Wenn unser Willkommen ernst gemeint ist, dann muss es den seligen Freudentaumel überleben, dann darf er sich nicht darin erschöpfen, in Videos davon zu erzählen, wie Menschen für einen Moment gerührt waren, als die Tore aufgingen und alles gut zu sein schien.

Ich war erleichtert, der britischen Presse zu entnehmen, welch ein gutes Bild Deutschland derzeit doch abgebe, und dass die Deutschen den Briten gerade einiges voraus hätten. Eine Anerkennung von einer strengen Mahnerin, die in kaum einer Reportage über Flüchtlinge die Rolle der Kriegsschuld Deutschlands ausspart. Geht es um Wiedergutmachung? Dann haben die Bilder und Geschichten derzeit vielleicht den Zweck, uns selbst zu bestätigen. Wenn es aber um mehr geht, dann lassen wir den Menschen die Zeit, die sie brauchen, um anzukommen, und bleiben zugewandt, bis sie das neue Haus an unserer Seite auf ihre Art bewohnen können. „Ein Fremder“, so Nelly Sachs in einem ihrer Gedichte, „hat immer seine Heimat im Arm wie eine Waise/für die er vielleicht nichts sucht/als ein Grab.“ Der Weg zueinander war weit, und er wird weit bleiben. Wir wissen nur, dass es nicht unmöglich ist, ihn zu gehen.