Demeter Berlin

Die Zukunft der Tierhaltung diskutierten (von links nach rechts) Dr. Alexander Gerber, Vorstand Demeter e.V., Sebastian Gronbach, Stefan Johnigk, ProVieh, Renée Herrnkind (Moderation), Michael Hoffmann (Restaurant Margaux Berlin), Dr. Ursula Hudson (SlowFood Deutschland) und Martin Ott, Demeter-Landwirt.
Foto: Demeter

Von Lucia Heisterkamp

 

Die Zahl derer, die heute bewusst auf Fleisch oder sogar ganz auf tierische Lebensmittel verzichten, steigt rasant. Veganismus ist ein starker Trend. Was bedeutet diese Entwicklung für Demeter, wo Tiere artgerecht, aber eben doch für den menschlichen Gebrauch gehalten und getötet werden und wo der Einsatz von Rinderdung zur Erhöhung der Bodenfruchtbarkeit zum Selbstverständnis gehört?

Um einen Dialog über diese Fragen anzustoßen hatte Demeter gemeinsam mit Slow Food e.V. und dem Verein PROVIEH gegen tierquälerische Massentierhaltung e.V. nach Berlin eingeladen. Das Auftaktplädoyer bildeten dort die überraschend kritischen Worte des rheinland-pfälzischen Staatssekretärs Thomas Griese gegen die Auswüchse der industrialisierten Tierhaltung. Daneben zeichnete Demeter-Vorstand Alexander Gerber das poetische Bild einer Kuh auf der Weide – eine Gestalt, die der Landschaft Seele gibt und die wir nicht missen möchten.

Das Tier als eigenes Wesen oder als Produktionsgegenstand – in den Vorträgen der Referentinnen und Referenten ging es um die Überbrückung dieser beiden Gegensätze. So wies die Tierärztin und Buchautorin Anita Idel auf das uralte Wechselverhältnis zwischen fruchtbarem Boden und Wiederkäuern hin. Entsprechend wurde die Frage nach einem Ende der Nutztierhaltung vom Großteil der Referenten mit einem klaren Nein beantwortet. Auch wenn Alexander Gerber nicht ausschloss, dass es irgendwann andere Wege geben könnte – gegenwärtig sei keine Perspektive für eine Landwirtschaft ohne Viehhaltung in Sicht. Stattdessen gehe es um die Möglichkeit eines partnerschaftlichen Zusammenlebens von Nutztier und Mensch, das der Landwirt Martin Ott auf unterhaltsame Weise ausmalte. Die Verbindung zu seinen Kühen sei allerdings für ihn teilweise so emotional, dass er selbst manchmal Probleme habe, seine Tiere am Ende zu töten, gestand der „Kühflüsterer“ aus der Schweiz.

Und da war er wieder, der unangenehme Nachgeschmack auf der Zunge, wenn es um die Frage nach dem Töten der Tiere geht. Sebastian Gronbach, Info3-Autor und praktizierender Veganer, brachte es auf den Punkt: „Die Idee einer Partnerschaft zwischen Tier und Mensch finde ich gut, aber ich frage mich dann doch, was ist das für eine Partnerschaft, wo einer der Partner am Ende auf dem Teller landet?“

Hier bedarf es offensichtlich noch eines wirklich offenen Fragens, das gewohnte Denkweisen loslässt und bereit ist, über noch ganz ungedachte Wege nachzudenken. Denn die grundsätzliche Frage nach dem Verhältnis zum Tier ist noch radikaler als die Forderung nach artgerechter Tierhaltung. Sie berührt in ihrer Tiefe die Frage nach dem Sein, nach dem Wesen des Menschen und seinem Umgang mit den Dingen. Machen wir uns die Natur zu eigen oder lassen wir sie in ihrem Wesen auf uns zukommen? Ein solches Nachdenken klang auf der Veranstaltung in Berlin zwar an, wurde aber noch nicht vertieft. Vielleicht ist die Zeit auch einfach noch nicht reif dafür, solange gesellschaftlich noch darüber diskutiert werden muss, ob man Schweine ohne Betäubung kastrieren darf. Vielleicht geht es erst einmal darum, die gröbsten Auswüchse der Tierquälerei gesetzlich zu verbieten und den gedankenlos hohen Fleischkonsum drastisch zu senken – Veggieday statt Sonntagsbraten, wie Stephan Johnung von Pro Vieh sagte. Dann vielleicht kann man ernsthaft über eine „neue Erfahrung von Sein“ im Zusammenhang mit dem Tier sprechen, die von Sebastian Gronbach immerhin schon angedeutet wurde.

Ein Video der Podiumsdiskussion ist hier zu sehen.