papst franziskus

Als der freundlich lächelnde Mann die wartende Menge auf dem Petersplatz mit einem Scherz nach Hause entlassen hatte – „vergesst nicht, morgen etwas Gutes zu essen“, riet er lächelnd den Gläubigen –, dauerte es keine fünf Minuten, und in der Netzgemeinde prasselten die ersten bösen Meldungen über mutmaßliche Verstrickungen des neuen Papstes in der Zeit der argentinischen Militärdiktatur nieder. Vom „Junta-Papst“ sprach am nächsten Tag die Taz und das kirchenkritische Blatt Publik Forum setzte hinter den ersten Leitartikel zum neuen Mann auf dem Stuhl Petri ein dickes Fragezeichen: „Unser Papst?“

Doch das ist lange vergessen. Seit Jorge Bergoglio sich den Namen Franziskus gegeben hat, weckt dieser schlichte Mann aus Buenos Aires große Hoffnungen auf eine Erneuerung der Kirche, und zwar weit über die Kreise der Gläubigen hinaus. Über eine Milliarde Katholiken weltweit – könnten sie nicht ein Faktor für eine bessere, gerechtere Welt werden, wenn sie von einer neuen Führung entsprechend motiviert werden?

Nach dem eher politisch starken Johannes Paul und dem feingeistigen, doch auch weltfern wirkenden Benedikt signalisiert der neue Papstes sein großes Thema bereits in seiner Namenswahl: Franziskus, das steht für den großen Heiligen aus Assisi, der als Bettelmönch an der Wende zum 13. Jahrhundert die Kirche an ihre urchristlichen Wurzeln zurückführen wollte. Franziskus sei für ihn der Mann der Armut, des Friedens, der die Schöpfung liebe und bewahre, erklärte der neue Papst bald nach seiner Wahl. Weil der neue Papst seine Aktentasche selbst trägt, seine Audienzen in ganz normalen Straßenschuhen absolviert, mit spontanen Ausflügen in die Menge seine Leibwächter um den Verstand bringt und durch öffentliche Umarmungen von schwerstkranken Menschen die Massen verzaubert, lauscht man gespannt auf jedes seiner Worte. Eine seiner ersten Reisen galt der italienischen Flüchtlingsinsel Lampedusa, wo er zu den Gestrandeten aus Afrika sprach und eine „Globalisierung der Gefühllosigkeit“ beklagte. Als Franziskus dann noch zu Ostern jugendlichen Strafgefangenen eigenhändig die Füße wusch, kannte die Begeisterung keine Grenzen mehr.

Südamerikanische Herkunft

Papst Franziskus verbindet das Charisma der Einfachheit mit dem guten Ruf der Jesuiten in seiner Heimat, die in Südamerika, anders als in Europa (wo sie eher mit Gelehrsamkeit, aber auch politischer Intrige in Verbindung gebracht werden) seit jeher als Helfer der Bedürftigen gelten. So bauten die Jesuiten im Norden Argentiniens für die indigene Bevölkerung in der Kolonialzeit Mustersiedlungen auf, sorgten für Bildung und Arbeit – und führten damit auch der Kirche aus dem indigenen Reservoir neue Seelen zu. Noch heute zeugt der Name der nördlichsten Provinz Argentiniens von jener Vergangenheit – Misiones heißt diese Gegend.

Seit Langem haben die Jesuiten Argentiniens und Südamerikas ihr Wirkungsgebiet von der Pampa und vom Dschungel in die Vorstädte und Slums der Megastädte verlegt. Hier gelten sie oft als „Engel der Armen“ und stehen, wie im Argentinien der Militärzeit, manchmal in symbiotischen Verhältnissen mit dem politischen Widerstand. Gerade damit hatte sich jedoch Jorge Bergoglio, in der Zeit der Militärdiktatur verantwortlicher Provinzial des Ordens in Argentinien, eher zurückgehalten – hier liegt ein Grund für spätere Verstrickungsvorwürfe. Nach der Militärzeit stieg Bergoglio, der übrigens ein Jahr zu Studienzwecken in Deutschland verbrachte, zum Bischof und Kardinal auf. In Buenos Aires blieb er seinem einfachen Leben treu, wohnte in schlichten Verhältnissen und fuhr mit dem Bus durch die Riesenstadt. Mit den Bewohnern der Slums hielt er stets Tuchfühlung und erwarb sich durch seine Präsenz bei den Ärmsten großes Ansehen.

Zuwendung zu den Armen und Kapitalismuskritik

Dass der Konvent bei der Papstwahl einem Mann mit solchem Ruf den Zuspruch gab, zeigt deutlich, wie stark in der katholischen Kirche bis auf höchste Ebene hinauf der Drang nach einem Wechsel ist.

Passend dazu enthält auch das jüngste, Ende November veröffentlichte Rundschreiben des Papstes an den Klerus mit dem Titel „Gaudii Evangelium“ starke Appelle in Richtung einer Erneuerung der Kirche aus dem Geist der praktischen Nächstenliebe. Barmherzigkeit, die Herabneigung zu den Geringeren, ist für Franziskus ausdrücklich die höchste der göttlichen Tugenden. So entsteht eine Mischung aus biblisch motivierter Nächstenliebe mit gesellschaftspolitischer Kritik an den Auswüchsen der Marktwirtschaft, die Franziskus schon als Kardinal in Argentinien bekannt machten. Inzwischen lösen sie Resonanzen gerade auch in links-liberalen und kapitalismus-kritischen Kreisen aus, die sonst kaum etwas mit der Kirche anfangen können. Und: „Der Papst liebt alle, Reiche und Arme, doch im Namen Christi hat er die Pflicht daran zu erinnern, dass die Reichen den Armen helfen, sie achten und fördern müssen. Ich ermahne euch zur uneigennützigen Solidarität und zu einer Rückkehr von Wirtschaft und Finanzleben zu einer Ethik zugunsten des Menschen“ (2. I. Kap. 58). Viel Beifall findet auch seine Kritik an der Kirche selbst, etwa wenn er in einem Interview mit einem der bekanntesten Journalisten Italiens über den Vatikan wörtlich sagte: „Der Hof ist die Lepra des Pontifikats.“

Vorrang der Missionierung

Bei all dem darf nicht vergessen werden, dass an der Spitze der Agenda von Papst Franziskus ein anderes Motiv rangiert: Es geht ihm – siehe die Geschichte der Jesuiten in Argentinien – um die grundlegende Wiederbelebung des Missionsauftrags der Kirche in einem insgesamt stark rückläufigen Umfeld. Nicht nur der – kirchlicherseits oft beklagte – Individualismus mit seinem Wertepluralismus im Westen, sondern auch die religiöse Konkurrenzsituation für die Kirche durch evangelikale Kirchen, Pfingstler und neo-religiöse Bewegungen gerade in den Schwellenländern bedeuten eine schleichende Machterosion für den Katholizismus in früher monopolistisch sicheren Regionen. Die Kirche müsse sich in einem „Zustand permanenter Mission“ verstehen, erklärt daher Franziskus in seinem Rundschreiben, das zum ganz überwiegenden Teil keineswegs Sozialkritik, sondern detaillierte Hinweise für eine wirkungsvolle Evangelisierung durch den richtigen Einsatz von Liturgie, Predigt und Gespräch enthält. „Die Armen sind die ersten Adressaten des Christentums“, stellt der Papst klar. Franziskus weiß dabei aus eigener Erfahrung, dass die einfachen und armen Menschen nicht mit einem aufgeklärten oder gar postmodernen Glauben europäischer Prägung erreicht werden. Zwischen den Zeilen deutet Franziskus immer wieder an, dass es bei der Mission nicht um buchstabengetreue Theologie, sondern um den Erfolg in den Herzen der Menschen gehe. Aus dem gleichen Grund betont Franziskus die Notwendigkeit einer „Inkulturation“ des Christentums, des pragmatischen Einbeziehens lokaler Traditionen und Elementen der Volksfrömmigkeit. „Ich wiederhole hier für die ganze Kirche, was ich viele Male den Priestern und Laien von Buenos Aires gesagt habe: Mir ist eine ‚verbeulte’ Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist, lieber, als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist“, schreibt der Papst.

Frauen und Sexualmoral

Mag Franziskus durch sein soziales Engagement vielen auch als „modern“ oder gar „revolutionär“ erscheinen, seine gesellschaftlichen, politischen und allgemein-ethischen Vorstellungen wirken doch eher rückwärts gerichtet. Das wird besonders an seiner Sicht der Frau und gegenüber dem Drängen nach einer Öffnung des Priesteramts für Frauen deutlich: „Das den Männern vorbehaltene Priestertum als Zeichen Christi, des Bräutigams, der sich in der Eucharistie hingibt, ist eine Frage, die nicht zur Diskussion steht“, heißt es kurz und knapp in dem Rundschreiben. Auch das für den Bestand der katholischen Kirche heute extrem hinderliche, seit dem 11. Jahrhundert durchgesetzte Eheverbot der Priester ist für Franziskus kein Thema.

Kurz vor seiner Wahl im März 2013 erschien ein Buch des künftigen Papstes, das Bergoglio gemeinsam mit einem befreundeten Rabbiner aus Buenos Aires geschrieben hatte. Das ist an sich schon sympathisch, wenn man das in der Vergangenheit oft belastete Verhältnis der katholischen Kirche zum Judentum bedenkt. Indessen scheinen sich hier zwei Vertreter ihrer Konfessionen mehr in ihrem Konservatismus statt in religiösen Gemeinsamkeiten gefunden zu haben. In diesem Buch führt der damalige Bischof seine Positionen zur Sexualität und zur Stellung der Frau noch etwas weiter aus: Angesprochen auf die Rolle der Frau erklärt Bergoglio, der höchste Priester sei nun mal Jesus, daher könnten nur Männer Priester sein, schließlich seien die ersten Apostel nur Männer gewesen. Als Ausgleich stünde aber die Mutter Jesu in der Kirchenhierarchie höher als die Apostel und die Bischöfe – ein schwaches Argument, auf Verhältnisse von vor 2000 Jahren zu verweisen und ein schwacher Trost für Millionen Frauen in der Kirche, auf ein idealisiertes theologisches Frauenideal verwiesen zu werden. Im Übrigen laufe der Feminismus, der die Forderung nach größerem Einfluss der Frauen aufgebracht habe, Gefahr, „ein Machismo mit Rock zu werden“, erklärt Bergoglio.

Selbstverständlich hält der Papst ganz am konventionellen Familienbild als „Keimzelle der Gesellschaft“ fest. Ein Umdenken in Sachen Verhütung sucht man genau wie bei seinen Vorgängern vergebens.

Ähnlich rückwärtsgewandt ist seine Haltung zur Homosexualität. Zwar ließen einige Halbsätze zu diesem Thema aus einer improvisierten Pressekonferenz auf dem Heimflug von Brasilien aufhorchen, als Franziskus, angesprochen auf die Frage nach gleichgeschlechtlichen Beziehungen, lakonisch meinte: „Wer bin ich, darüber zu urteilen.“ Es ist bezeichnend, dass viele Medien diese Äußerung bereits als kleine Revolution in Sachen kirchlicher Sexualmoral feierten. Der Satz ließe sich aber auch so fortsetzen, dass der Papst das Urteilen über Homosexuelle ganz gut dem lieben Gott selbst überlassen könne. Und genau so argumentiert er auch in seinem Gespräch mit dem argentinischen Rabbiner, wo er die Ehe zwischen Gleichgeschlechtlichen gar als „anthropologischen Rückschritt“ bezeichnet und z.B. ein Adoptionsrecht für homosexuelle Paare kategorisch ablehnt. Als „Privatsache“ zwischen zwei Menschen, die keine Rechtsverbindlichkeit hat, will Franziskus Homosexualität aber zumindest nicht verurteilen – eine am Ende doch recht ambivalente Argumentation.

Allerdings legt Franziskus in seinem Sendschreiben Wert darauf, dass die Kirche sich nicht als negativer Moralapostel profiliert: „Wenn zum Beispiel ein Pfarrer während des liturgischen Jahres zehnmal über die Enthaltsamkeit und nur zwei- oder dreimal über die Liebe oder über die Gerechtigkeit spricht, entsteht ein Missverhältnis“, so der Papst – auch dieser Hinweis könnte aber wohl eher wieder vor dem Ziel gesehen werden, einer wirkungsvollen Missionierung keine unnötigen Steine in den Weg zu legen.

Eine Nebenbemerkung des Sendschreibens lässt indessen aufmerken: Die Eucharistie sei „nicht eine Belohnung für die Vollkommenen, sondern ein großzügiges Heilmittel und eine Nahrung für die Schwachen“, schreibt Franziskus da. Das habe auch pastorale Konsequenzen, so der Papst weiter, und man müsse diese „mit Besonnenheit und Wagemut“ angehen. Wie so oft, weiß man bei den recht allgemein gehaltenen Ausführungen auch hier nicht ganz genau, worauf sie sich denn nun beziehen sollen. Vielleicht auf den unsäglichen Ausschluss von Wiederverheirateten von der Eucharistie, an der die ohnehin an Mitgliederschwund leidenden Gemeinden zusätzlich laborieren?

Spiritualität und Mystik

Von Herzen kommende Nächstenliebe und der einfache Glaube des Volkes – das sind die Stärken des neuen Papstes. Hoffnungen auf eine spirituelle Weiterentwicklung der Religion oder ihre mystische Erneuerung, die gerade in Europa viele Menschen in eine Distanz zur konventionellen Gläubigkeit führen, wird Franziskus mit großer Wahrscheinlichkeit enttäuschen. Denn er schätzt zwar die Mystik („Religion ohne Mystik ist Philosophie“), weiß aber von sich selbst, dass er kein Mystiker ist. Franziskus blickt, zumindest in seinen bisherigen Verlautbarungen, über eine klassisch-konservative Religiosität nicht hinaus. Für Spiritualität, die sich abseits des Kirchenchristentums abspielt, hat er nur Warnungen übrig: Warnungen vor einer „Spiritualität des Wohlbefindens“, vor „harmonisierenden Energien“, vor einer „Religion ohne Gott“.

Die eigentliche Energie von Papst Franziskus kommt in seinem Barmherzigkeits-Ideal zum Ausdruck, für das er großartige Worte findet, wenn er etwa eine „mystische, kontemplative Brüderlichkeit, die die heilige Größe des Nächsten zu sehen weiß“ umreißt oder davon spricht, der Sohn Gottes habe „uns in seiner Inkarnation zur Revolution der zärtlichen Liebe eingeladen.“

Solche Worte sind zweifellos von berührender, kraftvoller Schönheit. Sie hinterlassen jedoch, wenn man etwa an den Werdegang des derzeitigen US-Präsidenten Obama denkt, die leise Sorge, dass auch ein noch so rhetorisch glänzendes und bildmächtiges öffentliches Auftreten ohne jede praktische Konsequenz bleiben kann. Fragen entstehen auch angesichts der Tatsache, dass Franziskus es bei aller Kritik am Kapitalismus bisher unterlassen hat, konkrete Ansatzpunkte eines Wandels oder systemrelevante Änderungen anzumahnen. Neue Ideen zu Eigentum, Geldwesen, Kapital und anderen grundlegenden Faktoren des Wirtschaftslebens sucht man bei ihm vergebens (obwohl die katholische Soziallehre Einiges dazu viel zu sagen hätte). „Seine bildstarken Worte zielen primär nicht auf eine Veränderung von Gesetzen, Strukturen oder frommen Praktiken, sondern auf das Herz der Menschen“, sagt Magdalena Holzrattner, Leiterin der Katholischen Sozialakademie in Wien. Es bleibt bei einem Appell an die Reichen und Mächtigen dieser Welt, ihren Sinn zu ändern – für einen gravierenden Wandel des weltwirtschaftlichen Systems wird das nicht reichen. Ob also der große Hoffnungs-Überschuss, der Papst Franziskus derzeit entgegenkommt, mehr über die Verfassung weiter Teile einer auf Veränderung wartenden Gesellschaft als über die Durchsetzungskraft des neuen Manns auf dem Stuhl Petri aussagt – die nächste Zukunft wird es zeigen.

 

 

Alle Zitate stammen, soweit nicht anders angegeben, aus dem päpstlichen Sendschreiben Evangelii Gaudium. Zum Herunterladen als pdf.

Buchtipps: Magdalena M. Holzrattner (Hg.): Innovation Armut. Wohin führt Papst Franziskus die Kirche? Tyrolia Verlag 2013

 Jorge Bergoglio (Papst Franziskus) und Abraham Skorka: Über Himmel und Erde. Gespräche, Riemann Verlag 2013