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Michel Houellebecq enttäuschte das dicht besetzte Auditorium nicht, das am noblen Berliner Standort der FAZ zur Verleihung des Frank-Schirrmacher-Preises zusammengeströmt war. Es hing andächtig an seinen skandalträchtigen, vom Zeigefinger oft nachdenklich geschützten Lippen. Lässig bedankte er sich für die mit 20.000 Franken dotierte Auszeichnung und zog ebenso lässig vom Leder.

In seiner auf Französisch gehaltenen Rede beklagte der Schriftsteller, dass Frankreich das zweite Land sein könne, das die Prostitution abschaffe, die für ihn eine der Säulen der sozialen Ordnung ist. „Ohne die Prostitution, die der Ehe als Korrektiv dient, wird die Ehe untergehen, und mit ihr die Familie und die gesamte Gesellschaft.“ Es sei für die europäischen Gesellschaften der reine Selbstmord. Auch dass „junge Mädchen in vielen Stadtteilen“ von Paris sich nicht mehr sexy kleiden, so suggerierte er uns, sei ein Indiz dafür, wie unmerklich islamische Werte europäisches Leben unterwandern.

Dies spielt auf seinen letzten Roman „Unterwerfung“ an, der am Tag des Anschlags auf Charlie Hebdo herauskam – siehe Info3 2/15 – wie auf den Umstand, seinen Aussagen prophetische Gaben zu attestieren.

Die hängt Houellebecq vor uns tief: Was diese Illusion erzeuge, meint er, sei, „dass es manchmal seltsame Koinzidenzen gibt zwischen dem Erscheinen meiner Bücher und anderen, weitaus dramatischeren Ereignissen.“ Sogleich fügt er ein wenig bekanntes Beispiel hinzu. Er hatte der New York Times über „Plattform“ ein Interview gegeben, das am 11. September 2001 erschien – „ein Interview, in dem der Journalist übrigens fand, ich übertriebe wahrscheinlich die islamistische Gefahr.“

Im Augenblick allerdings sei nicht zu sagen, ob und wie sich in Europa ein gemäßigter Islam manifestiere. Also könne man denken, er sei ein schlechter Prophet. „Es gibt da nur diese kleinen Anzeichen, die sich bemerkbar machen.“

Dann verlässt der Schriftsteller das business as usal, indem er auf „die monströsen Grausamkeit“ der Französischen Revolution hinweist.

Man könne verstehen, holt Houellebecq aus, wenn der gegenaufklärerische Staatsmann, Schriftsteller und Philosoph Joseph de Maistre „die Französische Revolution als eine vollständig satanische Veranstaltung ansieht.“ Als Beispiele nennt er Kinder, die ihren Eltern das Grab schaufeln müssen, oder Henker, die einen guillotinierten Kopf zurückholen, „um ihn unter den Anschuldigungen des Publikums zu ohrfeigen.“

Es sind haarsträubende Bilder aus einer Zeit, die wir meinen aus dem Geschichtsunterricht zu kennen und die mindestens eine Säule unserer westlichen Demokratie darstellt. Daneben erscheinen, so der Redner, die Kämpfer des IS „beinahe zivilisiert“.

Plötzlich, mit einem Schlag, ohne ersichtlichen Grund, hörten Grausamkeit und Gemetzel auf, der Blutrausch endete. Vielleicht, dies sei der Hoffnungsschimmer, werde derart, „wenig spektakulär“, auch der Dschihad enden.

Bleibt hinzuzufügen: Das Ende könnte schon für die 70er-Jahre-Sexphantasien gelten, das nicht der Islam bewirkt hat. Der Preisträger, wäre zu folgern, versteht die jungen Frauen, deren neues, leichtes Lebensgefühl nicht mehr, das sich heiter und selbstironisch in Büchern feiert wie „How To Be Parisian: Wherever You Are“.

Wie auch immer: Zum Schluss gab es nachdrücklichen Beifall für das uralte, seherische Kind Michel Houellebecq.