Jacob Böhme - Gemälde von Christoph Gottlob Glymann

Jacob Böhme – Gemälde von Christoph Gottlob Glymann

Von Maik Hosang

Georg Wilhelm Friedrich Hegel sprach in seinen später veröffentlichten Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie den denkwürdigen Satz: Jacob Böhme ist der erste deutsche Philosoph. Hegel würdigte damit zum einen, dass Böhme als Erster in deutscher Sprache über die Grundfragen menschlicher Existenz schrieb, und zwar auf eine nicht primär religiöse und auch nicht primär alltagsprachliche Art und Weise. Zwar hatte bereits um 1300 Meister Eckart in seinen Deutschen Predikten und Traktaten die deutsche Sprache gewählt, um mit seinen Gedanken über Gott und Mensch auch das einfache, des Lateinischen nicht mächtige Volk anzusprechen. Doch zwei Qualitäten, die Philosophie von Theologie unterscheiden, finden sich erst bei Jacob Böhme: Böhme ersetzt den mystischen Begriff „Gott“ durch den für weiteres Nachdenken offeneren Begriff „Ungrund“. Und Böhme betont, dass es für die Verwirklichung der menschlichen Potenziale entscheidend ist, sich ihrer bewusst zu sein und sie dazu auch konkret zu erkennen.

Aber noch in einer anderen Hinsicht war Jacob Böhme für Hegel der erste deutsche Philosoph. Hegel spricht in seinen später ebenfalls veröffentlichten Vorlesungen zur Philosophie der Geschichte:  „Die Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit – ein Fortschritt, den wir in seiner Notwendigkeit zu erkennen haben. Mit dem was ich im allgemeinen über den Unterschied des Wissens von der Freiheit gesagt habe, und zwar zunächst in der Form, dass die Orientalen nur gewusst haben, dass Einer frei, die griechische und römische Welt aber, dass einige frei sind, dass wir aber wissen, alle Menschen an sich, das heißt der Mensch als Mensch sei frei, ist auch zugleich die Einteilung der Weltgeschichte.“

Wenn also aller Fortschritt der Menschheit letztlich der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit ist – und Philosophie letztlich jene Wissenschaft ist, welche dieses „Bewusstsein der Freiheit“ nicht nur erforscht, sondern auch auf den Begriff und damit zur Wirkung bringt, so war Jacob Böhme der erste moderne Philosoph der Freiheit.

 

Mystische Erweckung

Geboren 1575 und aufgewachsen ist er unweit von Görlitz, im heutigen Zawidow. Sein Leben fiel in eine Zeit vielfältigen geistigen Ringens. Nicht lange zuvor hatte Luther die Reformation eingeleitet, und mitten in Böhmes Leben fielen die Religionskämpfe des 30-jährigen Krieges. Seine Eltern waren Bauern, nicht arm, aber auch nicht wohlhabend. Da Jacob eher schwacher körperlicher Statur war, entschied er sich, lieber Schuhmacher zu werden. Diesen Beruf lernte er in Görlitz, wo er dann auch eine eigene Schuhbank (so hieß damals eine Schuhmacherei) über viele Jahre betrieb. In Görlitz heirate er auch, bekam Kinder und erwarb für seine Familie ein kleines Wohnhaus.

Der Legende nach ist bereits sein Jugendleben von Mystik durchwoben. Im Jahre 1600 dann hatte er ein einprägsames mystisches Erlebnis, das er später in einer seiner Schriften beschreibt:

„In solchem meinem gar ernstlichen Suchen und Begehren […] ist mir die Pforte eröffnet worden, dass ich in einer Viertelstunde mehr gesehen und gewusst habe, als wenn ich wäre viel Jahre auf hohen Schulen gewesen … Denn ich sähe und erkannte das Wesen aller Wesen, den Grund und Ungrund; das Herkommen und den Urstand dieser Welt und aller Kreaturen, durch die göttliche Weisheit.“ Dies geschah konkret durch den Anblick eines von der Sonne beschienenen Zinngefäßes, einer sogenannten Schusterkugel, in seiner Werkstatt. Dadurch ist er – Zitat – „zu dem innersten Grunde oder Centro der geheimen Natur eingeführet“ worden. Die Sonne – so mag er wohl bei diesem Anblicke gedacht haben – ist die Quelle alles Lichtes hier, und doch, was könnte sie wirken, wäre nicht das an sich dunkle Zinngefäß, welches das Sonnenlicht zurückwirft und dadurch erst sichtbar macht? In diesem Gedanken liegt bereits der Keim seiner Philosophie der Freiheit. Aber dazu später.

Die Einsicht dieser mystischen Schau gärte einige Jahre in ihm weiter und führte schließlich dazu, dass er sie aufschrieb. Das Buch, das so (im Jahre 1612) entstand, und welches er zuerst nur für sich selbst geschrieben haben will, wurde von ihm benannt: Morgenröte im Aufgang; ein Freund gab ihm später den Titel: Aurora.

Er gab diese Schrift einem Freund zu lesen, der so davon begeistert war, dass dieser es abschreiben und im Görlitzer Umkreis in den dort damals bestehenden geistigen Freundeskreisen verbreiten ließ. Für Böhme hatte dies zuerst sehr heikle Folgen: Der damalige Görlitzer Oberpfarrer, Gregor Richter, war ein engstirniger Geist und begann, Böhme in seinen Predigten als Gotteslästerer zu verunglimpfen. Das führte dazu, dass der Stadtrat Böhme ein Schreibverbot erteilte. Daran hielt er sich viele Jahre. Später aber sorgte sein Freundeskreis dafür, dass seine Schriften weit über Görlitz hinaus verbreitet wurden. Insbesondere in England und Holland wurden sie rasch berühmt. Dort entstanden auch die ersten Jacob-Böhme-Gesamtauflagen. Und von dort aus gelangten sie mit den Aussiedlern auch in die Neue Welt, nach Amerika, wo sie eine nicht unwichtige Rolle für die amerikanische Befreiungsbewegung spielten. Doch Böhme starb 1624 und erlebte nur noch wenig von seiner kurz darauf beginnenden Berühmtheit.

Böhme und seine Idee der Freiheit

Jacob Böhmes außergewöhnliche philosophische Leistung besteht kurz gesagt darin, dass er den Schwerpunkt des menschlichen Bewusstseins aus Gott heraus und in die menschliche Seele hinein verlegte. Gott oder die Schöpfung – oder in moderner Sprache: die Evolution – ist für ihn nur die ausgespannte Möglichkeit des Bösen und des Guten, die aber erst dadurch zur Wirklichkeit wird, dass die menschliche Seele sich aus ureigener Freiheit heraus für das eine oder andere entscheidet.

In seinem Buch Vierzig Fragen von der Seelen hält er fest:

„Erstlich ist die ewige Freyheit, die hat den Willen, und ist selber der Wille. Nun hat ein ieder Wille eine Sucht etwas zu thun oder zu begehren, und in demselben schauet er sich selbst: er siehet in sich in die Ewigkeit, was er selber ist; er machet ihm selber den Spigel seines gleichen, dann er besiehet sich, was er ist: so findet er nun nichts mehr als sich selber, und begehret sich selber.“[1] Anders ausgedrückt: Die menschliche Seele ist nicht von Genen, Eltern, Priestern oder Lehrern abhängig. Sie hat vielmehr eine eigene Ewigkeit, und sie hat die Sehnsucht, Freiheit und Willenskraft, sich selbst zu finden und ihre eigene Wahrheit zu begehren. Diese ist jedoch nicht beliebig oder wertfrei, sondern letztlich die Fähigkeit des Menschen, sich immer wieder neu zwischen Gutem und Bösem, zwischen sinnvollen und unsinnigen Handlungen zu entscheiden. Und wenn Sokrates dies einst mit der Entscheidung für das Gute, Wahre und Schöne verband, so verbindet Böhme die Qualität der menschlichen Freiheit mit der Fähigkeit, sich für die Liebe als positivste Energie des Daseins zu entscheiden.

In seiner Schrift Von der Menschwerdung äußert er den weitreichenden Gedanken: „Der wahre Glaube ist … frey und an keinen Artikel gebunden, als nur an die rechte Liebe, darinnen holet er seines Lebens Kraft und Stärcke“.

Steiner und Böhme

Auch für Rudolf Steiner hatte Böhme große Bedeutung. Neben Bemerkungen in verschiedenen Schriften gibt es zwei Vorträge Steiners, in denen er sich explizit mit Jakob Böhme beschäftigt. Der erste Vortrag, 1906 in Berlin gehalten, endet mit einer starken Vision:  „Wenn das Zeitalter zu Ende geht, das in der äußeren Beherrschung aller Naturkräfte seine Aufgabe hat, dann wird auch Jakob Böhme wieder verstanden werden … Hat man das materialistische Zeitalter überschritten, so wird auch Jakob Böhme wiedergefunden werden und alles, was in seinen Werken liegt. Alles liegt in seinen Werken, was die Welt an Geistesschätzen zusammengebracht hat.“

In dem anderen Vortrag von 1913 umreißt Steiner die geistige Leistung Böhmes konkreter wie folgt:

„So ist alles, was da lebt und webt und ist, aus dem Göttlich-Seelenhaften entsprungen, aus einem Willen dieses Göttlich-Seelischen, der als Wille die Begierde entwickelte, seiner selbst gewahr zu werden. Und in dem Augenblicke – das wurde Jakob Böhme jetzt klar – , wo sich das einheitliche Bewusstsein den Gegenwurf setzte und seiner selbst gewahr werden wollte, sich also verdoppelte, gleichsam das Spiegelbild seiner selbst schuf, da schuf es dieses Spiegelbild in Mannigfaltigem, in der Mannigfaltigkeit einzelner Glieder, wie sich die einzelne menschliche Seele nicht bloß in einzelnen Gliedern auslebt, sondern in Gliedern, die eine gewisse Selbständigkeit haben, Hand und Fuß und Kopf und dergleichen. Man kommt Jakob Böhme nicht nahe, wenn man ihn als einen Pantheisten bezeichnet. Man muss schon den Gedankengang in einer ähnlichen Weise durchmachen, muss verstehen, wie er alles, was uns entgegentritt, als einen Gegenwurf der Gottheit auffasst. Auch wie der Mensch selber ist, gehört zu dem Gegenwurf der Gottheit, den die Gottheit aus sich heraussetzte, um ihrer selbst daran gewahr zu werden …“ Dies sind tiefe Einsichten einer non-dualen, monistischen Weltsicht. Steiner weiter: „Wenn wir so fühlen, dann wächst in uns die Empfindung gegenüber dem, was der Mensch zur gemütvollen Lösung der Weltenrätsel braucht: dass das Größte, was der Mensch in der Welt erleben kann, unabhängig ist von Ort und Zeit, nur gebunden ist an die Kraft der Vertiefung der menschlichen Seele, und dass die Seele die größten Weltenwanderungen, die Wanderungen in die Geistgebiete, überall und immer anstellen kann. Dann klingt uns aus Jakob Böhmes Seele das entgegen und berührt unser Verständnis, was als ein so bedeutsames Wort seine Weltanschauung charakterisiert, wenn er sagt: Wem Zeit wie Ewigkeit, und Ewigkeit wie Zeit, der ist befreit von allem Streit.“ ///

 

 

Foto: Andrea Rachui

Foto: Andrea Rachui

Dr. phil. Maik Hosang war enger Mitarbeiter von Rudolf Bahro und ist Mitgründer des LebensGuts Pommritz. Derzeit hat er eine Vertretungsprofessur an der Universität Görlitz inne.

 

[1]              Jacob Böhme: Psychologia vera, oder Viertzig Fragen Von der Seelen, Ihrem Urstande, Essentz, Wesen, Natur und Eigenschaft, was sie von Ewigkeit in Ewigkeit sey, 1620, abgedruckt in Peuckert, Sämtliche Schriften (Anm.3), Bd. 3, S. 10 (Abschnitt 13).