Osterrieder

1914 reagierte man vielerorts, aber nicht überall mit Jubel. Dennoch gab es eine europäische Atmosphäre von Nationalismus und Kriegsrausch. Rudolf Steiner, der im Krieg zu den Mittelmächten hielt, meinte zu den kriegführenden Parteien: „Der Russe glaubt Krieg zu führen um die Religion, der Engländer um die Konkurrenz, der Franzose um die Glorie, der Italiener und Spanier um die Heimat, der Deutsche führt den Kampf um die Existenz.“ (GA 157, 46) Aus dieser reduzierten Perspektive schien ihm der Krieg ein Komplott gegen die kosmopolitische Mission Deutschlands zu sein: „Wir wissen als Anthroposophen: Im deutschen Geiste ruht Europas Ich. Das ist eine objektive okkulte Tatsache.“ (GA 174b, 19) Steiner verfolgte und kommentierte den Krieg rege, in seiner Bibliothek findet sich meterweise einschlägige Literatur. Das Problem mit letzterer ist, dass sie meist der staatlichen Lesart entsprach, die mit der selektiven Herausgabe von Dokumenten ihren eigenen Kurs plausibilisierte. Der Anthroposoph Christoph Lindenberg urteilte deshalb, dass Steiners Kriegsvorträge „nicht nur als zeitgeschichtliche, sondern auch als zeitbedingte Darstellungen einzuschätzen sind.“ Es sei eine „Pflicht – auch Rudolf Steiner gegenüber – diese Verhältnisse zu kennzeichnen, weil sonst mit solchen Texten Missbrauch getrieben werden kann.“[1]

Unseriöse Referenzen

2014 nun hat Markus Osterrieder ein 1700 Seiten starkes Buch zu diesem Komplex vorgelegt. Osterrieder berücksichtigt eine beachtliche Menge an Quellen und Literatur, darunter manch bemerkenswerten Fund. Rudolf Steiners Haltung von Kriegsausbruch über „Memoranden“ und „Dreigliederung“ zum „West-Ost-Kongress“ wird eher zitiert als analysiert. Spätestens beim Anblick des Inhaltsverzeichnisses wird klar, dass es Osterrieder keineswegs um eine Geschichte Rudolf Steiners zwischen 1914-1918 geht. Er versucht in weiten Teilen anhand von Aussagen Steiners zu belegen, dass hinter dem Krieg diverse, vor allem englische esoterische bzw. Geheimorganisationen standen, die es sich mehr oder weniger zum Ziel gemacht hätten, Europa nach ihren politischen Präferenzen umzugestalten. Dazu zieht er neben historischer auch dubiose Literatur von in geschichtsrevisionistischen Kreisen beliebten Autoren heran, wie Giacomo Preparata, Anthony Sutton, Carol Quigley und Niall Ferguson. Die ersten drei werden auf deutsch im Basler Perseus-Verlag herausgegeben, in dem auch die Zeitschrift Der Europäer erscheint – vom Ersten Weltkrieg zu 9/11 wird dort fast jede Verschwörungstheorie gern adaptiert und mit dem wahren deutschen Geist kontrastiert (auch Osterrieder hat hier publiziert). Entsprechend stellt auch er im vorletzten Kapitel den Aufstieg Hitlers als Produkt von Appeasement-Politik und  „angloamerikanischen“ Wirtschaftsinteressen dar. Seit Erscheinen seines Buchs ist Osterrieder außerdem mit sehr unseriösen Rednern wie dem „New World Order“-Anhänger Terry Boardman aufgetreten.

Okkulte Anekdoten

So offenherzig wie mancher Europäer-Autor argumentiert Osterrieder nicht: Er hält sich mit eindeutigen Aussagen zurück, lässt stattdessen Steiner und solche historischen Kontexte sprechen, die dessen Sichtweise zu unterstützen scheinen. Vieles davon ist anekdotisch interessant, aber wenig von tatsächlicher historischer oder politischer Relevanz. So erfährt man, um nur einen Eindruck zu geben, dass der 1912 mit der Titanic untergegangene Spiritist William T. Stead bei einer mediumistischen Sitzung im London von 1914 aus dem Jenseits über einen großen Krieg sprach, den England gewinnen werde – oder jedenfalls behauptete 1921 Arthur Conan Doyle, das damals gehört zu haben. Osterrieder zitiert dann Steiner, um die „spiritistische Praxis der angloamerikanischen Hemnisphäre“ als Beweis für die esoterische Herkunft politischer Ziele auszugeben. (878)

In Osterrieders Buch werden Politiker und Revolutionäre aufgelistet, die angeblich oder tatsächlich irgendwann mit Freimaurerei, Spiritismus, französischem Okkultismus, Theosophie usf. in Beziehung gekommen sind, und diese Beziehung wird stets als prägendes Phänomen dargestellt. Wie nebenbei werden die englischen und amerikanischen „Round Tables“ kurzerhand zu Geheimbünden stilisiert. Von Nationalbewegungen über Politiker führt Osterrieder nahezu jedes politische Ereignis auf „angloamerikanische“ Geheimgesellschaften zurück – sogar die russische Oktoberrevolution (ab S. 1337), deren Ziel es gewesen sei, eine Verbindung von Russland und „Mitteleuropa“ zu verhindern. Nicht nur der Sozialismus erscheint hier als Spielball konspirativer Mächte. Ökonomische, soziale und politische Kriegsursachen spielen allenfalls am Rande und meist als okkult manipulierte eine Rolle. Osterrieder erwähnt durchaus einige Konspirationstheorien kritisch, meist, wenn sie sich gegen Steiner richteten, aber etwa auch das antisemitischen Pamphlet Die Protokolle der Weisen von Zion. Osterrieder bemerkt, dass Steiner die Protokolle als jesuitische Fälschung betrachtete (GA 190, 114f.) und deutet dies als geniale „Entlarvung“ der Protokolle „bereits drei Monate nach ihrem Erscheinen“ (1481), statt etwa darauf hinzuweisen, dass Anti-Jesuitismus (und die Zuschreibung der Protokolle an Jesuiten) bloß eine weitere damals beliebte Verschwörungsthese war.[2]

Deutsche Geschichte(n)

Osterrieder verzerrt aber etwa auch die Rolle des Deutschen Kaiserreichs. Er erblickt hier „eine Verbindung von Preußentum und Amerikanismus“ und wirft der deutschen Politik letztlich bloß vor, die „Handlungsweise“ des „Empire“ „bis zur eigenen Lächerlichkeit nachzuahmen“. (114) Die Schuld am Krieg und am Aufstieg Hitlers haben am Ende „angloamerikanische“ Geheimbünde, auch wenn Osterrieder diese Konsequenz nicht ausspricht. Er weist die Vorstellung einer „zentral gelenkten Weltverschwörung“ zwar als „völlig verfehlt“ zurück (275) und beschreibt selbst eher ein Gemenge aus ganz unterschiedlichen Zirkeln und Strömungen. Dennoch verhindern diese monokausale Sicht und ihre tendenziöse Überbewertung nicht nur ein realistisches Verständnis der historischen Rolle von Esoterik, Freimaurerei und Politik, sondern des Krieges insgesamt und insbesondere der Rolle des Kaisserreichs. Zwar würde kein Historiker mehr von einer Alleinschuld Deutschlands ausgehen, aber das rechtfertigt Osterrieders Konstruktionen nicht: Vieles spricht weiterhin auch für eine große Verantwortung Deutschlands.[3]

Und es geht nicht nur darum, wer in dem Sinne schuld war, dass er 1914 den ersten Knopf gedrückt hätte: Hans-Ulrich Wehler schrieb über die „unheilige Trinität von Sozialimperialismus, Sozialprotektionismus und Sozialmilitarismus“ im Kaiserreich, die im englischen Liberalismus durchaus konsequent einen Erzfeind entdeckte. [4] „Der Hauptfeind ist England“, verkündeten dagegen deutsche Plakate während des Krieges.[5] Antiliberale, autoritäre Politik, eine gezielte Manipulation des Antisemitismus und ein Mythos der Bürokratie im Kaiserreich gehören neben anderem auch in die Vorgeschichte des Nationalsozialismus – prägender freilich als jeder englische Freimaurer. 1933 konnte ein faschistisch-anthroposophischer Meinungsführer wie Roman Boos Theorien über okkulte Logen, geistiges Deutschtum, angloamerikanische Feinde und „deutsche Rechtlichkeit“ benutzen, um die Anthroposophie als ideale Ergänzung zur „deutschen Erneuerung“ durch Hitler zu verkaufen:  Als Belege druckte er – Steiners Texte aus der Kriegszeit.[6] Dass Osterrieder solche Konsequenzen nicht bedenkt, aber Steiners Haltung im Ersten Weltkrieg ein Jahrhundert danach als Konstruktionsanleitung für einen sich als historische Studie gerierenden Mythos nutzt, begeht jenen Missbrauch, vor dem Lindenberg zurecht gewarnt hat.

Markus Osterrieder: Welt im Umbruch: Nationalitätenfrage, Ordnungspläne und Rudolf Steiners Haltung im Ersten Weltkrieg, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2014. 1754 Seiten. € 79,90

 

[1] Christoph Lindenberg: Rudolf Steiner und die geistige Aufgabe Deutschlands, in: Die Drei, 12/1989, S. 895.

[2] Vgl. für eine thematische Einführung Helmut Reinalter: Die Weltverschwörer. Was Sie eigentlich alles nie erfahren sollten, Salzburg 2010.

[3] Vgl. dazu etwa jüngst Annika Mombauer: Die Julikrise. Europas Weg in den Ersten Weltkrieg, München 2014.

[4] Hans-Ulrich Wehler: Das Deutsche Kaiserreich 1871-1918, Göttingen 1973, S. 237.

[5] Ein eindrucksvolles Beispiel auf: http://www.europeana.eu/portal/record/08547/sgml_eu_php_obj_p0006853.html

[6] Vgl. Roman Boos: Rudolf Steiner während des Weltkriegs, Dornach 1933.