Wilhelm Schmundt muss um die 80 gewesen sein, als er mit einem Pflaster auf der Nase auf einer der sozialwissenschaftlichen Tagungen in den 1980ern in Achberg erschien – die Folge eines Sturzes mit dem Fahrrad auf abschüssiger Straße in seinem Wohnort Hannover. Beuys soll ihn mal „unseren großen Lehrer“ genannt haben. Das war während einer der großen Jahrestagungen der Aktion Dritter Weg und dem Aufleben des Dreigliederungsimpulses in der Post-68er Zeit. Tatsächlich hatte Schmundt ein gewisses An- und Aufsehen mit seinen Vorträgen und späteren Veröffentlichungen erregt. Es ging um einen neuen Weg, gesellschaftliche und wirtschaftliche Zusammenhänge „zurecht zu denken“. Nun taucht der Name Wilhelm Schmundt wieder auf, in Zusammenhang mit dem Rummel um die neue Beuys-Biografie von Hans Peter Riegel. In der Spiegel-Besprechung von Ulrike Knöfel wird Schmundt als „Anthroposoph und Ex-Nazi“ bezeichnet, und im übernächsten Satz heißt es, „Beuys nannte ihn ‚unseren großen Lehrer'“.

Nun mag Schmundt den Nazis auf den Leim gegangen sein, was übrigens keineswegs belegt ist. Uwe Werner nennt in Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus eine Eingabe, die Schmundt 1941 bei führenden Stellen des National-Sozialistischen Regimes gemacht hat, um für die Ideen Rudolf Steiners zu werben – eine Tatsache, die eher von Naivität als von überzeugter Anhängerschaft zeugt. Jedenfalls hatten die Ausführungen in der Achberger Zeit, die ich miterlebt habe und auf die sich Beuys bezieht, nichts, aber auch gar nichts mit braunem Gedankengut zu tun. Wenn Schmundt für den einen oder anderen ein „großer Lehrer“ war, so waren es ausschließlich seine Visionen einer neuen Gesellschaftsform, die evolutionär, nicht revolutionär zu erreichen wäre, und in denen ein neues Denken über und ein anderes Umgehen mit Geld eine zentrale Rolle spielten. Wie sehr das damals schon Not tat, kann man vielleicht erst heute, nach 30 Jahren vollumfänglich nachvollziehen. Dass sich Beuys davon anregen ließ und sich ausnahmsweise selbst als Schüler, nicht als Lehrer empfand, spricht für, nicht gegen ihn. Eine Verbindung zwischen der Lehrerschaft und der Nazizeit zu unterstellen, ist dagegen schlicht boshaft.

Mit Schmundts Geldtheorie konnte ich selbst damals wenig anfangen. Sie kam mir wie eine Synthese der Steinerschen Wert- und Geldkreisläufe aus dessen Nationalökonomischem Kurs mit Elementen einer semi-staatlich gelenkten Planwirtschaft vor. Allerdings hat Schmundt die mögliche Rolle der (organisierten!) Konsumentenschaft sowie die Aufgaben von „Assoziationsbanken“, die eine ausgleichende Funktion zwischen den unternehmerischen Interessen zu gewährleisten hätten, berücksichtigt. Er stand damit in einem heftigen Widerspruch zu den Auffassungen des Wirtschaftswissenschaftlers Hans-Georg Schweppenhäuser (Das kranke Geld, Die Macht des Eigentums), der sich ebenfalls auf Steiner bezog und dessen berufliche Karriere ebenso wie die Wilhelm Schmundts von einer leitenden Stellung in der Elektrizitätsversorgung gekennzeichnet war: In beider Erfahrungswelt hatte man die Verbraucher im Wortsinn „an der Strippe“, eine Konstellation, die für ein modernes Unternehmertum nicht gerade repräsentativ ist. Einen heftigen Streit zwischen beiden habe ich noch lebhaft in Erinnerung: Schweppenhäuser brauste auf, Schmundt blieb bedächtig. – Obwohl ich Schmundt für mich selbst nie als „großen Lehrer“ bezeichnen würde (dafür waren mir seine Einsichten in den Geldkreislauf zu profan), muss ich zugeben mehrfach erlebt zu haben, wie die Lektüre seiner Bücher in Seminaren und Arbeitskreise ungemein anregend war und zu einem lebhaften Gedankenaustausch führte. Und das war genau das, was Wilhelm Schmundt beabsichtigte: Ein neues, meditatives Denken anzuregen, auch und gerade in Wirtschaftsfragen.

Der Text erschien zuerst im Rahmen meiner wöchentlichen Kolumne „Gut gebrüllt“ in unserem Newsletter INMEDIA+ // Bewegungsmelder.