Foto: Michail Stamm

Foto: Michail Stamm

Der anthroposophische Autor und Dozent Wilfrid Jaensch ist in der Nacht vom 16. zum 17. Juni 2015 in Berlin-Lichtenberg nach langer Krankheit gestorben. Jaensch gilt als  einer der originellsten und selbständigsten Nachfolger in der Tradition Rudolf Steiners, der insbesondere durch einen unverwechselbar willensgeformten, gedanklich-sprachlichen Duktus bestechen konnte. In den 1980er und 1990er Jahren veröffentlichte er unter anderem in der Zeitschrift Info3 regelmäßig Texte und eine Reihe von Büchern in verschiedenen Verlagen. So unkonventionell wie er sein ganzes Leben führte ist Wilfrid Jaensch auch auf seinen Tod zugegangen. Auf seinem Internet-Blog hatte er immer wieder offen und meist humorvoll über seine schwere Lungenerkrankung gesprochen und war zusammen mit seiner Frau Marija sogar noch kurz vor seinem Tod in einem ARD-Filmbeitrag über Hospizarbeit in Deutschland zu sehen gewesen.

Geboren am 6. November 1941 in Gleiwitz/Gliwice, war Wilfrid Jaensch 1985 nach West-Berlin gekommen. Zuvor hatte er in Australien gelebt, wo er viele Jahre Gärtner in einer heilpädagogischen Einrichtung war. Davor hatte er zwei Jahre im Straßenbau in der Schweiz gearbeitet, nachdem er jahrelang Grundschullehrerinnen in Liestal, Basel-Land, unterrichtet hatte. Seine Studien- und Assistenzzeit bei dem bekannten Literaturwissenschaftler Walter Muschg an der Uni Basel waren Ausgangspunkt seiner eigenen literarischen Arbeiten. In Basel erschien in den 1970er Jahren seine Zeitschrift POLEMOS. Außerdem betrieb er die K.U.S.S – Kritische Untergrundschule Schweiz während der weltweiten Studentenbewegung.

In Berlin war er der Bücherei im S-Bahnhof am Mexikoplatz zwischen 1986 bis 2002 verbunden und zeitgleich Dozent am Waldorflehrer-Seminar in Berlin wo er bis 2007 Philosophie, Menschenkunde und Didaktik unterrichtete. „Wir danken ‚Onkel Willi‘ für seine Polemik, seinen Witz und die Wege zur Übung beobachtender Geisterkenntnis. Und für sein Goldenes Herz”, schreibt der Berliner Buchhändler Manfred Kannenberg-Rentschler zum Tode seines Freundes Jaensch.

„Für die, die einen freien Geist lieben, den Honig als Schriftform aber nicht besonders mögen, wird Wilfrid Jaensch immer jemand sein, den man dringend gelesen haben sollte“, notiert der Blogger Michael Eggert zum Tode von Jaensch und zitiert abschließend einige charakteristische Worte des Verstorbenen, die er ursprünglich an seinen Briefpartner Dietrich Spitta gerichtet hatte:

„Würde ich in objektiv-geschmeidigem Stil schreiben, dann würden die Gedanken, die ich zu schildern habe, in den Leser eindringen wie Honig. Das darf nicht sein. Ich muss die Persönlichkeit des Lesers wecken, also seinen eigenen Willen. Wo wird dieser Wille bewusst? Im Abstoßen, im Wider-Willen gegen den Autor. Das ist nichts anderes als das Erwachen des Eigenwillens im Leser. Als eigene Persönlichkeit kann er dann die Gedanken, die ich anbiete, durcharbeiten und mit ihnen ringen. Und deshalb präsentiere ich mich dem Leser nicht als Musterknabe, etwa als verkörperte Universalie oder ‚Eingeweihter’, sondern als widersprüchliche, vielseitige Persönlichkeit. Darin liegt nämlich die Wahrheit des irdischen Menschen. Ihr tritt die Wahrheit der Universalien gegenüber. Das Gegenüberstehen kann sich in Liebe verwandeln. Aber die Bedingung der Möglichkeit der Liebe ist: Selbstständigkeit der Partner. Deshalb tritt die Erde dem Universum gegenüber. Das ist das ganze Rätsel der Trennung zwischen Göttern und Menschen.“

 

 Mit Quellen von Manfred Kannenberg und Michael Eggert

 

Buchtipp:

Jaensch Buch

Wilfrid Jaensch – Ein moderner Geistesforscher: Aus dem Briefwechsel zwischen Wilfrid Jaensch und Dietrich Spitta, Verlag Ch. Möllmann 2012, € 24,-.