Nach langem Hadern hat sich im letzten Jahr die Waldorfschule Minden von ihrem Lehrer Wolf-Dieter Schröppe getrennt. Mehr oder weniger: Noch im Schuljahr 2015/16 soll er von der Schule bezahlt worden sein und ein Kanu-Projekt angeboten haben. Schülerinnen hatten Anfang 2015 auf die völkischen Umtriebe Schröppes hingewiesen, deren volles Ausmaß dann im Sommer durch die Medien ging: Er unterhielt Kontakte zu zahlreichen rechtsradikalen und neonazistischen Gemeinschaften, publizierte in entsprechenden Blättern und leitete die völkische „Ahnenstätte Conneförde“. Aufgewachsen war Schröppe in völkisch-nationalistischen Kreisen in Argentinien, er war hier auch im Vorstand der „Deutschen Schule“ San Carlos de Bariloche gewesen. Dort zeigte ihn ein am 31. Juli 2015 in der taz veröffentlichtes Foto mit dem SS-Kriegsverbrecher Erich Priebke.

Der Trägerverein der Deutschen Schule in Barroliche/Argentinien mit dem Kriegsverbrecher Erich Priebke, untere Reihe 2. v.l. - rechts oben der junge Dieter Schröppe

Der Trägerverein der Deutschen Schule in Bariloche/Argentinien mit dem Kriegsverbrecher Erich Priebke, untere Reihe 2. v.l. – rechts oben der junge Dieter Schröppe

Nach einem schweren Diskussionsprozess, ab Juni 2015 von der „Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus“ begleitet, erklärte die Schulführung die Geschichte jüngst für aufgearbeitet. Viele Eltern dagegen fühlen sich weitgehend alleingelassen: Kritische Berichte über Schröppe, die die Mobile Beratung und der Bund der Freien Waldorfschulen (BdFWS) 2015 vorgelegt hatten, seien der Schulgemeinschaft damals vorenthalten worden. Erst nachdem der Bund drohte, der Einrichtung die Rechte am Namen „Waldorf“ zu entziehen, wurde Schröppe ausgeschlossen. Eine Gruppe von Eltern wirft der Schulleitung bis heute das Verschweigen von Informationen vor. Andererseits wurden auch Stimmen laut, die den „tadellosen“ Lehrer Schröppe verteidigten. Ein Podiumsgespräch, das im Juni 2016 zum Thema in Minden stattfand und als Abschlussveranstaltung des „Klärungsprozesses“ eingeführt wurde, endete – aus der Perspektive des Autors, der auf dem Podium saß – in einer hitzigen Diskussion des Publikums, wo sich verschiedene Seiten mangelnde Aufklärung und autoritäres Handeln vorwarfen. Kurz darauf erfuhr man, dass die Mitgliedschaft der Schule in der Waldorf-Landesarbeitsgemeinschaft NRW ausgesetzt wurde. Angesichts solcher Turbulenzen scheint zweifelhaft, ob der Klärungsprozess als abgeschlossen angesehen werden darf. Inzwischen recherchiert, wie man hört, das WDR-Magazin Monitor zum Thema.

Reichsbürger und andere Gesellschaftskritiker

Die Mindener Geschehnisse erinnern an die Waldorfschule Rendsburg im Jahr 2014: Deren Geschäftsführer wurde als „Reichsbürger“ suspendiert, der seine Aktivitäten kaum verborgen hatte: Selbst der paramilitärischen reichsideologischen Organisation „Deutsches Polizeihilfswerk“ hatte er einmal Räumlichkeiten der Schule zur Verfügung gestellt. Daraufhin widmete der BdFWS den Reichsbürgern, welche die BRD für illegal halten und sich daher grundsätzlich für alles interessieren, was nach „Selbstverwaltung“ klingt, eine kritische Broschüre. Derweil jedoch tauchten auch in Rendsburg weitreichende Folgeprobleme auf: Zerstrittene Eltern und Lehrer – sowie eine Dynamik gegen Lehrkräfte, die den Fall an die Öffentlichkeit brachten und nun als Störer wahrgenommen wurden. Zu ihnen gehörte Arfst Wagner, langjähriger Eurythmielehrer der Schule, Pionier der historischen Aufarbeitung der Geschichte von Anthroposophen in der NS-Zeit und ehemaliger Bundestagsabgeordneter der GRÜNEN. Er verließ in der Folge die Einrichtung und engagiert sich nun erneut bei den GRÜNEN. Dem BdFWS wirft der Politiker Versagen vor: „Unter anderem, weil aus meiner Sicht an der Schule auch nach der Kündigung die Strukturen, die durch den Geschäftsführer eingeführt wurden, weiterhin bestehen. Aus einer selbstverwalteten solidarischen Schule wurde eine hierarchisch geführte Institution“, wie er gegenüber der linken Wochenzeitung Jungle World 2015 berichtete. Aus der Kollegengruppe, die seinerzeit die Recherchen über den Geschäftsführer betrieben hat, verließ noch eine weitere Kollegin die Schule. Zwei weiteren langjährigen Lehrkräften, die ebenfalls beteiligt waren, wurde inzwischen gekündigt. Der BdFWS, der jüngst massiv in die Leitung des Schulvereins und des Kollegiums eingegriffen hat, weiß um diese Vorgänge.

Verdrängte Anfälligkeit?

All das spricht dafür, Schröppe und Co. nicht nur als Auslöser, sondern zugleich als Symptome im Waldorf-Organismus zu sehen. Nach sozialwissenschaftlichen Befragungsstudien unter Waldorflehrern stufen viele die Organisationsstrukturen als ineffizient ein. Solche Probleme mischen sich mit dem alten Hang zur Introspektion, der den Problemen der Außenwelt genau in dem Maß zum Spielball wird, wie er sich über sie erhaben glaubt. Denn Minden und Rendsburg stehen in einer längeren, jedoch verdrängten Tradition. Seit den 1990er Jahren sind immer wieder rechte Lehrer an Waldorfschulen in die Presse gekommen – wenn auch nicht alle. Waldorf-Verteidiger waren dabei stets zu sehr bemüht, die vorteilhaften Aspekte der Anthroposophie davon abzugrenzen, um sich zu besinnen, dass genau sie den Rechten natürlich auch gefallen. Andreas Molau, ein ehemaliger NPD-Kader, der zwischenzeitlich an einer Waldorfschule gearbeitet hatte, berichtete im Rückblick, das sei nur möglich gewesen, „weil die so herrlich hinter dem Mond gelebt haben. Die hatten überhaupt keine Ahnung. Ich bin da einfach hingefahren, habe gesagt, ich habe Deutsch und Geschichte studiert und möchte Lehrer werden und finde Waldorfschulen toll“. Diese Worte Molaus, der 2012 aus der rechten Szene ausstieg, sollten den Verantwortlichen aller Waldorfschulen eine Mahnung sein. Denn so dubios die Haltung des Bundes zu Rendsburg erscheint – auf dem rechten Auge haben die Schulen an der Basis versagt: Als BdFWS-Vorstand Henning Kullak-Ublick im Sommer 2015 warnte, die Schulen seien im vergangenen Jahr mindestens fünf Mal wegen Verbindungen nach rechts in die Presse gekommen und möchten sich doch vielleicht um besseren Politikunterricht kümmern, bestand das Ergebnis nur in der szeneüblichen Empörung. Seine Warnung vor Verschwörungsideologen wie Ken Jebsen, die in anthroposophischen Kreisen zurzeit viele Sympathisanten finden, löste einen regelrechten Shitstorm aus. In der Antwort auf einen Offenen Brief im November 2015 ergänzte Kullak-Ublick, „dass eine für mich bestürzend große Zahl von Zuschriften auf einem Niveau geschrieben wurde, das meine Besorgnis eher noch hat steigen lassen. Ich weiß jetzt nicht nur, dass ich der ‚Teufel aus dem Dreikönigsspiel‘ bin, dazu ‚vollkommen Ich-los‘ und eigentlich gar nicht Ken Jebsen gemeint habe, sondern in Wirklichkeit Rudolf Steiner verraten wollte“.

Verschwörungstheoretische Neigungen

2010 schrieb der erwähnte Neurechte Andreas Molau, der sich inzwischen klar distanziert hat, ein Nachwort für die Neuauflage von Werner Haverbecks Rudolf Steiner: Anwalt für Deutschland. Ein unseliges Buch, das Steiners verschwörungstheoretische Deutung des Ersten Weltkriegs auf den Zweiten anwandte und um 1990 die erste große Debatte um Anthroposophie und „Ökofaschismus“ nach sich zog. Molaus abwiegelnder Kommentar formulierte neben Geschichtsrevisionistischem eine Steiner-Apologie, die sich mit überraschend vielem im neueren anthroposophischen Diskurs überschneidet: Von Steiner formulierte Rassentypen seien nur phänomenologisch, nicht wertend gemeint, die Völkermissionen zielten auf ihre zukünftige gesamtmenschheitliche Überwindung hin. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg dominiere statt einer völkischen Internationale der „Amerikanismus“, schon von Steiner als Nutznießer des Ersten geschildert, die Welt. Islamischer Terrorismus und „Kampf der Kulturen“ seien dabei Herrschaftsmittel der imperialistischen USA über die europäischen Völker, so Molau damals unter anderem. Seine anschließenden Entlastungen Hitlers und Abwiegelungen bezüglich der Schuld der USA können hier übergangen werden, weil wohl kaum sie die Einfallstore für völkisches Denken an heutigen Waldorfschulen sind, sondern eher eine antiwestliche Propaganda, die sich von der LINKEN zu AfD durch die Gesellschaft zieht. ///

Ansgar Martins studierte in Frankfurt am Main und recherchiert zurzeit für eine Dissertation zur Philosophie Siegfried Kracauers.

 

 

STELLUNGNAHME DER FREIEN WALDORFSCHULE MINDEN

Zum Artikel von Ansgar Martins „Der Fall Minden“ in Info3, September 2016 und auf www.inf03-magazin.de gibt die Freie Waldorfschule folgende Richtigstellung ab:

  1. Die Schulführung hat den Prozess nicht für aufgearbeitet erklärt. Im Gegenteil, es wird weiterhin intensiv daran gearbeitet. Das ist der Schulgemeinschaft bekannt.
  1. Die Trennung von dem ehemaligen Lehrer im Sommer 2015 war und ist eindeutig und endgültig. Seit der Trennung hat er die Schule nicht mehr betreten, geschweige denn irgendwelche pädagogischen Projekte angeboten, auch kein Kanuprojekt.
  1. Der Hinweis der Schülerinnen kam nicht Anfang 2015, sondern Ende April 2015. Die Schülerinnen haben die Schule auch nicht auf völkische Umtriebe des Lehrers, sondern auf Presseberichte zu seinen Veröffentlichungen in rechten Publikationen hingewiesen. Dieser Unterschied mag Herrn Martins als unwichtig erscheinen, macht dem Leser aber deutlich, warum wir zunächst die Stichhaltigkeit der Vorwürfe recherchierten, bevor wir uns für die Trennung entschieden.
  1. Ebenfalls falsch ist die Behauptung, dass den Eltern die beiden (tatsächlich kritischen) Berichte der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus vorenthalten worden seien. Richtig ist, dass beide Berichte sofort nach Ankunft in der Schule per E-Mail ungekürzt an alle Elternhäuser gingen.

Damit ist die Kernaussage von Herrn Martins, dass wir uns lediglich „mehr oder weniger“ von dem Lehrer getrennt hätten, unbegründet und inhaltlich falsch.

Ansonsten sind wir uns der im Artikel angesprochenen Gefahren durch eine mögliche Unterwanderung gerade auch durch die Vorkommnisse an unserer Schule sehr bewusst. Wir arbeiten daran, solches in der Zukunft verhindern zu können, da unsere Schule jede Form von Rechtsextremismus strikt ablehnt.

Peter Bücker, Vorstand der Freien Waldorfschule Minden