Filmkritik

Das Trauma ist ein Begleiter des Fremdlings

Paul Celan verstand sein Dichten als eine Form von Mystik und die Kabbala des Isaak Luria war ihm eine wichtige Inspirationsquelle. Diesen und anderen Spuren geht Rüdiger Sünner in seinem neuen Celan-Film „Gottes zerstreute Funken“ nach.

 

 

 

Paul Celan, Passfoto 1938. Wikimedia Commons

Wenn ein Traumatisierter wie Paul Celan zur Feder greift, dann entspringt daraus höchste Dichtkunst – für ihn selbst aber keinerlei Erlösung. Die Leser stimmt seine Dichtung auf Erlösung ein, als warte sie ungeduldig darauf, uns wenigstens für ein paar Lektüre-Augenblicke zu ergreifen. Dem Dichter jedoch ergeht es so, wie es am Beginn des neuen Films von Rüdiger Sünner als Motto von Franz Kafka zu lesen ist: „Wenn auch keine Erlösung kommt, so will ich doch jeden Augenblick ihrer würdig sein.“

Dieser Filmessay ist ein wohltuend einfach erzähltes Bilder- und Klang-Werk, in dem arrangierte Schwarzweißfotos oft ganze Doku-Szenen ersetzen. Anfang der Achtziger, als Sünner an der FU Berlin studierte, galt Celan als Mythos. Seitdem begleitet er ihn wie viele andere jüdische Dichter, Philosophen und Musiker. Gemeinsam ist ihnen, so Sünners Entdeckung, eine Nähe zur Kabbala, speziell jener des Isaak Luria. Wir sehen im Vorspann dessen Grab auf dem kleinen, in der Farbe des Himmels hellblau gepinselten Steinfriedhof im israelischen Safed. Paul Celan war im Herbst 1969 dort. Er erhoffte sich von der Lese-Reise einen Neubeginn. Ein halbes Jahr später war er tot – mit nicht einmal fünfzig.

Nach Lurias Vision zog sich Gott am Beginn seiner Schöpfung zurück, um die eigenständige Entwicklung der Geschöpfe zu ermöglichen. Und doch war sein Licht so stark, dass die ersten Seinsformen (in der Kabbala „Gefäße“) genannt es nicht halten konnten und zerbrachen. Die Scherben und mit ihnen die göttlichen Funken sind seitdem in alle Himmelsrichtungen verstreut. Der Mensch hat die Aufgabe, diese Funken einzusammeln und neu zusammenzusetzen. Für Paul Celan bedeutete dies ein Bild der Heilung, für Sünner wurde der Filmtitel „Gottes zerstreute Funken“ (siehe auch Info3 im Februar) ein Mantra in schwierigen Zeiten. Sünner schreckte lange zurück vor der Düsternis um Celan, der sich zeitlebens Vorwürfe machte, sich nicht genug um seine Eltern gekümmert zu haben, die im Holocaust ermordet wurden. Adornos Verdikt, dass es barbarisch sei, nach Auschwitz noch Gedichte zu schreiben, bedrängte ihn. Für ihn war das Dichten gerade nach Auschwitz ein heiliger Akt. „Lyrik ist Mystik“, sagte er einmal. Auch dass der hoch geschätzte Martin Heidegger den erhofften Ausdruck des Bedauerns über die NS-Zeit bei einem gemeinsamen Treffen nicht aussprach, kränkte ihn tief.

Schon im frühen Erfolg mit Publikationen und dem Anschluss an die Gruppe 47 wurde ihm gleichzeitig deutlich gemacht, dass er nicht viel mehr als ein Fremdling sei. Walter Jens kolportierte später, Celans Sprache sei dort wegen ihrer Eindringlichkeit mit der von Goebbels verglichen worden. Dafür bescherte ihm die Schriftsteller-Gruppe die Liebesbeziehung mit Ingeborg Bachmann, die selbst ein Fremdling war auf Erden.

Schlimmer als alle süffisanten Kritiken aber wogen die haltlosen Plagiats-Vorwürfe der Witwe des Dichters Yvan Goll. Sie verfolgten ihn bis zum Schluss und hatten in ihrer Bösartigkeit Teil an der Verdüsterung seiner Lebensverhältnisse, die in Psychose, Attacken gegen seine Frau Gisèle Lestrange, sich selbst und schließlich im Suizid endeten.

Große Philosophen und Schriftststeller variieren letztlich nur einen Satz oder ein Thema in ihren Werken. Womöglich ist Celans schrecklich-schöner Ohrwurm „Todesfuge“ dieses eine Gedicht unter all jenen, die er schuf. Am Ende der gut besuchten Premiere gab es lang anhaltenden Beifall für ein Werk, das man wie ein gutes Buch immer wieder zu Rate ziehen möchte.

 

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