Raphael Fellmer (Bildmitte): „Lebensmittel retten wird der nächste große Trend“ Foto: Ronald Richter

„Wir glauben daran, dass nach Bio, Vegan und Fair Trade ‚Gerettet’ der neue Trend wird!“, freut sich Raphael Fellmer, einer der drei Gründer des ersten Berliner Food Outlet Stores für gerettete Lebensmittel. Fellmer hat mit sozialen Experimenten bereits Erfahrung: vor einigen Jahren lebte er eine Zeit lang mit seiner Familie ohne Geld, ausschließlich von Schenkungen. Das neue Geschäft liegt nun in bester Westberliner Einkaufslage. Umringt von Kunden, Kameras und Mikrofonen, von den Mitgründern Martin Schott und Alexander Piutti sowie Mitarbeitenden scheint Strahlemann Fellmer erst richtig aufzublühen – trotz wochenlangem Vorbereitungsmarathon inklusive Laden-Renovierung bis in die Morgenstunden des Eröffnungstages. Aber es wurde ja von vielen Händen mit angepackt, so dass es ein Kind von hundert Eltern geworden ist, wie Fellmer stolz anmerkt.

Als zur versprochenen Eröffnungsstunde symbolträchtig das rote Band durchschnitten wird, flutet die „Crowd“ die schmalen Gänge zum fröhlichen Gewühl, in dem sich der Berliner bekanntlich pudelwohl fühlt. Viele haben durch Radio oder Zeitung davon erfahren, sind spontan vorbeigekommen, Menschen aller Altersstufen aus den unterschiedlichsten Milieus. Ungläubig bis froh werden die erbeuteten, herrlich anzuschauenden Pfifferlinge, Auberginen, Salatköpfe, Tomaten, Mohrrüben, Paprika, Körbe mit dunkelroten Erdbeeren, Brotlaibe wie von Frau Holle, Müsli, Knabbereien, Getränke und mehr zur Kasse getragen – und dann bis zu 70 Prozent unter dem herkömmlichen Ladenpreis in die Taschen, Papiertüten und Gemüsebeutel einer Behindertenwerkstatt verstaut. Da darf es ruhig ein bisschen mehr sein!

Das SirPlus-Team fällt im Gedränge auf durch weiße T-Shirts, auf ihnen prangt der Name mit keckem Erdbeer-Logo in Form eines Herzens. SirPlus ist ein Wortspiel mit dem englischen „Surplus“, bedeute also Überschuss. Der „Sir“ ist die Wertschätzung für Lebensmittel, sie wieder in den Kreislauf zu bringen, das Plus am Überschuss. Täglich außer sonntags soll das Geschäft in der einzigen Berliner Fußgängerzone, der Wilmersdorfer Straße, von 7.30 bis 20 Uhr, geöffnet sein. Als nächste Nachbarn sind ein bekannter Wochenmarkt sowie Biomärkte, ein dm-Markt und Alnatura zu nennen.

Die eigentliche Gründung von SirPlus fand bereits im Februar statt. Eine Crowdfunding-Kampagne spülte annähernd 100.000 Euro in die Kassen. Bereits ab Oktober soll es einen Online-Bestellservice und Auslieferungen innerhalb Berlins geben – später deutschlandweit durch den Partner Liefery. Die METRO Berlin als größter Kooperationspartner sorgt dafür, dass an Lebensmitteln kein Mangel herrscht. Bio und Nicht-Bio liegen einträchtig beieinander. „Wir wollen alle Lebensmittel retten“, lautet das Credo. Demnächst sollen auch Fisch und Fleisch angeboten werden. Aber keine Bange: Was in die Regale kommt, muss, wie früher am Hof, vorgekostet sein.

Damit das ambitionierte Unternehmen erfolgreich durchstarten kann, erhalten die Retter Hilfe von vielen Seiten. Liefery zweigt den Sirs einen gekühlten Lagerplatz ab. Ihr Vermieter verlangt nicht die volle Miete, eine Autovermietung stellt Kühlwagen bereit, die Entsorgung verdorbener Lebensmittel geschieht durch eine Tochter der Berliner Stadtreinigung, die sich sogar noch an den Mietkosten beteiligt.

Nach Willen der Gründer soll SirPlus aber bald nachhaltig auf eigenen Beinen stehen. Dazu werden weitere Läden in Berlin entstehen, gefolgt von einer Kette SirPlus Stores in Deutschland, Österreich und der Schweiz überwiegend im Franchisesystem.

 

Hier geht’s zum Einkauf:

SirPlus Store, Wilmersdorfer Straße 59, Berlin-Charlottenburg, geöffnet Mo – Sa von 7.30 bis 20 Uhr.

Ein Text aus der Zeitschrift Info3 – Anthroposophie im Dialog. Ein geschenktes Kennenlern-Heft gibt es hier.