Heilkräfte der Mineralien

Das Geheimnis edler Steine

Edelsteine und Mineralien erfreuen nicht nur unseren Sinn durch ihre schönen Farben und Formen, sie werden auch seit altersher wegen ihrer heilenden Wirkung geschätzt. Unser Gesundheitsautor Dr. med. Frank Meyer zeigt in seiner neuen Reihe die Bedeutung von Mineralien insbesondere in der Anthroposophischen Medizin. In jeder Ausgabe wird ein neuer Edelstein vorgestellt.

 

 

 

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Rubin aus Burma. Foto: Frank Meyer

Seit meiner Kindheit sammle ich Steine. Mein erstes Sammlungsstück habe ich auf einem Feldweg im Vogtland gefunden, als ich etwa fünf Jahre alt war. Es handelte sich um eine große braune Knolle von derber Struktur, ein Opal, wie ich später erfuhr, mit einer rauen Oberfläche und muscheligen, wächsern glänzenden Bruchstellen. Der Stein hatte etwas Urwüchsiges, das mich faszinierte. Ohne zu zögern packte ich das kiloschwere Trumm in meinen kleinen Rucksack, nahm es mit nach Hause und suchte bei der nächsten Gelegenheit das Naturkundemuseum in Berlin auf – damals wie heute ein Mekka für kleine und große Mineralien-Enthusiasten. Dort fand ich prompt einen Ansprechpartner, der mir nicht nur mein Fundstück bestimmte, sondern mich bei der Hand nahm und zu einer Vitrine mit schillernden und feurigen Geschwistern meines dunkeln und lichtundurchlässigen Exemplars führte: Edelopale mit gelb-grün-blauem Farbenspiel und rote Feueropale, die wie von innen zu leuchten schienen. Bei einigen Stücken kam es mir gar so vor, als würden sie mich mit stiller und feuriger Eindringlichkeit anblicken. Darüber hinaus lernte ich nach und nach die Vielfalt der verwandten Mineralien kennen, die, wie der Opal, überwiegend aus Siliciumdioxid und anderen Verbindungen von Silizium, dem zweithäufigsten chemischen Element auf diesem Planeten, bestehen. Viele davon sind populäre und kostbare Edelsteine, darunter Quarz und seine bekannten Varietäten wie Bergkristall, Amethyst, Rauch- und Rosenquarz. Aber auch ganz andere Verbindungen, selbst Erze, die für gewöhnlich undurchsichtig und stumpf oder von metallischem Glanz sind, offenbarten in klaren Kristallstufen ihre farbige, transparente Schönheit. Von Chemie verstand ich damals noch nichts, doch angesichts dieser Schätze gingen mir die Augen auf für eine ganz neue, farbige, lichte und dennoch geheimnisvolle Welt, die, vor Urzeiten entstanden, in den Tiefen der Erde ruht. Das Museum wurde zu meinem zweiten Zuhause, in dem ich viele Wochenenden und zeitweise jede freie Minute verbrachte.

Heute, mehr als ein halbes Jahrhundert später, verstehe ich zwar ein wenig mehr von Chemie und Physik, denn als Arzt habe ich im Medizinstudium zwangsläufig auch die Naturwissenschaften kennengelernt, ihren Zauber haben die edlen Steine für mich jedoch nicht verloren. Ihr Geheimnis berührt mich nach wie vor auf rätselhafte Weise, und ich habe das Gefühl, ihm immer noch nicht viel näher gekommen zu sein. Ich komme mehr und mehr zu der Überzeugung, dass die bekannten, jedoch wenig erforschten Heilwirkungen der Steine mit diesem Geheimnis zu tun haben. Wie konnte sich etwas so Klares, Lichtes und Durchlässiges oftmals viele Kilometer unter der Erdoberfläche im dichten, lichtundurchlässigen Gestein bilden? Warum? Und was hat das mit mir zu tun? Wer einen Edelstein oder andere schöne Mineralien betrachtet, den kann die Ahnung beschleichen, dass diese wie für Augen geschaffen seien – obwohl sie doch über unvorstellbar lange Zeiten in den Tiefen schlummerten und die Wahrscheinlichkeit, dass sie nach oben ans Licht befördert werden, äußerst gering war. Licht – Auge – Erdinneres: Verbirgt sich in der Beziehung zum Licht und zum Sinnesorgan vielleicht ein Zusammenhang, der seinen Grund in Entwicklungsstadien und Zuständen unseres Planeten hat, in welchen die Erde auf ähnliche Weise durchlässig war für Licht und vielleicht auch für andere Energieformen, wie es heute die Sinnesorgane des Menschen sind? In diesem Artikel und der darauf folgenden Serie werde ich diesen Ausgangsfragen nachgehen.

Der Edelsteinprozess

Edelsteine spielen in vielen spirituellen Traditionen eine wichtige Rolle, und auch Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie, hat über sie gesprochen – bis hin zu praktischen Empfehlungen für ihre Verwendung in der Anthroposophischen Medizin. Vor allem aber hat er die Basis für ihr Verständnis in einer ganz eigenständigen, spirituellen Entwicklungslehre und Kosmologie gelegt.

Zunächst soll uns jedoch noch ein wenig mehr die Frage beschäftigen, was denn das Besondere an den Edelsteinen ist. Damit meine ich nicht nur die sehr seltenen und teuren Edelsteine wie Diamant, Rubin, Saphir, Smaragd und Topas, sondern auch jene Mineralien, die früher als Halbedelsteine oder Schmucksteine bezeichnet wurden und sich häufig im religiösen und spirituellen Kontext finden (z.B. als Schmuck der Grundfesten des Neuen Jerusalem, von dem als Zukunftsvision in der Johannes-Apokalypse die Rede ist) sowie andere Mineralien, die ebenfalls Edelstein-Charakterzüge haben, wenn auch nicht in der vollumfänglichen Weise wie die „echten“ Edelsteine. Der Berliner Geologe Dankmar Bosse, der im letzten Jahr mit seinem Werk Die Evolution der Minerale zwischen Kosmos und Erde: Entwurf einer Mineralogie und Kristallografie der lebendigen Erde das lang erwartete anthroposophische Grundlagenwerk über Geologie und Mineralogie vorgelegt hat, spricht in diesem Zusammenhang vom „Edelsteinprozess“. Dieser Hinweis auf das Prozesshafte ist wichtig, denn das Gewordene der Mineralien versteht man nur, wenn man sich in den Prozess ihrer Entstehung hineinversetzt. Der Edelsteinprozess ist ohne Zweifel ein Veredelungsprozess. Mineralien, die in ihrer unedlen Form häufig unscheinbare Bestandteile von Gesteinen sind, erreichen im Verlauf dieses Werdeprozesses eine Schönheit und Vollkommenheit, die sie eben zu etwas ganz Besonderem machen. Goethe, an den Bosse anknüpft, sprach davon, dass „die Masse sich in der Form veredeln will“, und dass sich diese „Veredelung in Freiheit“ vollzieht, „wenn die Masse Räume lässt“, z.B. in Hohlräumen oder Gängen, in denen die aufgelösten einzelnen Bestandteile der Gesteine auskristallisieren und ihre Individualität entwickeln können. So zeigt sich der Quarz, wenn er frei wird und nicht länger nur Bestandteil vom Granit ist, im Bergkristall vollendet. Die „Veredelung an Form, Durchsichtigkeit, Härte und Farbe“ (Goethe) macht das Wesen des Edelsteinprozesses aus. Ich folge bei der Nennung der Motive des Edelsteinprozesses im Wesentlichen den Darstellungen von Dankmar Bosse im genannten Buch.

  1. Durchsichtigkeit: Die Tendenz, klar zu werden, zeigt sich bei vielen Mineralen. Selbst etwas so „Unedles“ wie Kalk, Gips oder Steinsalz kann unter besonderen Bedingungen wunderschöne klare Kristalle hervorbringen und sich auf diese Weise veredeln.
  1. Farbigkeit: Auf einer weiteren Stufe im Edelsteinprozess kommen zur Klarheit die Farben hinzu. Das geschieht vor allem durch eine feine Tingierung von Metallen, die als Ursache der Edelsteinfarben gilt, z.B. von Chrom beim roten Rubin oder Eisen und Titan beim blauen Saphir. Noch ließ sich nicht in jedem Einzelfall die Ursache der Färbung klären, da die Metalle bereits in kleinsten Mengen, als schwer nachweisbare Spurenelemente Farben entstehen lassen. Auch gibt es noch andere Ursachen für die Farbigkeit, z.B. Strahleneinwirkung.
  1. Härte: Die zunehmende Härte der Edelsteine geht vielfach mit der Tendenz zur Durchsichtigkeit einher. Durch ihre Härte sind Edelsteine verwitterungsbeständig. Sie bewahren dadurch ihre Form und ihre Schönheit über lange Zeiträume hinweg. Aufgrund der Härte werden viele Edelsteine auch industriell verwendet, z.B. der Diamant, der die größte Härte unter allen Mineralien besitzt.
Foto: Frank Meyer

Foto: Frank Meyer

Auf Mineralienbörsen werden vielfach unscheinbare Steinknollen, sogenannte Geoden angeboten, die nach dem Kauf noch an Ort und Stelle „aufgeknackt“ werden, um ihr Inneres preiszugeben, oftmals Drusen mit Amethyst, Bergkristall und anderen Kristallen. Es ist immer ein bisschen Risiko und viel Überraschungseffekt dabei. Besonders beliebt ist diese Attraktion bei Kindern, deren Augen aufleuchten, wenn auf diese Weise das Geheimnis des dunklen Steins ans Licht gebracht wird. Gibt es ein treffenderes Bild dafür, was in jedem einzelnen Menschen, in seiner Seele, an Potenzial steckt? Ist nicht der Edelsteinprozess ein äußeres Bild, eine äußere Entsprechung für die seelisch-geistige Entwicklung des Menschen, der die Herausforderungen, welche die Biographie und sein Umfeld für ihn bereithalten, annimmt und Rohmaterial des Lebens umgestaltet, metamorphosiert zu den individuellen Früchten, die er in seiner Persönlichkeit zum Leuchten bringt? Und sind die unterschiedlichen Formen der Meditation nicht vergleichbar den Hohlräumen im Gestein, indem sie Freiräume zur Verfügung stellen, in denen sich das Seelenleben wie in einer Kristalldruse veredeln und das, was ihr innewohnt, in einer reinen, klaren, farbigen und beständigen Form zur Vollendung bringen kann?

Auf der der körperlichen Ebene finden wir die genannten Eigenschaften der Edelsteine wie Klarheit, Härte oder Farbigkeit vor allem in den Sinnesorganen wieder, die ja auch durchlässig sind für bestimmte Qualitäten und teilweise auch durchsichtig: z.B. die Augen für das Licht, das Ohr für Töne oder das Gehirn, unser Denk-Sinnesorgan, für die geistigen Inhalte, die wir mit ihm erfassen. Die Farbigkeit tritt am stärksten in den Augen zur Erscheinung, aber auch bei der Haut, unserem größten Sinnesorgan, das über den ganzen Körper ausgebreitet ist und in seiner Farbigkeit ein Spiegel der Seelischen ist, etwa wenn wir blass werden oder erröten. Und schließlich finden wir in vielen Sinnesorganen Tendenzen zur Verhärtung, z.B. bei den Gehörknöchelchen oder der Hornhaut des Auges.

Wenn man den Zusammenhang zwischen Edelsteinen und dem menschlichen Organismus so unter dem Gesichtspunkt der Entsprechungen betrachtet, dann erscheint die folgende Bemerkung von Rudolf Steiner aus einem Vortrag vom 29. April 1908 (Die Zusammenhänge der Welten und Wesen, GA 98) vielleicht nicht mehr ganz so befremdlich, wie er es ohne diese Vorbereitung wäre. Dieser Satz lautet: „Die Sinnesorgane der Engel sind unsere Edelsteine.“

Ein Text aus der Zeitschrift Info3 – die Reihe wird jeden Monat im Heft fortgesetzt. 

Buchtipp:

Dankmar Bosse: Die Evolution der Minerale zwischen Kosmos und Erde. Entwurf einer Mineralogie und Kristallografie der lebendigen Erde.Ita Wegman Institut 2015, 693 Seiten, 1443 farbige Abb.  Hardcover, 2 Bände im Schuber, € 120,00

Autorennotiz: Dr. med. Frank Meyer ist Experte für Naturheilverfahren und schreibt seit 1980 für Info3. Seit 1994 praktiziert er als integrativer Hausarzt in Nürnberg. Soeben ist sein Buch „Das Geheimnis der Metalle. Vom Mythos zur praktischen Anwendung in der Anthroposophischen Medizin“ in der 2., deutlich erweiterten Auflage erschienen.

 

 

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