Foto: Rüdiger Sünner

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Die Nachricht vom Tod Gerhard Wehrs hat mich stark berührt. Ich zähle nicht nur seit vielen Jahren zu den begeisterten Lesern seiner Bücher, sondern begegnete ihm auch persönlich, etwa zu einem Interview für meinen C. G. Jung-Film Nachtmeerfahrten und bei gemeinsamen Veranstaltungen dazu. In Erinnerung bleibt, neben dem umfassend gebildeten Geist, die zarte Gestalt und persönliche Bescheidenheit dieses bedeutenden Mystik-Forschers und Biographen. Trotz seiner innigen Verbindung zu spirituellen Strömungen im Untergrund des Abendlandes wollte Wehr nie so etwas wie ein „spiritueller Lehrer“ sein. Er vertraute ganz auf die unterschwellige Wirkung des geschriebenen Wortes, auf die empathische und differenzierte Darstellung der Ideen etwa von Jakob Böhme, Meister Eckhart, Martin Buber, Rudolf Steiner, Helena Blavatsky oder C. G. Jung. Bedeutend für mich wurden vor allem sein Buch über Steiner und Jung sowie seine bis heute unübertroffene Jung-Biographie, die für die Vorbereitung meines Filmes sehr wichtig war. Wehr war nie ein Parteigänger. Mit fein nuanciertem Ton wägte er auch Problematisches etwa bei Steiner oder Jung ab, Helmut Zander nannte ihn sogar den „Vater der kritischen Steiner-Forschung“.

Eine besonders anrührende Facette erlebte ich, nachdem wir das Interview für den Jung-Film beendet hatten. Während eines Spazierganges am Ufer der idyllischen Schwarzach erzählte mir der damals fast Achtzigjährige von der schweren Demenzerkrankung seiner Frau. Meistens erkenne sie ihn nicht mehr und dämmere nur so vor sich hin. Aber es sei seine Pflicht, sie täglich in einem Heim zu besuchen, um einfach still neben ihrem Bett zu sitzen und zu warten, was komme. Dies sei vor allem deshalb hart, weil seine Frau einmal seine erste Leserin und Kritikerin gewesen war, seine Muse, seine Begleiterin auf Reisen zu den Wirkungsorten der Protagonisten seiner Bücher. Nachdem er das gesagt hatte, fing Wehr bitterlich an zu weinen. Aus dem Mystikforscher, der etwa mit Jakob Böhme wusste, dass Gott auch ein „Abgrund“ ist, brach plötzlich aller Schmerz der Welt ungeschützt hervor. Dies berührte mich so, dass ich bei späteren Telefonaten einmal die Frage aufwarf, wie und ob mir in solch einer Situation wohl mein „spirituelles Wissen“ weiterhelfen würde. Wehrs Frau war inzwischen verstorben und zu meinem Erstaunen nahm er meine Anregung, so etwas einmal in einer Art Autobiographie zu erörtern, interessiert auf. Er stimmte mir zu, dass ja gerade seine jetzige Lebenssituation ein wirklicher Härtetest sei, um zu prüfen, wie stark seine Spiritualität angesichts des Untröstlichen, Tragischen und Niederschmetternden überhaupt sei. Bei einem unserer letzten Gespräche meinte er, er habe mit einem solchen Manuskript begonnen, spüre aber, wie seine Kraft nachlasse. Doch allein die Bereitschaft, sich dem zu stellen, fügte meiner Bewunderung für seine Arbeit noch eine zusätzliche Note hinzu. Wehrs geheimes, nie geschriebenes Buch wird immer in meiner Imagination bleiben. Und trotz aller Trauer über den Verlust dieser besonderen Persönlichkeit macht es Freude, aus seinen anderen Texten heraus zu erahnen, wie es wohl ausgesehen hätte.