Das internationale Engagement für die Opfer des syrischen Bürgerkriegs ist nach wie vor überschaubar – dabei ist die Lage weiterhin dramatisch. Im dritten Jahr hat sich die Zahl der Kinder, die unter dem Syrien-Konflikt leiden, auf 5,5 Millionen mehr als verdoppelt. „Nach drei Jahren des Konflikts und Aufruhrs ist Syrien einer der gefährlichsten Orte auf der Welt für ein Kind“, heißt es in einem im April 2014 veröffentlichten UNICEF-Bericht.

© Zentrum für Politische Schönheit

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Doch jetzt kommt Hilfe aus Deutschland – und zwar mit einem Paukenschlag: 55.000 syrische Kinder, also ein Prozent jener 5,5 Millionen, sollen durch die „Kindertransporthilfe des Bundes“ nach Deutschland geholt werden, verkündet seit dem 12. Mai Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) auf einer neuen Website. Vorbild für die Aktion seien die britischen Kindertransporte von 1938, mit denen jüdische Kinder aus Deutschland geholt wurden. Jetzt würden deutsche Pflegeeltern gesucht, die bereit seien, syrische Kinder aufzunehmen. Ein emotionaler Imagefilm wirbt für die Aktion, zeigt erwartungsvolle deutsche Eltern ebenso wie einen Holocaust-Überlebenden, der zur Solidarität aufruft.

„Schlüsselfertiges Konzept“ für die Ministerin?

Was vielen Betrachtern vielleicht erst auf den zweiten Blick klar wird: Das Ganze ist keineswegs ein Unternehmen des Bundesfamilienministeriums, sondern eine ausgefeilte Kampagne des Berliner „Zentrum für Politische Schönheit“ (ZPS), deren Wucht nicht nur die Familienministerin in Bedrängnis bringen dürfte. Rund 70 Menschen hätten ein halbes Jahr daran gearbeitet, zitiert der Tagesspiegel den Berliner Aktionskünstler Philipp Ruch. Ziel sei es, der Bundesregierung ein „schlüsselfertiges Konzept“ anzubieten, um die humanitäre Lage syrischer Flüchtlinge zu verbessern. Das ZPS versteht sich laut Selbstdarstellung auf seiner Website als „Sturmtruppe zur Errichtung moralischer Schönheit, politischer Poesie und menschlicher Großgesinntheit, entsprungen aus den Lehren des Holocaust.“ Grundüberzeugung sei, „dass das Gedenken des Holocaust durch die Wiederholung politischer Teilnahmslosigkeit, Flüchtlingsabwehr und Feigheit annulliert wird.“

Das Medienecho auf die Aktion, zu der auch Dankschreiben an die Ministerin, weitere fingierte Videos und ein Infocenter am Bahnhof Friedrichstraße gehören, ist gewaltig. Nicht zuletzt wirft die Kampagne die Frage auf, ob die Rettung von Kindern, nicht aber der Eltern, denn nicht grausam ist. „Das ist nicht ‚unsere‘ Aktion. Das ist die Geschichte der Kindertransporte von 1938, die Sie gerade in Echtzeit auf unserer Seite verfolgen können“, betont Philipp Ruch in einem Interview mit Pro Asyl e.V. „Die Kindertransporte waren für alle Beteiligten fürchterlich. (…) Niemand glaubt doch ernsthaft, dass es 1938 für Mütter einfacher war, ihre Kinder ins Unbekannte zu schicken.“ Die Kindertransporte seien die „Geschichte eines kurzfristigen Risses im Eisernen Vorhang der alliierten Flüchtlingsabwehr“, der bis heute „hoch gefeiert und gepriesen“ werde. „Wenn es eine Lehre gibt, die wir in die Gegenwart mit der Geschichte von 1938 mitnehmen sollten, dann diese: Flüchtlingsabwehr ist in Krisenzeiten für reiche und freie Staaten eine absolute Schande.“