Herbstakademie mitwirkende

„Danke, dass du mir die Individualität wieder etwas näher gebracht hast“, sagte ein Teilnehmer beim Abschied zu Jens Heisterkamp und fasste damit den Charakter der 8. Herbstakademie schön zusammen. Unterschiedliche Sichtweisen auf das Ich und seine Bedeutung im Ganzen wurden in ein Verhältnis der Ergänzung gebracht; statt Argumenten und Streit gab es Dialog, Zuhören und gemeinsames Forschen.

„Ich geh’ aufs Ganze – Individualität zwischen Narzissmus und evolutionärer Verantwortung“ war das Thema der diesjährigen Herbstakademie, die nun schon zum achten Mal von Info3 gemeinsam mit EnlightenNext und der Integralen Akademie veranstaltet wurde. Rund 80 Menschen hörten den Dialogen zu, die die Veranstalter Jens Heisterkamp, Tom Steininger und Sonja Student miteinander und mit der Entwicklungspsychologin Elizabeth Debold sowie dem Zen-Lehrer Dieter Wartenweiler führten. Anschließend an die Dialoge vertiefte man in kleinen Gruppen die angeschnittenen Themen, fand sich am Samstag Nachmittag in Foren zu spezielleren Themen – mit Theologen, Künstlern, Kennerinnen des Tao und des „Unique Self“ oder mit aufgeklärten Anthroposophen – zusammen, und immer wieder stellte die Eurythmistin Melaine MacDonald Bewegungen hinzu, die sie sowohl alleine wie auch mit den Teilnehmern einbrachte. All das ruhte auf der morgendlichen Meditation, die auch zwischendurch immer wieder einmal herbeigerufen wurde.

Im Nachhinein könnte man das Thema vielleicht in „Das Ich zwischen Teil und Ganzem“ umformulieren: Die einen betonten mehr, wie das Ganze überhaupt nur durch Individualität  real wird. „Der Weltengrund hat sich in die Welt vollständig ausgegossen“, wurde Rudolf Steiner zitiert, es gibt kein Ganzes außerhalb der konkreten Welt und das Ich ist der einzige Zugang zum Ganzen. Für den Vertreter des Zen stand hingegen die Erfahrung des Unermesslichen im Vordergrund, wofür das Ich zwar als Struktur bedeutend sei, mit all seinen Inhalten doch aber eher ein Hindernis darstelle. Zwischen individueller „Freiheit von“, „Freiheit zu“ und der „Freiheit der Entscheidung“ wurde aus evolutionärer Perspektive unterschieden und die Entscheidung, sich der Entwicklung des Ganzen zur Verfügung zu stellen, in den Mittelpunkt gestellt. Dass das keine Widersprüche sind, sondern Facetten, unterschiedliche Gewichtungen, das war in jedem Moment spürbar.

Die eigenartige Doppelnatur des Ich, sich als Subjekt der Welt gegenüberzustellen, also Teil zu sein, und darin doch zugleich die Verbindung zwischen Ich und Welt, also das Ganze, zu ermöglichen,  wurde immer wieder abgetastet – wobei der Charakter der Tagung ganz eindeutig von der Verbindungs-Kraft des Ich geprägt wurde. Überall in der Welt schaut uns der Weltengrund an und jeder Blickwechsel verändert uns. Die oft zitierten Rilke-Zeilen „Da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern“ wurden zum inneren Leitstern des Wochenendes.

Nach acht Herbstakademien, die ihre Fruchtbarkeit im Zusammenschauen verschiedener spiritueller Ansätze nun immer wieder erwiesen haben, ist jetzt die Gründung einer Akademie ins Auge gefasst, die die Begegnungen und Gespräche auch durch das Jahr hindurch pflegen möchte. Dadurch wird das Anliegen einer strömungsübergreifenden, evolutionär und individuell orientierten Spiritualität vielleicht noch deutlicher werden.

Die Haupt-Dialoge der 8. Herbstakademie werden sukzessive als Videos eingestellt unter http://www.herbstakademie-frankfurt.de