Foto: Lesekreis

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Von Antje Doßmann

 

Ohren

  1. Mai 2014: Rede vor dem Bundestag anlässlich der Feier zu 65 Jahre Grundgesetz

Der 23. Mai 2014 markiert eine Zäsur. Es war der Tag, an dem Navid Kermani vor dem versammelten Bundestag ans Rednerpult trat. Beinahe sieben Jahrzehnte nach dem Ende des Deutschen Reiches stand da nun dieser 1967 als Sohn iranischer Eltern in Siegen geborene Orientalist und Schriftsteller und schickte sich an, dem deutschen Grundgesetz eine glühende Liebeserklärung zu machen. Seine auf natürliche Weise bejahenden, natürlich dankbar wirkenden, klug gewählten Worte und das sanfte Pathos seiner Rede trugen einen Geist in den Bundestag, der dort neu war. Denn mit Navid Kermani hatten sich die sichtlich bewegten Abgeordneten einen Gast ins höchste Haus geladen, in dessen Person sich soziale Idee und religiöses Empfinden vereinten. Das eine nicht denkbar ohne das andere für den muslimischen Autor, dessen eigene, in der Tradition der sufistischen Mystiker verankerten Glaubensvorstellungen ihm die Freiheit lassen, Jesus nicht nur als einen, sondern als seinen Propheten zu betrachten. Der ein Freigeist also ist und ein Überwinder, aber ein auf festem Gottesglaubensgrund Stehender und Redender und Handelnder in jedem Fall. Und unabhängig davon, ob es allen Politikerinnen und Politikern in Berlin damals genau bewusst gewesen war, wovon sie sich eigentlich bewegen ließen, und zum Glück auch unabhängig davon, ob einige von ihnen Kermani abgelehnt hätten, wenn es ihnen bewusst gewesen wäre, bleibt es dabei: sein Geist war dort und hat im Deutschen Bundestag seinen Atem verströmt.

 

Augen

  1. September 2015: Erscheinungstag von „Ungläubiges Staunen“:

Dann kam Navid Kermanis Buch, sein ungläubiges Staunen über das Christentum, und lieferte seitenweises Beweismaterial für etwas, das zu ahnen war seit seiner Rede vor dem Bundestag: dieser deutsch-iranische, sufistisch-muslimische Kosmopolit und querverbindend denkende Essayist vertraut in einer Weise auf Gott und das Menschsein auf Erden, die auch Christen teilen. Und das, dieses wirkliche Sich-Selbst-Sehen in der Blickrichtung eines nicht unter Generalverdacht stehenden, noch dazu hochgelobten Autors, waren wir nicht gewohnt. Deshalb gab es zunächst, als wir Kermanis Buch lasen, ein Staunen auch auf christlicher Seite, dann Freude über die schöne Gewissheit, in der Vergangenheit nie bloß einen Diskurs der Selbstverständigung geführt zu haben, auch wenn es manchmal danach ausgesehen hatte. Zeitgleich aber drang von außen die Welt dramatisch zu uns hinein. Die sogenannte „Flüchtlingskrise“ spitzte sich zu, und kein Tag verging, ohne dass uns eine neue Horrormeldung erreichte: Tote, Tote, Tote, im Meer Ertrunkene, in Lastwagen Erstickte, in der Wüste Verdurstete, Menschen, die verloren gingen auf dem Weg zu uns. Eine unerträgliche Situation, die danach schrie, sich den Fragen zu stellen, die mit dem Erkennen Kermanis eben auch einhergingen und die sich vom Eigenen lösen und in die Welt schauen mussten, um von dort aus wieder zu uns zurückzukehren als Auftrag.

 

  Hände

  1. Oktober 2015: Friedenspreis-Rede in der Frankfurter Paulskirche

Es ist gut, dass Deutschland den Fremden, die kommen, ein so freundliches Gesicht zeigt und dass keine Gleichgültigkeit herrscht über das Schicksal der Verfolgten und Verschleppten in Syrien und anderen Teilen der nicht befriedeten Welt. Doch welche Hände zeigt Deutschland den Kommenden? Rund um die Uhr beliefern uns die Fernsehsender mit Bildern, die Auskunft geben. Greifen wir zwei davon heraus und betrachten sie in der offen staunenden Weise, wie uns Kermanis Schule des Sehens lehrt. Da ist zum einen dieser Sonderzug, der in den Hauptbahnhof von München eingefahren ist. Hunderte von vollkommen erschöpften Menschen steigen aus und werden empfangen von Beifall spendenden Händen. Und da ist zum anderen Navid Kermani, der nach seiner großen Rede in der Frankfurter Paulskirche in seine geöffneten Handinnenflächen blickt und sie danach zu seinen Augen führt. Hände, die klatschen, Hände, die beten. Die einen so geräuschvoll in die Welt weisend wie die anderen still in die Überwelt, und doch zwei Gesten, denen die Gemeinsamkeit menschlicher Anteilnahme zugrunde liegt. Es kann in dieser Frage also nicht um ein richtig oder falsch gehen, sondern nur darum, sich mit den Gegenkräften auseinanderzusetzen, die Christen daran hindern, angesichts von Wundern, die geschehen, wie am Münchener Hauptbahnhof, oder verzweifelt erhofft werden, wie in der Frankfurter Paulskirche, die Hände zum Gebet zu führen, Gott zu danken, seinen Beistand zu erbitten. Und ihnen die Stirn zu bieten, wenn sie sich aggressiv verhalten, abwerten, herabwürdigen, wie es dem Friedenspreisträger nach seiner Rede von mancher, auch unerwarteter Seite ja widerfuhr. Am schärfsten lehnte Johan Schloemann, Rezensent der Süddeutschen Zeitung, Kermanis Aufforderung zum stilllen Gedenken an das Schicksal der vom IS terrorisierten Schwestern und Brüder des syrischen, christlich-islamischen Klosters Mar Musa ab. Nicht nur wertete er den Aufruf als „unerträglichen Übergriff“ und rückte den Redner in die Nähe zu Islamisten, sondern bezeichnete die Paulskirchenbesucher, weil sie nicht  „im Kämmerlein beteten“, pauschal als  Heuchler. Seine Kritik wäre nicht „religionsfeindlich“, attestierte sich Schloemann gleich selbst. Das zu beurteilen, bleibt indes anderen überlassen. Fest stand nach der Rede in der Paulskirche, die keine Sonntagsrede gewesen war, dass ein Tauziehen um Navid Kermani begonnen hatte.  Wir können ihm helfen, indem wir, wie er, unsere inneren Überzeugungen gegen äußere Widerstände aufleuchten lassen. Wir müssen die Causa Kermani nicht zu unserer eigenen machen. Sie ist es.

 

Herz

23.-25. Oktober 2015: „Einen Schritt näher – Internationale Autorentage“ in Schwalenberg

Ist es nun Zufall, dass Navid Kermani fast im direkten Anschluss an sein Auftreten in Frankfurt im Mittelpunkt eines Treffens stand, das ihm drei Tage lang Gelegenheit bot, eigene und fremde Positionen auszuleuchten in diesem besonderen Licht, für das die kleine Ortschaft Schwalenberg im Landkreis Lippe gerühmt wird? Zufall, dass sich dort in diesem Jahr im Rahmen der Literatur so intensiv über Inhalt und Form von Religion ausgetauscht, verständigt und auch gestritten wurde wie nie zuvor? Zufall, dass auf dem Podium, Kermanis Wunsch gemäß, Freunde und Weggefährten aus unterschiedlichen politischen Lagern zusammenkamen, unterschiedlichen Ländern zudem, und vor großem Publikum den Mut fanden, von ihrem eigenen Glauben zu sprechen und nicht nur von ihrer Einstellung zum Glauben? Wohl kaum. Schwierig, so gut wie unmöglich und beinahe unfair scheint es, einem bestimmten Impuls dieses wichtigen Zusammentreffens vor einem anderen den Vorrang zu geben. Vielleicht aber vermittelt dieses hier die beste Ahnung seiner tiefen Bedeutung: Nachdem der vor einigen Jahren aus dem Iran ins amerikanische Exil  geflüchtete Autor Shahriar Mandanipur einen Ausschnitt aus seiner bewegenden Schrift Zerschlag die steinernen Zähne in seiner Muttersprache gelesen hatte und die geheimnisvollen Laute des Persischen noch in der Luft hingen wie Musik, las der seinem Staat gegenüber kritische israelische Autor Yitzhak Laor aus dem hebräischen Original seines Romans Ecce homo. Staunend, dankbar, glücklich darüber, Zeugin dieser so schwierigen wie schönen Sprachvermählung geworden zu sein und Zeugnis geben zu können davon, war der letzte Schritt getan, die Gestalt zu erkennen, die Navid Kermani angenommen hatte: Ein Mittler, wie er lange gefehlt hat.

Dr. Antje Doßmann, geboren 1967 in Berlin, Studium der Philosophie und Germanistik, lebt und arbeitet als Journalistin und freie Autorin in Bielefeld.

 

Die Rede von Navid Kermani in der Frankfurter Paulskirche im Video

 

 

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