Der Übergang von der Philosophie zu einer Anthroposophie gehört zu den wichtigen Anliegen Rudolf Steiners. Auch im öffentlichen Diskurs ist das Verhältnis von Philosophie und Spiritualität inzwischen ein Thema. Die Alanus Hochschule in Alfter bot am 10. Mai auf einem Kolloquium Gelegenheit, diese Frage in einem Fachgespräch zu diskutieren. Herausgekommen ist dabei eine streckenweise hoch spannende, ebenso von Gegensätzen wie von überraschenden Schnittmengen geprägte Debatte.

Anlass des Treffens war eine kürzlich von Dr. Hartmut Traub vorgelegte Buchveröffentlichung über Steiner und Fichte. Sein umfangreiches Werk „Philosophie und Anthroposophie“ ist einer der bisher noch seltenen Fälle, dass sich die akademische Philosophie mit Steiner befasst. Umso erfreulicher, dass die Alanus Hochschule, die eine dialogische Auseinandersetzung mit Anthroposophie zu ihrem Kernprofil zählt, diesen Ball aufgriff.

Rektor Prof. Marcelo da Veiga, mit Traub seit gemeinsamen Studienzeiten in Kontakt, betonte eingangs die Aufgabe der Philosophie, das Bewusstsein an Grenzen heranzuführen – denn in der Philosophie artikulieren sich Fragen wie die nach dem Wesen des Menschen, dem Verhältnis von Körper, Seele und Geist oder auch nach Perspektiven eines nachtodlichen Lebens – Fragen, die allerdings nicht mehr im Habitus reflektierenden Denkens beantwortet werden können, sondern nach der Ausbildung anderer Bewusstseinsformen rufen. „Anthroposophie will eine Meditations- und Bewusstseinskultur inaugurieren, aus der dann auch soziale Verhältnisse neu gestaltet werden können“, sagte da Veiga. Die Haltung, die dabei nach Steiner eingenommen werden soll, ist für ihn, was die Beobachtungs-Orientierung der Urteile angeht, durchaus den naturwissenschaftlichen Verfahren vergleichbar.

Steiner als Philosophen ernst nehmen

Wie hat sich bei Steiner aus der Philosophie die Anthroposophie entwickelt? Dies stellte Hartmut Traub, der auch Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der internationalen Fichtegesellschaft ist, als seine leitende Fragestellung heraus. „Sich als erkennntnisinteressierter Forscher dem Werk Steiners zu nähern ist nicht einfach, mir kam da auch vielfach inquisitorischer Eifer von Seiten der Anthroposophen entgegen“, meinte Traub im Blick auf manche Erfahrungen. Steiners Werk sei eben mehr als Wissenschaft, es sei Weltanschauung, die eine umfassende Lebensorientierung biete. Deren kritische Infragestellung löse seit nunmehr einhundert Jahren verunsicherte Apologetik seitens der Anthroposophen voraus. „Konstruktive Kritik statt Polemik“ wünschte sich Traub deshalb für die immer noch polarisierte öffentliche Debatte um Steiner.

Traub stellte zunächst eine retrospektive Interpretation des Frühwerkes in Frage, wie sie in anthroposophischem Kontext üblich sei: „Ursprünglich für den rationalen Nachvollzug gemeinte Inhalte werden hier nachträglich esoterisch oder spirituell aufgeladen“, kritisierte er.  Er wolle dagegen Steiner so verstehen, wie er sich selbst Ende des 19. Jahrhunderts verhalten habe: als Philosoph seiner Zeit: „Umfang und Tiefgang der Fichte-Rezeption Steiners haben mich dabei überrascht“, gestand Traub. Weder zu Goethe noch zu Hegel bestand seiner Ansicht nach eine so starke innere Identifizierung wie mit Fichte, so der Fichte-Forscher – dem seine Fixierung auf den großen deutschen Idealisten prompt als mögliche Betriebsblindheit angekreidet wurde. Schließlich habe sich Steiner mindestens ebenso massiv auf Goethe bezogen, den Traub jedoch vollständig ausklammert. Traub zeigte sich indes überzeugt, dass aus Steiners nachhaltiger philosophischer Frühprägung durch Fichte wesentliche Elemente auch der späteren Anthroposophie ableitbar wären, insbesondere was den Aspekt des sich selbst setzenden Ich angeht. Eine rein philosophische Diskutierbarkeit des Frühwerks von Steiner sei dabei möglich und sinnvoll: „Dieses Werk hat einen methodologischen und systematischen Ansatz“, betonte Traub. Im Zentrum stehen dabei für ihn die kosmologische Ausrichtung und die zentrale Bedeutung von Intuition als Zugang zu einem objektiven und universellen geistigen Feld. Traub entwickelte dazu interessante Überlegungen, wie sich hieraus wichtige ethische Grundlagen für die anthroposophischen Arbeitsfelder wie etwa die Pädagogik ableiten lassen.

Klischees überwinden

Müssen Philosophie und Esoterik bzw. Spiritualität getrennt bleiben, so eine der Fragen, die die Teilnehmenden bewegte. Auf Rückfrage wehrte sich Traub gegen das seiner Ansicht nach überholte Klischee, Esoterik sei grundsätzlich „irrational“; es gelte vielmehr, das Irrationale der Rationalität und das Rationale des vermeintlich Irrationalen zu klären. Traub deutete hier weitere Forschungs-Aufgaben an, eine wissenschaftlich legitimierte Diskussion um Spiritualität zu eröffnen.

Prof. Harald Schwaetzer von der Alanus Hochschule vertiefte in seinem Beitrag eine besondere Spur im Umkreis des frühen Steiner: verschiedene Denker des metaphysischen Neukantianismus – insbesondere der Philosoph Johannes Volkelt – suchten zu Steiners Zeit in der Erkenntnistheorie einen Übergang in den Bereich des Transzendenten. Volkelt forderte dabei im Sinne einer voraussetzungslosen Wissenschaft ein Element, das bereits im Modus des Nur-Erfahrenen über sich selbst hinausweist und fand dieses Element im Denken. Genau diesen Ansatz übernahm Steiner und ist so gesehen ein „genuiner neukantianischer Metaphysiker“, wie Schwaetzer sagte. Steiner spitzte diese Position noch zu, insofern auch der Ausgangspunkt eines Subjektivismus bereits über das „Gegebene“ im Sinne der Voraussetzungslosigkeit hinausgeht und die angenommene Bezogenheit auf ein Subjekt schon ein Urteil und keine Wahrnehmung mehr darstellt. Die vielfach umstrittene Kant-Kritik Steiners interpretierte Schwaetzer weniger als Kritik an Kant, sondern als Warnung vor einem ungesunden „Glauben an Kant“. „Steiner spielte auf der Höhe seiner Zeit mit Namen und Positionen – im Ganzen präsentiert er sich trotz verbaler Ablehnung als Denker im Sinne der Kant’schen Transzendentalphilosophie.“

 Deutliche Kritik

Zu der Offenheit des Dialogs gehörte es auch, dass nicht mit Kritik an den Thesen Traubs zurückgehalten wurde. Der Philosoph und Bewusstseinsforscher Dr. Johannes Wagemann etwa nahm Steiner in seinem Beitrag vor dem Vorwurf von Traub in Schutz, dieser habe die Fichte’schen Positionen einfach kompiliert. Traubs Versuch, Steiner allein auf Fichte zurückzuführen, sei eine Art „geisteswissenschaftlicher Darwinismus, der das vermeintlich Neue nur als neue Zusammenstellung des Alten begreifen will“. Auch bedeute die grundsätzliche Weigerung Traubs, Steiners Frühwerk in dessen eigenem Sinne als Weg zur spirituellen Anthroposophie zu sehen, eine methodische Selbstbeschneidung. Ein weiterer Kritikpunkt: Steiners Ansatz sei nicht ausschließlich philosophisch und transzendental zu verstehen. In  der Darstellung Traubs erscheine Steiner oftmals als ein „sich selbst nicht verstehender Dilettant“, bemängelte Wagemann und plädierte dafür, Steiner anders als nur philosophisch zu deuten. Mit seinem Werk müsse insbesondere auch phänomenologisch und meditativ gearbeitet werden. Das Eigenständige Steiners sei erst im Rahmen einer erweiterten, transdisziplinären  Methodologie zu erfassen. Auch handwerkliche Fehler wurden bemängelt. So behaupte Traub, dass der Begriff „Seele“ bei Steiner erst in der 2. Auflage der „Philosophie der Freiheit“ auftaucht und in der 1. Auflage nicht vorkomme – was rein textlich offensichtlich nicht zutrifft.

 Insgesamt allerdings überraschte der Fichte-Kenner Traub auf der Veranstaltung mit konstruktiv dialogischen Positionen, die mancher in seinem Buch noch vermisst hatte. „Der Vortrag heute sagt etwas anderes als der Großteil seines Buches“, resümmierte ein Teilnehmer, „und das öffnet Räume“. Die Chance aufgegriffen zu haben und offensiv den Dialog mit einem Kritiker der Anthroposophie zu suchen, ist den Verantwortlichen der Alanus Hochschule sehr anzurechnen. Der Debatte um die Annäherung von Wissenschaft, Philosophie und Spiritualität kann das nur gut tun. Sie soll im Rahmen der Alanus Hochschule fortgesetzt werden.