Ute Craemer

Man weiß nicht, als was man dieses Buch am Ende einordnen kann: Als Apotheose der Waldorfpädagogik, die nun auch in den Favelas in Brasilien funktioniert; als Biographie einer einzigartigen Lehrerin namens Ute Craemer; als Kritik der konventionellen Entwicklungshilfe? Vielleicht als alles drei.

Das Buch lebt von der immerwährenden Leidenschaft für die Favelakinder der „Dona Utschi“ (so wird Ute portugiesisch-brasilianisch verändert) in Monte Azul. Sie hat es immer wieder geschafft, in Escolinhas (kleinen Schulen) diese Kinder aufzunehmen. Hat nicht nach den Bedingungen der Möglichkeit geforscht, sondern immer gleich gearbeitet. Sie hat es immer an den Graswurzeln getan.

Sie ist 1938 geboren, kam 1940 von Weimar nach Graz. Der Vater ist als Bauingenieur weltweit im Einsatz. Ute studiert in Marburg und Heidelberg, heuert beim Deutschen Entwicklungsdienst an und kommt nach Brasilien. Die Entscheidung für Brasilien, so wird ihr klar, kam aus der Zukunft auf sie zu. Man fährt noch mit dem Schiff 24 Tage über den Atlantik, sie wird in Londrina unglaublich herzlich aufgenommen. Erlebt gleich eine tanzende Kinderschar bei einer brasilianischen Hochzeit. Sie merkt, wer Ausländer ist, gehört automatisch zu den reichen Schichten, den „Expats“ mit viel Geld. Mit der Wirklichkeit des Landes hatte das nichts zu tun. Schon damals lernt sie, was in der Entwicklungshilfe immer falsch gemacht wurde und was sie nicht mitmachte: „Es gibt keine Trennung zwischen dem ‚Helfer‘ und demjenigen, dem geholfen wird. Diese Idee wird später einer der Lerngedanken der Arbeit in Monte Azul.“ Dann kommt noch ein zufälliges (?) Erlebnis: 1967 ist sie zurück in Deutschland. Sie weiß nur, sie will nach Brasilien zurück und mit den Kindern arbeiten. Da wird ihr für drei Monate eine Schwangerschaftsvertretung an der Waldorfschule in Paris angeboten. Das Konzept der Waldorfpädagogik sagt ihr sofort zu: Die Einstellung der Lehrer, die Ernsthaftigkeit, mit der auf wöchentlichen Donnerstagskonferenzen über die Kinder und ihre Probleme gesprochen wird. Jetzt ist alles klar: als Waldorflehrerin will sie nach Brasilien zurückkehren! Sie schreibt sich noch auf der Stuttgarter Uhlandshöhe am Lehrerseminar ein und fühlt sich von allem angesprochen. „Endlich einmal nicht nur irgendwelche Fakten, die man auswendig lernt“.

„Ich habe auf schwache Frau gemacht“

Dunja Batarilos Buch über diese bemerkenswerte Frau ist sehr anschaulich  geschrieben, Etwa wenn man der Brückenbauerin zusehen darf beim Bau der Escolinha und der Ambulanz Station in Monte Azul. „Mutirao“ ist das in Brasilien, was „Umuganda“ in Ruanda ist: Kollektive freiwillige Arbeit zur Verschönerung und Verbesserung des Landes. Das sind Traditionen, die uns in Europa verloren gegangen sind: „Bei großen Arbeiten, egal ob Bau oder Ernte, packen alle mit an, und im Anschluss haben wir gemeinsam gegessen, gefeiert und getanzt.“ Männer aber sind fast überall erst mal zu gewinnen. Ute Craemer erzählt, wie sie das gemacht hat: „Ich habe oft auf schwache Frau gemacht“, erzählt sie der Autorin und der „Schalk huscht ihr übers Gesicht. Das dichte blonde Haar und ihre schmale Taille standen ihr dabei sicher nicht im Weg.“ Dona Ute ist schon bei Beginn ihrer Arbeit 1979 eine auffällige Gestalt: „An manchen Tagen sind es 20 bis 30 Frauen und Kinder, die um Ute herumwuseln, wenn sie ihre Gänge in die Favela macht … In solchen Momenten wirkt sie mit ihrem in der Sonne leuchtenden blonden Schopf und dem wehenden Batistrock wie eine Lichtgestalt“. Am Anfang war den Menschen in der Favela überhaupt nicht klar, worum es der deutschen Frau geht – in ihren Augen kam sie als Reiche aus Europa von einem anderen Stern: „Sie lief in der Favela herum und ich dachte: Oh je, sicher ist das die Besitzerin, das heißt nichts Gutes, wenn die hier herumläuft. Bestimmt müssen wir hier alle weg.“

Alles andere als Idylle

Dass das alles nicht etwa idyllisch war und ist, belegt das Schlusskapitel „Schicksal“, in dem beschrieben wird, wie das Haus von Ute Craemer überfallen wurde. Die Diebesbande, bewaffnet und zu allem entschlossen, fand nur 200 Dollar  – mehr gab es auch nicht. Man ließ sich auf einen Vertrag mit den Banditen ein, denn die Polizei zu benachrichtigen würde in Brasilien nichts bringen.

Noch spannender die Erfahrung während des gefährlichen Asyls, das sie 1986 einem Jungen mit Namen Ronaldo auf ihrem Gelände gibt. Sie kennt ihn von der Schule, er ist unter die Drogenabhängigen geraten, muss ständig Nachschub anschaffen. Die Polizei sei hinter ihm her. „Ute, bitte kann ich heute Nacht hier schlafen?“ Seine Fingerspitzen sind schneeweiß, so fest hat er den Plastikbeutel um die Hand gewickelt, in dem sein ganzes Hab und Gut steckt. Sie sagt: „In Ordnung, für eine Nacht komm rein.“ Doch das geht nicht mit einer Nacht. Ute Craemer ist regelmäßig mit diesen Halbstarken zusammen. Die brechen in ihren eigenen Kindergarten ein, klauen die Gaskartusche weg. Die Militärpolizei lässt ein ganzes Heer von Hubschraubern über der Favela kreisen. Hütten gehen unter dem Luftdruck in die Luft. Das Buch erreicht in solchen Szenen seine höchste Glaubwürdigkeit. Die Drogenabhängigen kommen einfach: „Ich habe sie ja nie gerufen.“ Sie schreibt: „Es ist, als hätten sie ein Loch, ein Vakuum an der Stelle, wo bei anderen Menschen die moralische Kraft wohnt, das Gewissen.“ Ihr werde immer klarer, dass diese Bandidos nicht stark oder mutig sind: „Sie sind schwach, sogar sehr schwach, ihren Neurosen völlig ausgeliefert.“ Und noch stärker und für unsere Zukunft gesagt: „Ich glaube, dass in der menschlichen Seele ein immer währender Kampf zwischen Gut und Böse stattfindet.“ Trotzdem sei der Wesenskern des Menschen gut. „Wir alle haben einen unzerstörbaren geistigen Kern. Wer ein Neugeborenes sieht, erlebt diesen Kern in seiner Ursprünglichkeit. Dieser gute Kern kann aber eine schwierige unbeherrschte Hülle haben.“ Dann gehe es darum, das Böse zu verwandeln. „Menschen verändern sich, wenn wir den Mut aufbringen, sie zu lieben.“ ///

Dunja Batarilo: Die Brückenbauerin. Wie Ute Craemer die Favela Monte Azul verwandelte. Scoventa Verlag Nürnberg 2014,  318 Seiten € 19,99

Brückenbauerin