Will noch Vieles verwandeln: Sekem-Chef Helmy Abouleish Foto: Sekem

Will noch Vieles verwandeln: Sekem-Chef Helmy Abouleish
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Ein Lächeln im Gesicht könnte sein Markenzeichen sein; schlecht gelaunt kann man sich ihn jedenfalls gar nicht vorstellen. Helmy Abouleish, Sohn des SEKEM-Gründers Dr. Ibrahim Abouleish und inzwischen 53 Jahre alt, verbreitet positive Atmosphäre, wo er auftaucht. Er hat vier Töchter, vier Enkelkinder und spricht dank seiner österreichischen Mutter – neben Arabisch und Englisch – auch perfekt Deutsch. Wir sind in dem neuen Gästehaus auf der ägyptischen SEKEM Farm außerhalb von Kairo zum Gespräch verabredet, als er überraschend durch den Kücheneingang zu mir in den Speiseraum kommt, das Servicepersonal mit einem freundlichen Zuruf bedenkend. „Jeden Tag wache ich mit der Frage auf, was ich heute besser machen kann“, formuliert der Bio-Unternehmer sein Lebensmotto. Helmy, der als junger Mann beim Umzug seines Vaters ohne Führerschein einen VW-Bus von Österreich nach Ägypten steuerte, ist heute Leiter der SEKEM Holding mit zahlreichen landwirtschaftlichen Farmen, weiterverarbeitenden Betrieben für Frischgemüse, Tees, Bio-Baumwolle und Arzneimittel – über 2.000 Beschäftigte zählt SEKEM in ganz Ägypten. Sein Büro liegt am Stadtrand von Kairo, wo auch die von SEKEM initiierte Heliopolis University angesiedelt ist, das ist praktischer für die vielen nationalen und internationalen Kontakte, mit denen SEKEM vernetzt ist. Meist muss er früh am Morgen die knapp 40 Kilometer in die Millionen-Metropole fahren und kommt erst abends wieder zurück in die Oase, die auf ursprünglich wüstenartigen Grund entstanden ist und heute wie ein großer botanischer Garten wirkt. Hier ist er Zuhause.

Ständig in Entwicklung bleiben

„Man glaubt vielleicht, Landwirtschaft sei ein sehr einfaches Geschäft, aber das stimmt nicht“, sagt er im Gespräch. Beim Gang durch die imposanten Lagerhallen für die Bio-Teeproduktion oder Anzuchtgewächshäuser für Melonen erklärt er mir, wie kleinste Versäumnisse unabsehbare Folgen nach sich ziehen können: „Wenn man eine Entwicklung verpasst, ist das oft kaum wieder aufzuholen.“ Mit vielen hundert Partnerfarmen in ganz Ägypten gilt es, die Produktionsabläufe ständig zu koordinieren und zu verbessern. 2009 hatte SEKEM drei große Anbauflächen hinzugekauft, die Flächen jeweils so groß wie die Mutterfarm, und ebenso wie einst SEKEM in Wüstengebieten gelegen. Der Aufbau gestaltete sich jedoch schwierig: Nach der Revolution 2011 und der folgenden Abwertung des ägyptischen Pfundes begann die Zinslast für die neuen Ländereien schwer zu drücken. „Wir haben aber durch diese Krise viel gelernt, alle Prozesse und Produkte kamen noch einmal auf den Prüfstand und heute können wir sagen, dass wir so effizient wie nie zuvor sind“, sagt Helmy. Schon jetzt hat SEKEM den größten Markt für biologisch-dynamische Produkte außerhalb Europas und der USA aufgebaut, rund 80 Prozent der Produktion wird in Ägypten verkauft.

 

Stichwort Effizienz: Im Blick auf die Landwirtschaft ist Helmy Abouleish überzeugt, dass die biologisch-dynamische und biologische Anbauweise sich auf Dauer als nicht teurer, sondern sogar als günstiger erweisen wird als der konventionelle Anbau. Noch in der Mubarak-Zeit konnte er der Regierung eine Studie vorlegen, der zufolge der Bio-Anbau nicht nur ökologisch mehr Vorteile bringt, sondern auch wirtschaftlich – vor allem, weil im biologischen Anbau das in Ägypten so kostbare Wasser besser genutzt und damit eingespart werden kann. „Und wenn wir die echten Preise hätten, in denen die Kosten für Umwelt- und Klimabelastung mit einberechnet sind, dann wäre Bio schon jetzt in allen Belangen günstiger als Konventionell“, sagt er. Diese Idee einer umfassenden und transparenten Preisbildung verfolgt auch die Sustainable Food Trust-Foundation beispielsweise durch sogenanntes True Cost Accounting, bei der sich Helmy Abouleish engagiert. Erst wenn die tatsächlichen Kosten von Waren und Dienstleistungen transparent sind, können sich die Verbraucher ein bewusstes Bild machen und die Illusion des „billig um jeden Preis“ überwinden, ist er überzeugt. Für solche Ideen macht er sich auch international stark, er erzählt von Treffen mit Prinz Charles auf dessen Bio-Gut in England und mit europäischen Unternehmern, die für Nachhaltigkeitsdenken aufgeschlossen sind. Auch den amtierenden ägyptischen Präsidenten Al-Sisi hat er bereits persönlich kennengelernt, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass er mit all diesen Prominenten anders als so direkt und unverstellt redet wie gerade mit mir oder mit den Angestellten auf der SEKEM Farm, von den Produktionsleitern bis zu den Landarbeitern, die Helmy bei seiner Fahrt über die Farm ihre staubigen Hände zur Begrüßung ins Autofenster entgegenstrecken.

 

Gestärkt aus der Krise

 

Manchmal ist Helmy mit seinem Geländewagen auch in „besonderer Mission“ in abgelegen Teilen des Landes unterwegs: Neulich zum Beispiel hatte er auf einer der neu aufzubauenden SEKEM Farmen auf der Sinai-Halbinsel direkt am Suezkanal zu tun. Die Reklamierung von neuem Land muss nämlich nicht nur mit der Regierung abgestimmt werden, sondern auch mit den in ganz Ägypten ansässigen und Land beanspruchenden Beduinen. Das kann bisweilen langwierige und komplizierte Verhandlungen bedeuten.

 

Nicht nur an solchen Episoden wird mir schlagartig klar, mit welchen speziellen Bedingungen es SEKEM in Ägypten zu tun hat: unsichere Rechtsverhältnisse, mangelnde Verbindlichkeiten auf allen Ebenen und die prekäre politische Lage, in die ständig die Angst vor Destabilisierung in einer chaotisierten Region hineinspielt. In den letzten Tagen der Amtszeit Mubaraks war Helmy einmal auch persönlich betroffen: Weil er in Regierungskommissionen mitwirkt hatte, wurde ihm Korruption vorgeworfen und er musste einige Wochen in Untersuchungshaft verbringen, bevor sich die Anschuldigungen als haltlos erwiesen. „Ich hatte zu keinem Zeitpunkt wirklich Angst und kann heute sagen, diese unfreiwillige Haftzeit war ein Segen für mich, eine Zwangspause“, erzählt Helmy. Es waren 100 Tage ohne Telefon, ohne Emails und ohne Termine. Bis dahin hätte er in der Überzeugung gelebt, jeden Tag „die Welt retten zu müssen“ und war dabei zu einem Getriebenen des Wandels, zum „Außenminister“ von SEKEM geworden, hatte mit Angela Merkel und Barack Obama gesprochen und war jede Woche auf anderen Kontinenten unterwegs gewesen. Als ihn dann seine Tochter im Gefängnis besuchte und ihm sagte, endlich habe er wieder einmal Zeit, mit ihr zu reden, ahnte er, worin die Botschaft dieser unfreiwilligen Auszeit lag: „Wenn ich immer nur die Welt retten will, vergesse ich die wichtigen Dinge in meiner Nähe“, weiß er heute. Jetzt nimmt er sich wieder Zeit für andere Dinge, für seine Familie, für ausgewählte Projekte und auch für Lektüre und spirituelle Arbeit. Der immer gut gelaunte Botschafter einer besseren Welt kann dadurch nur noch überzeugender wirken.