Titel Oktober

Von Walter Seyffer

Man spricht heute viel von den Kriegskindern und den Kriegsenkeln. Dabei stellt sich immer mehr heraus, dass man es nicht bei diesen belassen kann; denn offenbar sind selbst noch die Urenkel und vielleicht auch noch weitere Generationen mit den Aufräumarbeiten des „Tausendjährigen Reiches“ beschäftigt. Diese Heimsuchung Deutschlands scheint bis hinein in die dritte und vierte Generation der Nachkommen jener dunklen Zeit ihre langen Schatten zu werfen.

Moses empfing diese Prophezeiung von seinem Gott unter dem Eindruck eines schwachen, der Verführung anheimfallenden Volkes. Verführung war allemal im Spiel, als sich das deutsche Volk in der Anmaßung erging, dass es eine „Herrenrasse“ gibt, die alle Maßstäbe von Moralität und Anstand im Augenblick der Machtergreifung Hitlers zur Makulatur erklärte. Wie tief der Sturz aus einem solch vermaledeiten Gedankengut heraus sein kann, wird uns Nachgeborenen, die diese Zeit nur vom Hörensagen kennen, nie in vollem Umfange verständlich werden. Wir, die nach 1945 Geborenen – eben jene Kriegsenkel – sind in einem Volk der Verlierer, der traumatisierten Heimkehrer, der Trümmerfrauen und ungeliebten Vertriebenen groß geworden. Das haben die Menschen, die von den letzten Kriegsjahren bis hin in die sechziger Jahre geboren wurden, seelentief erlebt, das haben jene mit der Muttermilch eingesogen und konnten nicht umhin, diese Einprägungen mehr oder weniger subtil auch der nächsten Generation weiterzugeben.

Die Wissenschaft befasst sich heute mit der Frage, ob sich Erfahrungen der vorangegangenen Generation über die DNA vererben lassen. Die biblische Auffassung, wonach wir durch die Sünden der Urahnen bereits durch unsere Geburt schuldig werden, ist viel älteren Datums. Sie entstammt Zeiten, in denen es wohl tatsächlich eine tiefe Verbindung der Erlebnisse des Einzelnen mit dem kollektiven Gedächtnis der Menschheit gab. Laut Rudolf Steiner war es eben diese Bewusstseinsverbindung, die zuließ, dass man sich tatsächlich an Ereignisse und Erlebnisse der Väter und Großväter erinnern konnte, über Jahrhunderte hinweg bis hin zu den entferntesten Ahnen. Steiner schildert dies in einem Vortragszyklus von 1908, der sich mit dem Johannesevangelium beschäftigt. Es muss uns insofern nicht verwundern, wenn diese Fähigkeit, die einst eine allgemein menschliche Eigenschaft war, sich bis in unsere Tage, wenn auch in unbewusster Art und Weise – zumindest bruchstückhaft – erhalten konnte.

Außer Zweifel steht, was uns aus der erst ein knappes halbes Jahrhundert zurückliegenden, dunkelsten Zeit der Menschheitsgeschichte weitergegeben wurde und keine tiefenpsychologische Kenntnis der Dinge braucht: das hilflose Schweigen, die Wunden der Versehrtheit, das Unbeheimatet-Sein, der bohrende Hunger, die zehrende Kälte. Die Angst vor dem nächsten Angriff – vor dem Tod, dem Eingeschlossen-Sein im Bunker, dem Verlust der Angehörigen, vor dem Leben danach; und später die Angst vor einem nächsten Krieg. Wobei sich manche Überlebenden schon deshalb schuldig fühlten, weil sie im Angesicht der unzähligen Toten weiterleben durften.

Fehlende Aufarbeitung

Dass diese Traumatisierungen nicht nur den Deutschen vorbehalten sind, ist sicher wahr. Auch andere Völker haben im Krieg unsagbar gelitten und geben diese Erfahrungen ihren Kindern weiter, doch wirkt in diesem, unserem Land ein ganz besonderes Konglomerat von Ereignissen auf die Überlebenden dieser Katastrophe – nicht zuletzt die parallel zum Krieg akribisch geplante und durchgeführte Vernichtungsmaschinerie hinter der Front.

Auch in unseren Tagen gibt es erschreckend hohe Zahlen von traumatisierten Soldaten, die von ihrem Einsatz in Krisengebieten zurückkehren. Dabei gilt es zu bedenken, dass keiner dieser Kriege auch nur annähernd die Dimensionen der Weltkriegskatastrophe erreicht. Damals allerdings schlug den Heimkehrern anstelle einer Aufarbeitung der Erlebnisse nur peinliches Schweigen und Nicht-Wahrhaben-Wollen entgegen. Viele meiner Klienten erzählen, wenn vom Vaterbild die Rede ist, dass, wenn sie in ihrer Kindheit am Morgen fragten, wer denn da in der Nacht geschrien habe, sie von der Mutter hörten: „Der Vater träumt schlecht.“

Zum Nicht-Zustandekommen einer Aufarbeitung trug auch bei, dass viele Grundhaltungen der Kriegsgeneration nahtlos in die Nachkriegszeit übergingen. Von den Nachwirkungen der Erziehungsmethoden der NS-Pädagogin Johanna Haarer ist ausführlich in einem anderen Text dieses Heftes die Rede. „Flink wie ein Windhund, zäh wie Juchtenleder und hart wie Kruppstahl“, das war auch noch zu meiner Schulzeit in den 50er Jahren ein Spruch, der ungeniert von an Leib und Seele kriegsamputierten Lehrern im Munde geführt wurde und sich – mehr als man erinnern mag – noch in körperlichen Züchtigungen austobte. Ich habe mehrfach bei meiner Beratungstätigkeit gehört, dass Michael Hanekes Film Das weiße Band – eine deutsche Kindergeschichte – ein Versuch des Regisseurs und Autors in der wilhelminischen Zucht und Ordnung eine Ursache für den Nationalsozialismus zu finden – ein Schlüsselerlebnis für viele meiner Klienten war und eine Hilfe, ihre rätselhafte Beziehung zu ihren schweigsamen Vätern und beschwichtigenden Müttern zu erklären.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem umfangreichen Text von Walter Seyffer in der Oktoberausgabe von Info3, die weitere Beiträge zum Thema „Kriegsenkel“ enthält.

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