Neuer Film über den Mann mit Hut

Beuys im 21. Jahrhundert

 

Von Eberhard Schumacher

Filmplakat

Mitte Mai ist der Film „Beuys“ von Andres Veiel in den Kinos angelaufen. Mit dem Film ist erstmalig ein Dokumentarfilm auf der Berlinale, einem Wettbewerb der Spielfilme, juriert und prämiert worden. Andres Veiel, der dem Publikum durch Filme wie „Blackbox BRD“ und „Das Himbeerreich“ bekannt wurde, formuliert: „Bei Joseph Beuys hilft das lineare Denken nicht weiter und deswegen die offene, assoziative Erzählweise des Filmes“. Mit einem für die mediale Welt fremden, jedoch kraftvollen Feingefühl für Sprache und Begriffe geht es um Gedanken- und Ideenräume, um Kraftfelder und -speicher, die den weiten Weg in die Realität des Alltags und des profanen Lebens finden (sollen): In jedem steckt Gestaltungs- und Veränderungspotential; es geht darum, die gesellschaftlichen Strukturen aufzubrechen, jedem das Vermögen zuzusprechen, sich selbst tätig zu erreichen. In diesem Sinne ist jeder Mensch ein Künstler.

Trennung von Mythos und Ratio

In Großeinstellung blickt Beuys von der Leinwand ins Publikum, redet vom „Zuschauer da hinten“, dem  Anonymus, und dann spricht er weiter von dem besonderen Moment, in dem jeder in den verborgenen, gemeinsamen Fragen erreicht wird. Aphoristisch werden die großen Arbeiten von Joseph Beuys aufgerufen. „Zeige deine Wunde“, zwei Leichenbahren mit weiteren Doppelobjekten als ein mögliches Bild für das Delegieren des Heilens, des Ganz-Werdens, an die Naturwissenschaft. Es kann aber auch verstanden werden als ein Zeichen der Trennung von Mythos und Ratio im Menschen. Wenn Beuys von der Krankheit des gesellschaftlichen Körpers spricht, kann noch eine andere Aussage in Erinnerung treten, dass nämlich die Krankheit am gefährlichsten ist, die nicht bemerkt wird. So werden mit der „Sozialen Plastik“ Gedankenräume Rudolf Steiners über eine dreigliedrige Struktur des gesellschaftlichen Organismus aufgegriffen. Ein Blick auf die aktuellen Verhältnisse auch innerhalb der Anthroposophie macht deutlich, dass dieser Impuls seit seiner Formulierung vor 100 Jahren merkwürdig konturlos geblieben ist. Andererseits liegt es in der Natur der Sache, dass die menschliche Entwicklung erst im Rückblick auf die Geistesgeschichte ihre eigentliche Signatur erhält. Diesen Gesichtspunkt mit Kunst zur Geltung zu bringen, darf Beuys getrost unterstellt werden, wenn er radikal veränderte Mittel der Kunst auf das Menschsein ausrichtete.

„Kredit für jeden“

Das „plastische Prinzip“ beginnt beim Denken und beim Wort im Menschen. Mit der Sozialen Plastik stellt Beuys überraschend die Geldfrage ins Zentrum des gesellschaftlichen Gestaltungsprozesses. Dass „der Geldhandel die Demokratie unterwandert“, tritt nicht offen zu Tage, sollte aber nach den Verwerfungen unseres Finanzsystems und der Renaissance des Autoritären einer gemeinsamen Prüfung unterzogen werden. Könnte es sein, dass die Beuys‘sche Forderung nach „Kredit für jeden“ heute im Ruf nach einem bedingungslosen Grundeinkommen zu identifizieren ist? Beuys verbindet und grenzt wiederum ab den Geldbegriff vom Kapitalbegriff. Er sieht im Kapital das eigentliche Potential, die kreative Fähigkeit der Menschen zur Zusammenarbeit auf allen Ebenen. Mit der rätselhaften Formulierung der „Demokratisierung des Geldwesens“ verband er vor vierzig Jahren die Frage nach der Aufgabe der Banken und des Geldes mit der aufkommenden Krise der Demokratie, in deren Mitte wir uns heute befinden. Vor diesem Hintergrund kann der Künstler Beuys durchaus als neuzeitlicher Provokateur und Revolutionär im Sinne eines Auf- und Wachrufens gesehen werden. In einer Film-Szene beruft er sich auf Picasso, die Kunst als eine Waffe gegen den Feind zu begreifen und ergänzt diese Aussage mit der offenen Frage: Wer ist der Feind?

Der Film erklärt nicht, er zeigt Beuys. Nicht Antworten sind es, die sich durch den Film aufdrängen. Es sind die Fragen, die heute in drängender Weise relevant und wesentlich werden. Klaus Staeck, ein Weggefährte Beuys, charakterisiert weniger den Künstler als den Menschen Joseph Beuys indem er sinngemäß äußert: Er habe am meisten durch die Haltung und Achtung gelernt, mit der Beuys auf seine (zahlreichen) Gegner zuging. Die filmischen Dokumente können diese Sichtweise allerdings nur sehr eingeschränkt wiedergeben.

 

Andres Veiel: Beuys. Deutschland 2017, 107 min.

 

 

Diesen Artikel finden Sie unter: https://www.info3-magazin.de/beuys-im-21-jahrhundert/

© 2013 Info3 Verlagsgesellschaft Brüll & Heisterkamp KG