© What Moves You/Charlotte Fischer

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Berlin ist natürlich immer eine Reise wert – das dachten sich vermutlich auch die rund 70 jungen Leute im Alter zwischen 16 und 23 Jahren, die auch diesmal aus aller Herren Länder – 17, um genau zu sein – in die deutsche Hauptstadt geströmt waren, um hier vier Wochen lang gemeinsam ein anspruchsvolles Eurythmie-Programm einzustudieren. Mir ging es ähnlich, als vor ein paar Monaten die Einladung im Raum stand, Ende August eine der beiden Aufführungen für die Info3-Redaktion zu besuchen. Der Termin lag auf dem letzten Ferienwochenende, ich hatte noch nichts vor. Kurzerhand lud ich meine beiden zwölfjährigen Töchter (als Waldorfschülerinnen mit der Eurythmie durchaus vertraut) ein, mich zu begleiten.

Wir konnten nicht ahnen, dass es die heißesten Tage dieses mit tropischen Temperaturen bisher eher geizenden Sommers werden würden: Berlin erwartet uns mit strahlender Sonne und über dreißig Grad im Schatten. Zwei Tage lang suchen wir immer wieder die Kühle gut klimatisierter Museumsräume. Wir essen Eis am schattigen Ufer der Spree mit Blick auf die Museumsinsel. Wir quetschen uns mit anderen schwitzenden Touristen in den rappelvollen Aufzug zur Reichstagskuppel und genießen die fantastische Aussicht auf die sommerliche Stadt im Abendlicht.

Als wir Samstagabend zur Komischen Oper kommen, bin ich gespannt auf das Publikum. Wer wird sich an diesem Abend hier einfinden? Die Event-Konkurrenz ist, typisch Berlin, riesig: Zeitgleich ist die Nacht der Museen im Gange, im Nikolaiviertel sind Festspiele, im Kulturforum lockt ein Open-Air-Konzert der Berliner Philharmoniker. Nun also die „Magic Moments“. Eine halbe Stunde vor dem Start gibt es im Foyer eine ausgesprochen gut besuchte Einführung, in der Projektleiter André Macco Elisabeth Altheim und Mikko Jairi aus dem Künstlerischen Leitungsteam zu ihrer Arbeit befragt. Der Saal ist nicht ausverkauft, aber doch gut gefüllt, als es losgeht. Das Publikum: eine Mischung aus Family and Friends.

© What Moves You/Charlotte Fischer

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Musikalische Unterstützung erhielt das Projekt zum dritten Mal vom Moskauer Jugend-Orchester Gnessin Virtuosen. Zur Einstimmung ertönt Mendelssohn-Bartholdys Hebriden-Ouvertüre in einer konzertanten Darbietung, ohne eurythmische Interpretation. Dann folgt eine sogenannte „Stille Form“, entstanden aus den gemeinsamen Eurythmie-Stunden der vergangenen vier Wochen. Die komplette Gruppe tritt auf die Bühne und bewegt sich in großer Achtsamkeit, ein großes Atmen und Pulsieren, sehr konzentriert und intensiv. Dann gilt es, eine Durststrecke zu überwinden: Die eigens für das Programm vergebene Auftragskomposition Ricercar V von Roland Bittmann (Jahrgang 1958), in der Einführung als „Brückenschlag“ zwischen Stiller Form und dem Hauptwerk des Abends, Schuberts Sinfonie in C-Dur („Die Große“), angekündigt, überfordert sichtlich viele Zuschauer. Die ungewohnten Harmonien erfordern ein aktives Zuhören, zur Anstrengung des Zuhörens kommt eine Irritation beim Zuschauen: Die Eurythmisten sind zwar zunächst noch alle zu sehen, doch ihr Beitrag besteht vor allem darin, dass sie ohne weitere Gesten immer wieder in kleinen Gruppen die Bühne verlassen. Das Ganze zieht sich ein wenig in die Länge und hinterlässt zumindest in meinem Umkreis etwas ratlose Zuschauer. Dann ist erst einmal Pause. Das sei bestimmt ganz schön schwierig für das Orchester, diese Musik zu spielen, lautet der diplomatische Kommentar einer meiner Töchter.

Doch nach der Pause geht es mit neuem Schwung weiter. Mit sichtbarer Freude und starkem Ausdruck, mit eindrucksvoller Koordination und gegenseitiger Wahrnehmung bewältigen die jungen Teilnehmer die vier Sätze der Schubert-Sinfonie, die sowohl musikalisch als auch in der eurythmischen Umsetzung sehr unterschiedlichen Charakter haben. Die Stimmung im Saal steigt spürbar, am Ende belohnen frenetischer Applaus und Standing Ovations die jungen Künstlerinnen und Künstler. Die beiden Nachwuchs-Kritikerinnen an meiner Seite sind sich einig: Am besten haben ihnen die Passagen gefallen, in denen sich besonders viele Eurythmisten gemeinsam auf der Bühne bewegt haben. Auch ich bewundere, wie sich jeder Einzelne hoch konzentriert und harmonisch ins Ganze eingefügt hat, ich kann mir gut vorstellen, welche Freude es den Teilnehmenden bereitet hat, das Ergebnis ihrer Probenarbeit nun gemeinsam zu präsentieren.

Am nächsten Morgen nehmen wir den gut gefüllten Sprinter zurück nach Frankfurt. Mit uns am Tisch sitzt eine junge Frau, der ein Laden für Sportkleidung und -schuhe zu gehören scheint. Zwei Stunden lang telefoniert sie mit einer Kollegin über die Schuhmodell-Auswahl für die nächste Saison, etwas holperig, immer wieder von Funklöchern unterbrochen. „Ich finde, wir sollten neben den Essentials auf jeden Fall auch ein paar Extras einplanen, einfach mehr Glamour. Den pinken vielleicht? Und dieses Türkis und Silber, das kommt auch richtig stark.“ Ich muss ein Grinsen unterdrücken. Sind wir nicht eigentlich alle immer wieder auf der Suche nach den „Magic Moments“? Ich bin sicher, die Erinnerungen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer von „What Moves You“ an diesen ganz besonderen Berliner Sommer werden sie länger als eine Saison begleiten. ///

 

What moves you 2016 war das vorerst letzte Treffen dieser Art – die Macher haben eine kreative Atempause angekündigt, um über mögliche neue Formate nachzudenken. Im Herbst 2016 erscheint eine DVD mit einem Live-Mitschnitt der Premiere am 27. August.
Mehr Informationen: www.whatmovesyou.de