Die Skepsis, mit der viele KundInnen den Verkauf von hessnatur an einen Finanzinvestor beobachtet haben, scheint bestätigt: Der neue Eigentümer Capvis hat Anfang August überraschend mitgeteilt, dass der langjährige hessnatur-Geschäftsführer Wolf Lüdge das Unternehmen mit sofortiger Wirkung verlässt. Seine Aufgaben übernimmt komissarisch der Ex-Arcandor-Vorstand und hessnatur-Beiratsvorsitzende Marc Sommer, der als Bevollmächtiger der Hess Natur Holding GmbH eingesetzt wurde.

Sowohl der hessnatur-Betriebsrat als auch die Genossenschaft hnGeno haben sich äußerst besorgt zum Weggang des langjährigen hessnatur-Geschäftsführer Wolf Lüdge geäußert: Man sei „schockiert“ über diese Entwicklung, so die Organisation von Mitarbeitern, die hessnatur gern übernommen hätte, aber gegen den Schweizer Investor den Kürzeren zog. Wie der Betriebsrat berichtet, wurden die Mitarbeiter über die tiefgreifende Personalentscheidung schriftlich informiert. Bei einer kurzfristig einberufenen Betriebsversammlung habe große Betroffenheit geherrscht.

Wolf Lüdge hatte das Unternehmen seit 2001 gemeinsam mit Bernd Oppenrieder geleitet, Branchenkenner führen den erfolgreichen Ausbau von hessnatur zum Marktführer im deutschsprachigen Raum auf Lüdges Engagement zurück. Nach der Übernahme des ursprünglich anthroposophisch inspirierten Ökomode-Pioniers hatte Capvis noch im Juni betont, man wolle „gemeinsam mit den Führungskräften und Mitarbeitern das Unternehmen am Standort Butzbach in seiner spezifischen Identität mit seinen Werten bewahren.“ Diese Zusagen seien wohl „nicht mehr als ein Lippenbekenntnis“ gewesen, so die hnGeno-Aufsichtsratsvorsitzende Andrea Rothkegel in einer Pressemitteilung der Genossenschaft. Dass ein langjähriger und verdienter Geschäftsführer von heute auf morgen ohne Angabe von Gründen das Haus verlassen müsse, sei alles andere als nachvollziehbar – ebenso wenig wie die Einberufung von Ex-Arcandor-Vorstand Marc Sommer, der von Capvis gegenüber den Mitarbeitern im Juni nur als Berater kommuniziert worden sei.

Die von verschiedenen Seiten geäußerte Kritik am Verkaufsprozess bekommt durch die jüngsten Vorgänge jedenfalls neuen Brennstoff. Johannes Mosmann bezeichnet den kommissarischen Geschäftsführer Sommer auf der Website des Instituts für soziale Dreigliederung als „Bonus-Boy“ und fragt nach den Gründen dafür, dass ausgerechnet der „Hauptverantwortliche für die größte Insolvenz in der Geschichte Deutschlands, die Arcandor-Pleite“, an Lüdges Stelle gesetzt wird. Auch auf dem Kunden-Portal wir-sind-die-konsumenten.de sowie im hessnatur-Unternehmens-Blog reißen die kritischen Kommentare nicht ab und haben nach Bekanntwerden der Personalie noch einmal deutlich zugenommen.

Die hnGeno will die Geschehnisse bei hessnatur ebenfalls weiter im Auge behalten: „Wir sehen uns als kritischer Wächter eines nachhaltigen Unternehmens, mit dem Rückhalt zahlreicher Kunden, Lieferanten und Mitarbeiter. Das Wohl der Letztgenannten liegt uns besonders am Herzen, da das Thema Arbeitsplatzsicherung ein integraler Bestandteil des Genossenschaftskonzepts ist“, so Rothkegel. Deswegen hoffe man bei der Genossenschaft, dass die seitens Capvis im Juni auf einer Mitarbeiterversammlung anvisierten Arbeitsplatzgarantien eingehalten werden würden. Nach wie vor seien die Genossenschaft hnGeno und ihr Partner DIH daran interessiert, das traditionsreiche Unternehmen weiterzuführen, sollte Capvis sich zurückziehen wollen.

(Quellen: Pressemitteilungen hessnatur-Betriebsrat, hnGeno/Red.)