Von Till Brandt

Motiv: Sulafa Hijazi

Motiv: Sulafa Hijazi

Nato-Panzer vor dem Goetheanum? – Wer sich dem aussetzt, was der ehemalige Waldorfschüler Daniel Ganser  alles von sich gibt, kann – wenn er über Humor verfügt – auch so ein Szenario nicht mehr ausschließen. Bei Putins Propagandasender „RT“ ist der Verschwörungs-Tycoon Ganser, der natürlich nicht als Verschwörungstheoretiker bezeichnet werden will, ein gern gesehener Gast. Diese Tatsache allein sagt schon viel über ihn aus und Leute wie er sind gemeint, wenn aufrechte Journalisten wie Golineh Atai oder Boris Reitschuster im Zusammenhang mit dem Ukraine-Konflikt von „Informationskriegern“ sprechen. Wenn selbst der deutsche Außenminister Steinmeier als Kriegstreiber beschimpft wird, dann kann man sich dafür auch bei „Historikern“ und „Friedensforschern“ wie Ganser bedanken.

Auf vier Seiten darf dieser in der Zeitschrift Das Goetheanum ein antiwestliches Gemisch von – geschickt mit Wahrheiten angereicherten –  Einseitigkeiten, Verdrehungen, Halbwahrheiten und Lügen verbreiten, ohne auch nur ein einziges Mal Kritik an Putin und seinen Machenschaften in Russland, Syrien und der Ukraine zu üben. „Nachrichten bewältigen“ lautete passenderweise der Titel des Heftes. PEGIDA und der von Russland unterstützte Front Nationale wären begeistert und es wird deutlich, warum Ganser in der Szene der Verschwörungstheoretiker als der Beste gilt.

„Wenn Sie auf dem europäischen Kontinent Faschismus auf Staatsebene sehen wollen: Schauen Sie russisches Staatsfernsehen. Totale Propaganda, totale Desinformation, aber wirkungsvoll“, sagt der ehemalige litauische Premierminister Kubilius. Man möchte lieber nicht wissen, welche Geldsummen Ganser für seine Beiträge in russischen Fernsehsendern erhält.

Er räumt die von Putin zugegebene Besetzung der Krim durch russische Truppen ein, aber warum verschweigt er, wie Putin, was in der Ostukraine wirklich los ist? Was berechtigt ihn von „verdeckter Kriegsführung“ der Nato in der Ukraine zu sprechen? Was meint er damit?  Warum fragt der Interviewer nicht nach? Das Goetheanum hätte zu weltweiter Berühmtheit gelangen können, wenn Ganser Beweise vorgelegt hätte.

Es fehlt eigentlich nur noch, dass Ganser behauptet, die Nato hätte russische Panzer und Soldaten in die Ukraine geschickt. Aber Spaß beiseite, denn Gansers Ausführungen sind überhaupt nicht lustig. Er bezeichnet sich als „Historiker, der verdeckte Kriegsführung untersucht“. Warum klärt er dann nicht darüber auf, dass Putin in der Ukraine einen verdeckten, nicht erklärten Krieg von der Art führt, wie Hitler ihn mit der Legion Condor in Spanien führte? Dabei wird mit Soldaten operiert, denen das Hoheitszeichen von der Uniform entfernt wurde und deren Existenz geleugnet wird.

Er suggeriert im Goetheanum, dass es beim Sturz von Putins Marionette Janukowitsch nicht mit rechten Dingen zuging. An anderer Stelle spricht er von einem Putsch, gemäß der Lüge von Putin, dass in der Ukraine ein faschistischer Putsch mit Hilfe des Westens stattfand (Jutta Ditfurth und Guido Grandt, Mitautor des Buches Schwarzbuch Anthroposophie, lassen grüßen). Damit diffamiert er die großartige und mutige Massenrevolte für Rechtsstaatlichkeit und Demokratie in der Ukraine.

In zahlreichen Interviews „informiert“ Ganser zu den Themen Afghanistan, Libyen und Syrien auf eine extrem einseitige und völlig unakzeptable Weise. Er unterschlägt beispielsweise, dass in Libyen unzählige Menschen dem Eingreifen einiger Nato-Länder (nicht „der Nato“ wie Ganser behauptet) ihr Leben verdanken und viele Libyer dafür auch heute noch dankbar sind. Man könnte fast meinen, Ganser bedauert es, dass Gaddafis Panzer und Flugzeuge zerstört wurden und dass es in Libyen zu freien Wahlen kam. Das passt einfach nicht in sein Weltbild. Er erwähnt nur das heutige Chaos in Libyen, aber was kann denn „die Nato“ dafür, wenn radikale Islamisten das letzte Wahlergebnis nicht anerkannten und die demokratisch gewählte Regierung von Tripolis nach Tobruk fliehen musste?

Zehntausende von Menschen und u.a. die kurdische Stadt Kobane wurden letztes Jahr durch militärische Aktionen gegen den IS gerettet, die Putin-Schönfärber wie Ganser einfach nur als illegal bezeichnen, weil Putin im UN-Sicherheitsrat natürlich nicht zustimmen würde, dass „Syrien bombardiert wird“ (so die Ausdrucksweise Gansers in einem anderen Interview). In Wahrheit ist es Putins Verbündeter Assad, der gnadenlos ohne geringste Rücksicht auf die eigene Bevölkerung Syrien bombardiert.

Die Anwohner der historischen Städte Alqosh der assyrischen Christen im Nordirak blieben letztes Jahr wie durch ein Wunder verschont. Engel mit Flügeln hätten die IS-Angreifer vertrieben, sagen die Gläubigen. Ein sehr anthroposophischer Gedanke. Die Rettung war in der Tat aus der Luft gekommen aber – sorry – es waren Obamas Kampflugzeuge.

Ganser behauptet: „Die Nato fördert Frieden und Sicherheit der Menschen nicht“. Er sollte Putins Propagandafilme kennen, in denen gepriesen wird, wie schnell und locker russische Panzer Berlin einnehmen und seine Raketen Großstädte des Westens zerstören können. Es hat schon gute Gründe, dass Länder wie Polen und die baltischen Staaten unbedingt unter den Schutzschirm der Nato wollten.

Ganser tut so, als würde er zensiert, wenn er dafür plädiert, dass die Ukraine nicht in die Nato aufgenommen werden sollte. Das ist nun wirklich lächerlich, denn man wird zur Zeit kaum einen Politiker und kaum einen Journalisten finden, der für einen Nato-Beitritt der Ukraine plädiert und selbst der frühere US-Außenminister Henry Kissinger schlug vor, dass die Ukraine darauf verzichtet. Ganser stilisiert sich selbst zum mutigen Non-Konformisten hoch und verbreitet doch nur den längst bekannten Anti-USA-Mainstream. Er ist ein Meister der Selbstvermarktung, kassiert horrende Summen für Vorträge und schafft es, bei ahnungslosen Gemütern Seriosität vorzugaukeln.
Ich würde mir von allen Anthroposophen wünschen, dass sie auf der Seite von (selbstverständlich auch die USA und andere westliche Länder  kritisierenden) Menschenrechtsorganisationen stehen. Auf der Seite der mutigen und malträtierten Opposition in Russland und der Freiheitsbewegung der Ukraine, auf der Seite von Schriftstellern wie Katja Petrowskaja, Juri Andruchowytsch und Svetlana Alexijewitsch, die weit mehr die „große slawische Seele“ verkörpern als ein Wladimir Putin, der sein „Christsein“ dadurch demonstriert,  dass er sich bei einem Fototermin ein Kreuz um den Hals hängt und anschließend mit nacktem Oberkörper auf ein Pferd steigt.

 

Till Brandt ist ehrenamtlicher Mitarbeiter der Gesellschaft für bedrohte Völker.